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Die Herrin der Ampeln - ein Besuch im Verkehrsleitzentrum

Die Herrin der Ampeln - ein Besuch im Verkehrsleitzentrum

Es ist Donnerstagnachmittag auf der Augustusbrücke. Die müde Herbstsonne legt die Dreckflecke auf der Windschutzscheibe frei, das Radio ödet mit Blabla auf allen Stationen und es geht keinen Meter vorwärts.

Von Heiko Weckbrodt

Verdammte Ampel - jetzt wären wir drangewesen! Im Rückspiegel saust ein BMW an einem tuckelnden Bus der Stadtrundfahrt vorbei, dann ein Golf. Weit kommen sie nicht: Beide Spuren sind vollgestaut. Nach zehn Minuten Rotlicht wird ein tiefergelegter VW kühn und ignoriert die Ampel, ein Opel folgt dem Herdentrieb...

Sechs Kilometer weiter südöstlich schaut Edith Fiebig entgeistert auf einen ihrer drei großen Flachbildschirme an der Wand. Nochmal und nochmal klickt sie mit ihrer Maus: Null Reaktion. Die Ampel am Neustädter Markt ist und bleibt dauerrot, lässt sich nicht mal zwangsausschalten. Störrisches Ding!

18 Jahre schon sitzt die Dispatcherin auf diesem Sessel in einer gut versteckten Schaltzentrale an der Lohrmannstraße. Normalerweise bleibt sie immer schön cool - man ist ja Vollprofi. Das aber sind die Momente, in denen sie den Stress kribbeln spürt. Sie greift zum Handy (früher, vor der Wende, war das mal so ein Funk-Dingsbums, aber die Zeiten ändern sich) und ruft die Polizeileitstelle in der Schießgasse an: Gute alte Handarbeit ist wieder mal im Verkehr gefragt. Die Polizei schickt gleich einen Wagen los. In letzter Zeit passiert es ihr immer öfter, dass die Kollegen drüben sagen: Tut uns leid, geht nicht, kein Personal frei - aber diesmal klappt's.

Sechsmal so viele Ampeln wie zu DDR-Zeiten

Okay, eine Akutlösung ist gefunden, die Polizisten werden den Stau bald auflösen. Derweil hat Fiebig ein Technikerteam losgeschickt, um sich die verrückte "Lichtsignalanlage" (LSA) vor Ort anzuschauen. "Ich versuch immer, ein Team zu beauftragen, das sich auf die jeweilige Technik spezialisiert hat", erklärt sie mir später. Denn Dresden hält's pluralistisch: Die Technik kommt teils von Siemens, teils von "Dresden Elektronik", Philips, Swarco und wie sie alle heißen.

In der abgedunkelte Dispatcherzentrale bei Edith Fiebig strömen all diese Computerinfos zusammen. "Im Moment läuft alles wie am Schnürchen", zeigt sie auf die grünleuchtenden Punkte auf ihrem Hauptbildschirm. "Grün" ist gut, das symbolisiert eine funktionierende Ampel. 460 davon gibt es heute in Dresden, fast sechsmal so viele wie zu DDR-Zeiten. 400 davon werden von fünf Steuerrechnern koordiniert, die in der ganzen Stadt versteckt sind - beim Elbepark, an der Wiener Straße, zwei in der Lohrmannstraße, einer in Klotzsche.

Und was ist mit den anderen 60 Ampeln? Die fahren ihr eigenes, autonomes Programm, erklärt Fiebigs Chef Dietmar Klinkigt, mit seinen fast 40 Jahren Betriebserfahrung ein Dresdner Verkehrs-Guru. "Das hängt mit der Signaldämpfung im Kupferkabel zusammen", sagt er. "Ist eine Ampel weiter als 15 Kilometer von nächsten Steuerrechner weg, kommt das Signal nicht durch." Das werde sich ändern, wenn erst überall Glasfaserleitungen verlegt sind.

Verkehrsleitsystem wird für 3,4 Millionen Euro ausgebaut

Und dieses ganze System wird in den nächsten Jahren noch komplexer: Seit 2007 ist ein Verkehrsleitsystem im Probebetrieb, das bis 2014 für 3,4 Millionen Euro mit der TU ausgebaut wird: Es wertet die Verkehrsdichte im Stadtgebiet mit Infrarotkameras, Web-Cams, Induktionsschleifen und anderen elektronischen "Augen und Ohren" aus und kann bei Staus die allgegenwärtigen gelben Verkehrsschilder durch Drehprismen so ändern, dass sie Einpendler auf alternativen Routen ins Zentrum lotsen.

Folgt Grün zu rasch auf Grün, schaltet sich ganze Kreuzung ab

Schon heute haben Mensch und Maschine ordentlich zu tun, um das seit der Wende komplexer gewordene Verkehrsgeflecht in der Stadt geschmeidig am Laufen zu halten. Ein Beispiel: Allein am Pirnaischen Platz gibt es 150 bis 200 Ampel-Signalgeber - so genau weiß das selbst Klinkigt nicht aus dem Kopf -, und das macht ihn zur größten Kreuzung in Deutschland, die von nur einem Steuergerät koordiniert wird. Das muss vor allem dafür sorgen, dass niemals zwei querende Fahrzeugströme gleichzeitig Grün bekommen.

In Dresden sei dieser Super-Gau noch nie passiert, versichert Klinkigt. "An jeder Ampel gibt es Festspeicher, die die Zwischenzeiten manipulationssicher fixieren. Merkt das System, dass diese Werte zu sehr sinken, schalten sich alle Ampeln gleichzeitig ab. Dann gelten wieder die Verkehrsschilder."

Ich schaue wohl etwas unverständig drein, denn der Mann erklärt die ominösen "Zwischenzeiten": Ampel A zum Beispiel schaltet in Richtung Carolabrücke von "Grün" auf "Rot". Erst wenn diese Ampel auf der St. Petersburger definitiv "Rot" zeigt, bekommt die querende Blechlawine von der Grunaer Straße "Grün". Die Zeit zwischen diesen beiden potenziell kollidierenden Grün-Phasen heißt die "Zwischenzeit", die von der Geometrie der Kreuzung abhängt.

Diese Zwischenzeit wird automatisch protokolliert und jahrzehntelang aufbewahrt, damit später, bei einem Prozess, nicht gleich zwei Kolliseure behaupten können: "Ja aber wir hatten doch beide ,Grün'!". Im Protokoll steht, welches Programm die Ampel absolvierte, wie lang "Zwischenzeiten" und "Umlaufzeiten" an der Kreuzung waren. Ah ja, die "Umlaufzeit": Wenn die nicht stimmt, ärgern sich die Autofahrer über "ewige" Rotphasen an der Kreuzung. Das ist die Spanne, die zwischen zwei Grünphasen in einer Richtung vergeht. "Am Pirnaischen Platz sollte sie 110 Sekunden nicht überschreiten", sagt Klinkigt.

Kleine Abweichungen schaukeln sich stundenlang hoch

Warum die Einschränkung "sollte"? Von einem Computer nimmt man doch an, dass er nie irrt?! Am Rechner liegt das selten, antwortet Klinkigt, aber in den Ampeln steckt eben noch viel traditionelle Technik und die kann kleine Schaltverzögerungen im stundenlangen Dauerbetrieb so lange ansammeln, bis das Zwischen- und Umlaufzeit-Management selbst den schnellsten Computer überfordert. Ganz zu schweigen von Bus und Bahn, die sich per Prioritätsschaltung Grünphasen "abknapsen". "Grüne Wellen" per Knopfdruck für Staatsgäste gibt es übrigens nicht mehr. "Das war mal zu DDR-Zeiten so", erinnert sich Klinkigt. "Heute macht man das mit Motorradstaffeln, das ist einfacher."

Ach, und wie ist das mit der verpatzten Umlaufzeit am Neustädter Markt eigentlich ausgegangen? "Das war blanker Stress", sagt Edith Fiebig. "Aber nach 50 Minuten hatten wir das Problem wieder im Griff."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.10.2011

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