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Die Schätze des Kreuzchorarchivs

Von der Schülermütze bis zum Schiffsreisetagebuch Die Schätze des Kreuzchorarchivs

200 laufende Meter Archivgut lagern im Archiv der Kreuzschule und des Kreuzchors. Darunter finden sich alte Schülerhefte, Notenbücher und Beurteilungen von ehemaligen Kruzianern, auch Stundenpläne und Klassenbücher.

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„Wie lange wollen wir diese Hysterie noch zulassen?“

Annett Schmerler kümmert sich um das Archivgut des Kreuzchors und der Kreuzschule.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. „Solche Mützen haben die Kreuzschüler bis zum Zweiten Weltkrieg getragen“, sagt Annett Schmerler. Behutsam nimmt die Archivarin die blaue Kopfbedeckung aus der runden Schachtel und bringt sie auf dem Tisch in Position fürs Foto. Wir befinden uns im Archiv des Kreuzchors und der Kreuzschule. Der Raum im Keller des Kreuzgymnasiums an der Dornblüthstraße in Striesen verfügt über zwei Ebenen und ist klimatisiert. Frische 18 Grad Celsius herrschen hier. Seit 2006 betreut Annett Schmerler das Archiv. Vier Tage im Monat ist sie hier, die andere Zeit arbeitet sie in der Hochschulbibliothek in Köln. Schätzungsweise 200 laufende Meter Archivgut lagern im Archiv in Dresden. „Wir bewahren hier alles auf, was in irgendeiner Weise mit der Geschichte des Kreuzchors oder Kreuzschule zu tun hat“, erklärt die 44-jährige Musikwissenschaftlerin.

Außer der Stoffmütze finden sich dort natürlich vor allem papierne Zeitzeugen – Schülerhefte, Notenbücher und Beurteilungen von ehemaligen Kruzianern, auch Stundenpläne und Klassenbücher. „Sehen Sie“, sagt Annett Schmerler und weist auf die Schuljahresnachrichten von 1826, „das ist ein Schülereintrag von Richard Wagner“. Der berühmte Komponist sei damals Kreuzschüler gewesen und habe (nach seinem Stiefvater) mit Familiennamen Geyer geheißen. Die Schülernamen seien seinerzeit nicht nach dem Alphabet, sondern nach der Leistung aufgelistet worden, erklärt die Musikwissenschaftlerin. Demnach müsse Wagner ein eher mittelprächtiger Schüler gewesen sein.

Seit 1889 nahezu lückenlos vorliegen hat die Archivarin die gedruckten Programme des Kreuzchors. Auch Konzertkritiken aus Zeitungen und Materialien über die Kreuzkantoren lagern in den Schränken und Rollcontainern im Archiv. Und es gibt eine Tonträgersammlung mit Konzertmitschnitten. Viele Archivalien, darunter die alten Programmhefte und Plakate, haben Restauratoren des Stadtarchivs bereits restauriert.

Bei den Luftangriffen 1945 brannte die alte Kreuzschule am Georgplatz aus. Damit gingen auch sämtliche Unterlagen verloren, die im dortigen Archiv lagerten. Erhalten geblieben sind beispielsweise besagte Schuljahresnachrichten. „Sie erschienen in gedruckter Form, ehemalige Kruzianer haben sie der Schule nach dem Krieg zur Verfügung gestellt“, berichtet die Archivarin.

Heute ist das Archiv des Kreuzchors und der Kreuzschule eine Außenstelle des Stadtarchivs. Es besteht seit 1996. Auf den Weg gebracht hat es Stefan Noth, der ehemalige Leiter des Kreuzgymnasiums. „Bis dahin sind die Bestände unsortiert in den Lehrerzimmern gelagert worden“, sagt Annett Schmerler. Interessenten können sich das Archivgut – darunter viele Unikate – an sechs Arbeitsplätzen anschauen. Viele Ehemalige wollen ihre Schülerakte sehen. Fast 50 Anfragen im Monat, sogar aus Übersee, bekommt die Archivarin im Moment. Dass es so viele sind, dürfte mit dem Kreuzchor-Jubiläum zusammenhängen, vermutet sie. Für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind personenbezogene Akten: „Ich könnte Ihnen jetzt nicht die Schülerakte von Peter Schreier zeigen“, sagt Annett Schmerler und schmunzelt.

Und welches Original hütet die Archivarin besonders, weil es das älteste im Bestand ist? „Das ist ein Programmheft von 1797, es kündigt das Neujahrskonzert des Kreuzchors in der Kreuzkirche an.“ Besonders am Herzen liegen der Archivarin Berichte überlebender Kreuzschüler über den 13. Februar 1945. Der Keller der Kreuzschule, in den die Jungs damals geflüchtet waren, habe zwar standgehalten. „Aber sie hatten alle eine Kohlenmonoxid-Vergiftung“, erzählt sie. Man habe die Jungs nach dem Angriff aus dem Keller herausgeholt. „Manche sind wieder zu sich gekommen, andere nicht“, berichtet Annett Schmerler. Es sei ergreifend gewesen, von einem Zehnjährigen zu lesen, wie er beschreibt, dass der Freund neben ihm nicht mehr aufgewacht ist. „Das geht unter die Haut“, sagt sie. Diese Berichte überlebender Kreuzschüler würden gerade im Stadtarchiv digitalisiert.

Zu den Schätzen, die im Archiv lagern, gehört auch das Tagebuch eines Kruzianers von der zweiten großen Schiffsreise des Chors nach Amerika unter Rudolf Mauersberger aus dem Jahre 1938. Aus den in Schönschrift verfassten Reiseberichten, den eingeklebten Ansichtskarten und der genau aufgemalten Reiseroute geht hervor, dass die Kruzianer damals zwei Monate lang unterwegs gewesen und umjubelte Konzerte u.a. in New York, Philadelphia, Washington, und Baltimore gegeben haben müssen. „Dieses Reisetagebuch wurde für 400 Euro im Antiquariat angeboten“, berichtet Annett Schmerler. Andere Zeitzeugnisse bekomme sie aus Nachlässen ehemaliger Kruzianer, manches finde sich auch auf dem Dachboden - so wie die blaue Schulmütze.

Von Katrin Richter

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