Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 14 ° Gewitter

Navigation:
Google+
Die Mumie vom Krankenhaus Friedrichstadt - Sammlung von Georg Schmorl verstaubt in Kisten

Die Mumie vom Krankenhaus Friedrichstadt - Sammlung von Georg Schmorl verstaubt in Kisten

Eine Mumie richtet sich in der Pathologie des Krankenhauses Friedrichstadt auf. Nicht in Zeitlupe, wie es Macher von Horrorstreifen gern darstellen, aber immerhin Jahr für Jahr um einige Millimeter.

Von Madeleine Arndt

Ihr vertrockneter Mund ist zu einem spitzen Schrei geöffnet und die rotbraunen, knorrigen Hände sind erhoben, so als wolle sie sich gleich auf einen Rachefeldzug begeben. Schneewittchen haben die Ärzte die Mumie getauft, sicher nicht wegen ihrer Schönheit, sondern weil sie in einem Glaskasten ihr Dasein fristet. Und Schneewittchen ist Teil der pathologisch-anatomischen Sammlung des Pathologie-Instituts "Georg Schmorl" in der Friedrichstadt.

Die mumifizierte Leiche wurde im Herbst 1946 ins Institut gebracht, erzählt Pathologieleiter Gunter Haroske. Um ihr Ende ranken sich viele Geschichten. So heißt es, dass die Schwester den Todesfall nicht gemeldet hatte und der Mumifizierung zugesehen hatte. Weil es extrem kalt und trocken war, verweste die Leiche nicht. Man vermutete einen Lebensmittelbetrug, aber die Lebensmittelkarten der Toten wurden fein säuberlich aufbewahrt und nicht eingelöst. Die Schwester muss psychisch labil gewesen sein, mutmaßt der Mediziner. Als die Leiche schließlich entdeckt wurde, brachte man sie in die Pathologie nach Friedrichstadt. Damals lag sie noch ganz gerade, aber weil sich ein vertrocknender Körper zusammen krümmt, sitzt sie heute fast aufrecht.

Das ist natürlich großes Kino. Viele Dresdner kommen wegen der Mumie hier her, sagt Haroske. Zumindest die, die von der pathologisch-anatomischen Sammlung wissen, denn sie fristet ein Schattendasein. Dabei ist sie eine einzigartige medizinhistorische Dokumentation mit seltenen pathologischen Befunden, Präparaten, morphologischen Geräten und Dokumenten, die bis in das Jahr 1849 zurückreichen. Kernstück bildet die Schmorl'sche Sammlung - Untersuchungen des Knochenpathologen Georg Schmorl, der von 1894 bis 1931 das Institut im Krankenhaus Friedrichstadt leitete.

Mit großem Interesse hatte der Mediziner 1895 die Entdeckung der Röntgenstrahlen durch Wilhelm Conrad Röntgen verfolgt und holte eins der ersten Röntgengeräte nach Dresden. Das Gerät nutzte er für Knochenuntersuchungen, vor allem um Fehlbildungen an der Wirbelsäule zu studieren. Seine Dokumentationen bilden dabei einen Dreiklang aus dem jeweiligen anatomischen Präparat, Röntgenaufnahmen desselben und fotografischen Abbildungen, wobei Schmorl anfangs nach alter Technik Glasplatten als Bildträger benutzte. "Schmorl war ein Meister der Fotografie", schwärmt Haroske. So versuchte er sich auch in der räumlichen Fotografie und fertigte mit einem Stereoskop etwa hundert dreidimensionalen Abbildungen von Präparaten an. In fast vier Jahrzehnten seiner Tätigkeit habe Schmorl dem Krankenhaus allein 20 000 Röntgenaufnahmen und Fotos sowie mehrere hundert Präparate von Wirbelsäulen hinterlassen, überschlägt Haroske den Umfang der Dokumentationen.

In erster Linie interessierte sich Schmorl für Fehlbildungen an der menschlichen Wirbelsäule - nach ihm sind die Schmorl-Knorpelknötchen benannt, das sind Verlagerungen von Bandscheibengewebe an der Wirbelsäule. Aber der Pathologe wohnte auch der Untersuchungskommission bei, die 1926 dem mysteriösen Sterben der Schneeberger Bergarbeiter nachging. Durch das Sezieren der Verstorbenen gelang der Kommission der Nachweis des Schneeberger Lungenkrebses, der durch das Einatmen radioaktiver Stoffe, bedingt durch den Zerfall von Uran, befördert wurde. Ein Feuchtpräparat von einer zerfressenen Lunge, dass aus dieser Zeit erhalten ist, zählt zu den prominenten Exponaten in der Friedrichstädter Pathologie.

Die Schmorl'sche Sammlung ist vermutlich nach der Mineraliensammlung in Freiberg die älteste komplett erhaltene Naturaliensammlung Sachsens. Sie umfasse große Schätze seltener Befunde, die man nur heben müsse, so Haroske. Fast wäre sie bei der Flut 2002 verloren gegangen, aber mit EU-Mitteln in Höhe von 150 000 Euro konnten gerade die durchnässten Fotografien gerettet werden. "Wir bräuchten jetzt dringend eine wissenschaftliche Aufarbeitung", stellt der Pathologie-Chef fest. Doch es fehlt schon am Geld, um die Sammlung dauerhaft zu erhalten. Das Krankenhaus hat keine Mittel, um die Exponate und Präparate zu katalogisieren, zu pflegen und fachgerecht aufzubewahren. Das meiste lagert seit Jahrzehnten in Kisten und nur ein kleiner Ausschnitt ist in einem Kellerraum des Instituts ausgestellt. Die imposanten Feuchtpräparate in den Glasgefäßen müssten eigentlich regelmäßig aufgefüllt werden, aber man kann sich keinen Präparator mehr leisten. Der letzte ist vor vier Jahren in den Ruhestand gegangen. Etwa 40 000 Euro im Jahr würde die Stelle kosten, schätzt Haroske.

Obwohl Kulturbürgermeister Ralf Lunau (parteilos) die "große kultur- und wissenschaftshistorische Bedeutung" und den "hohen ästhetischen Wert" der Sammlung lobt, sieht sich die Stadt Dresden nicht gewillt, ihren Erhalt auch nur teilzufinanzieren. Eine Anfrage der DNN wurde diesbezüglich mit einem klaren "Nein" beantwortet. Stattdessen legte man dem Krankenhaus nahe, sich mit den Technischen Sammlungen Dresden und dem Hygiene-Museum im Verbindung zu setzen, um vorhandenes Wissen zu konservatorischen Aufgaben gemeinsam zu nutzen. Auch sollte man versuchen, über die Sächsischen Landesstelle für Museumswesen in Chemnitz Fördermittel abzugreifen.

Haroske ist den Empfehlungen gefolgt - mit mäßigem Erfolg. So gibt es mit den Technischen Sammlungen Überlegungen, ein Präsentationskonzept zu erstellen. Doch wozu das Interesse der Öffentlichkeit für die Exponate wecken, wenn kein Präparator diese pflegt? In der Privatwirtschaft hat sich bisher auch kein Mäzen gefunden. Von der Landesstelle für Museumswesen hieß es, man wolle über eine Förderung nachdenken. "Das ist auch schon zwei Jahre her", sagt der Pathologie-Chef und klingt dabei ein wenig müde.

Die pathologisch-anatomische Sammlung hat keine festen Öffnungszeiten; Anfragen per Email an patho@khdf.de oder telefonisch unter 0351/480 3770

*2. Mai 1861 in Mügeln; † 14. August 1932 in Dresden

- besuchte die Prinzenschule Sankt Afra (heute Sächsisches Landesgymnasium Sankt Afra) in Meißen

- nach Abschluss studierte er ein Jahr Mathematik in Freiburg im Breisgau

- danach bis 1887 Medizinstudium in Leipzig

- 1892 Dissertation über Eklampsie

- 1894-1931: Leiter des pathologisch-anatomischen Instituts des Stadtkrankenhauses in Dresden-Friedrichstadt

- starb im August 1932 an einer Blutvergiftung, nachdem er sich bei der Sektion einer Wirbelsäule am Finger verletzt hatte Quelle: Wikipedia

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
27.07.2017 - 10:07 Uhr

Gastgeber Koblenz benennt Stadion in der sächsischen Muldestadt als Ausweichspielstätte.

mehr
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.