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Die Brückenbauerin: Zu Hause bei In AmSayad Mahmood

Die Brückenbauerin: Zu Hause bei In AmSayad Mahmood

Der Geruch von Weihrauch strömt in den Hausflur, als In Am Sayad Mahmood die Wohnungstür öffnet. "Den Weihrauch habe ich extra aus Dubai bestellt, hier bekomme ich sowas nicht", erzählt die Vorsitzende des Ausländerrats. Wir durften ihr Zuhause besichtigen.

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Für ihren Einsatz für ein friedliches Zusammenleben und für Verständnis kultureller Diversität verlieh Joachim Gauck der Dresdnerin 2014 das Verdienstkreuz am Bande.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Der Geruch von Weihrauch strömt in den Hausflur, als In Am Sayad Mahmood die Wohnungstür öffnet. "Den Weihrauch habe ich extra aus Dubai bestellt, hier bekomme ich sowas nicht", erzählt die Vorsitzende des Ausländerrats. Die 1,52 Meter große Frau trägt ein dunkelblaues Strickkleid, das ihre kurzen grauen Haare leuchten lässt. Im offenen Eingangsbereich der Wohnung zeigt sie ihre selbstgebaute Räucherkonstruktion: Auf einer kleinen Kommode steht ein altrosa Kerzenglas mit einem brennenden Teelicht darin. Darüber hat Sayad Mahmood einen Streifen Alufolie gelegt, auf dem dunkle Weihrauchstückchen vom Teelicht erhitzt ihren Duft verströmen. Das Räuchermännchen daneben, den runden Mund zum Paffen bereit, hat an diesem Tag frei.

In der Küche schenkt Sayad Mahmood schwarzen Tee in Kristallgläschen ein. Sie gehören zur Gläsersammlung der gebürtigen Irakerin. "Niedlich, oder? Das sind eigentlich Whiskeygläser", erklärt sie. "Aber die sehen so ähnlich aus, wie die Teegläser in der Heimat." Auf dem Küchentisch liegt ein handgearbeiteter blauer Läufer, durchwoben von bunten Applikationen. Sayad Mahmood hat ihn 2014 im Iran gekauft, als sie zwei Schwestern besuchte, die dort geheiratet haben. Die Farbe ihres Tischläufers hat sie ausgewählt, weil sie zu ihrer graublauen Arbeitsplatte passt. Unter dem Läufer liegt eine rote Weihnachtstischdecke mit Sternenmuster. Die Küche liegt zu einer breiten Straße in die Altstadt hinaus. Die helle Einbauküche im Rücken, fällt der Blick durchs Fenster über eine kleine Gasse direkt auf die Frauenkirche. "Fast direkt. Als wir am 20. November 2003 hierher zogen, stand dieses Haus vor der Kirche noch nicht, in dem jetzt ein Hotel ist."

Das Datum wichtiger Ereignisse vergisst Sayad Mahmood nicht. Die studierte Elektrotechnikerin floh 1996 mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern nach Deutschland. "Am 29. August um 5.55 Uhr landete unsere Maschine in Frankfurt am Main." Da war sie bereits fast zehn Jahre auf der Flucht. "Mein Mann hat im Irak die Familien von Inhaftierten unterstützt - dafür wurde er als Regimegegner eingestuft." Ihr Mann Abbas Sayad Mahmood versteckte sich und kam nicht mehr nach Hause, stattdessen stand der Geheimdienst vor der Tür und nahm die hochschwangere Sayad Mahmood zum Verhör mit. Für eine Weile tauchte die Familie im Irak unter, dann floh Sayad Mahmood mit ihren Kindern in den benachbarten Iran. Die Familie hoffte, die Situation im Irak würde sich ändern und sie könnten zurückkehren. Als das aussichtsloser wurde, flohen sie über die Türkei, Malaysia, Singapur und Indonesien nach Deutschland.

"Allzu fremd war das für mich hier alles nicht", erinnert sich Sayad Mahmood. "Ich bin ein Mensch, der gerne verreist. Ich war vorher bereits auf Dienstreise in Dänemark gewesen, kannte Österreich und Dubai." Zwei Jahre lang lebte die Familie in verschiedenen Heimen, zog 1998 in eine Wohnung in Prohlis und 2003 auf die Wilsdruffer Straße. "Bevor ich kam, konnte ich mir nie vorstellen, Deutsch zu lernen", erinnert sich Sayad Mahmood. Die Sprache kannte sie aus Filmen über den Zweiten Weltkrieg, verband sie mit Stiefeln und Soldaten. Doch während ihr Asylverfahren in Deutschland lief und sie noch keinen Anspruch auf Sprachunterricht hatte, finanzierte Sayad Mahmood sich ihren ersten Deutschkurs an der Volkshochschule selbst. "Ich bin eigentlich keine Person, die mit Haushaltsarbeit zufrieden ist und zu Hause bleiben will", sagt sie und streicht ihr Kopftuch zurecht, das sie sich für die Fotos angezogen hat.

Als sie 1999 als politisch Verfolgte anerkannt wurden, konnten Sayad Mahmood und ihr Mann den geförderten Sprachkurs nicht gleichzeitig besuchen: Ihr Sohn Ali hat eine Schwerbehinderung, so belegten die Eltern nacheinander den Kurs, damit einer bei Ali bleiben konnte.

Heute teilt sich Sayad Mahmood die Wohnung mit ihrer 32-jährigen Tochter Maha, die gerade in Iran auf Reisen ist. Ihr Mann verstarb im Jahr 2012. Bis dahin hatte er den heute 28-jährigen Ali zu Hause gepflegt. Die beiden Männer teilten sich das Zimmer, in das vom Flur aus ein offener Durchgang führt. Sayad Mahmood blickt auf das Pflegebett, das dort noch steht. Als ihr Mann verstarb, zog Ali in eine betreute WG im Raum Radebeul, wo seine Mutter ihn am Wochenende besucht. "Jetzt wohne ich zentral. Zu meinem Sohn fahre ich 25 Minuten, und zu meinem Mann auf dem Heidefriedhof auch." In dem Zimmer möchte Sayad Mahmood ein Büro einrichten, aber dafür sei die Zeit noch nicht gekommen. "Ich habe mich sehr damit gequält, hier das Bett meines Mannes wegzuräumen", erzählt sie.

Aus der Zeit, als ihr Mann starb, stammen ovale Post-it-Zettel, die am Küchenschrank und an der Badezimmertür hängen. "I am the power" steht darauf - Ich bin die Kraft. Die Zettel hat Tochter Maha aufgehängt. "Es war für meine Tochter eine schwere Phase. Noch dazu musste sie ihre Abschlussarbeit an der Uni abgeben", erinnert sich Sayad Mahmood. Um sich zu motivieren und zu stärken, habe Maha die Zettel aufgehängt.

Auf der anderen Seite vom Flur, gegenüber von Alis Zimmer, führt ein weiterer offener Durchgang ins Wohnzimmer. Auf einem roten, ledernen Ecksofa tummeln sich bestickte Kissen und eine bunte Lederarbeit aus Iran neben einem Kissen mit Weihnachtsmann- und Tannenbaumbezug. In den Vitrinen rechts neben dem Sofa sammelt Sayad Mahmood Kerzen mit Kirchmotiven und Gläser. Direkt daneben liegt in einer verzierten Schatulle ein Koran. "Alle zwei bis drei Monate lese ich ihn ein Mal durch, jeden Tag zehn Seiten", sagt sie.

Seit 2003 arbeitet sie für den christlich-islamischen Dialog im Ökumenischen Informationszentrum (ÖIZ). Fünf Stunden pro Woche fördert sie Begegnungen und Gespräche zwischen Christen und Muslimen. Mit 32 Stunden ist sie im ÖIZ für Migrationsberatung angestellt. Sie hilft anerkannten Flüchtlingen bei Anträgen, füllt Formulare mit ihnen aus und begleitet sie zu Terminen. Denn Dresden-Pass, Wohnungssuche, Sprachkurse, Sozialleistungen und Aufenthaltstitel bedeuten einen bürokratischen Aufwand, der für Nicht-Muttersprachler alleine schwer zu bewältigen ist. "Dass ich das selbst erlebt habe, hilft viel", sagt die 60-Jährige. "Ich weiß, wie die Leute sich fühlen, und ich weiß auch, wie die Ämter arbeiten. So kann ich Brückenbauerin sein und vermitteln." Die Klienten nähmen es als Geschenk an, mit der gebürtigen Irakerin in ihrer Muttersprache zu kommunizieren - Sayad Mahmood spricht neben Arabisch auch Persisch. "Ich versuche, ihnen diese harte Zeit mit einem Lächeln oder einem Witz zu erleichtern." Neben ihrer Arbeit ist sie ehrenamtlich Vorsitzende des Ausländerrats, besucht zwei Mal im Monat muslimische Häftlinge in der JVA Dresden und ist Mitglied des irakischen Kulturclubs.

Für ihren Einsatz für friedliches Zusammenleben und Verständnis für kulturelle Diversität verlieh Bundespräsident Joachim Gauck ihr 2014 das Verdienstkreuz am Bande. Die Verleihungsurkunde kramt sie aus einer Pappschachtel voller Dokumente hervor, die in ihrem Schreibtisch im Schlafzimmer steht. Zum Arbeiten benutzt sie den Tisch eigentlich nicht. "Wenn ich E-Mails beantworte, setze ich mich mit meinem Laptop lieber ins Bett." Eine Tagesdecke mit Leopardenmuster verhüllt das Bett. Auf einem Regal neben dem Schreibtisch steht ein Foto vom Tag ihrer Einbürgerung am 21. Juni 2012.

Für In Am Sayad Mahmood ist Dresden ihr Zuhause. "Nu klar, schon lange! Und es tut mir sehr leid, wenn Leute hier nicht leben können, sich nicht sicher fühlen." Sie berichtet von Klienten, die in der Bahn zusammengeschlagen werden. Davon, dass sie sich um ihre Klienten sorgt, die Montagabend von der Migrationsberatung nach Hause fahren. Sie selbst hatte kürzlich auf einer Adventsfeier ein "für mich schreckliches Erlebnis". Sayad Mahmood erzählt, dass eine Frau auf sie zukam und sie regelrecht ins Verhör nahm. Die Frau habe sie gefragt, warum sie überhaupt nach Deutschland gekommen sei und warum sie Kopftuch trage. "Ich sagte ihr: Weil ich es eben trage. Und weil die Religionsfreiheit im Grundgesetz es mir erlaubt." Sayad Mahmood lächelt nicht wie sonst. Die Augenbrauen über den schwarz geschminkten Augen sind zusammengezogen. "Die Frau sagte, dann müsse man das Grundgesetz ändern." Sie schüttelt den Kopf. "Und sie wollte, dass ich mich für die Dinge rechtfertige, die in Paris geschehen sind. Aber wenn Terroristen Verbrechen begehen, darf man deswegen nicht alle Muslime unter Generalverdacht stellen!"

Sayad Mahmood positioniert sich gegen Gewalt - "egal, woher sie kommt, ob von Hasspredigern in Moscheen oder von der Pegida-Demonstration. Nichts davon trägt zum Zusammenleben bei, es geht nur darum, Menschen gegeneinander aufzuwiegeln." Mit Sorge sieht sie die "Spaltung der Straße" in Dresden. "Es wäre schöner, wenn alle zusammen auf die Straße gehen würden um gegen den Missbrauch von Religion, gegen soziale Ungerechtigkeit und gegen Gewalt zu demonstrieren." Sie merke, dass seit Pegida rassistisch motivierte Gewalt und fremdenfeindliche Äußerungen zunehmen. "Aber man darf nicht pauschal sagen, dass in Dresden oder Sachsen eine fremdenfeindliche Atmosphäre herrscht." Die positive Nebenwirkung von Pegida seien die unzähligen Menschen, die ihre Hilfsbereitschaft zeigten und auf alle möglichen Arten versuchten, Geflüchtete zu unterstützen. Ebenso könne man über Migranten keine verallgemeinernden Aussagen machen. "Auch unter ihnen gibt es Leute, die sich nicht richtig benehmen oder die Straftaten begehen. Aber deswegen darf man nicht alle abstempeln. Ich denke, dass wir besser leben würden, wenn wir jeden Fall individuell betrachten."

Miriam Kruse

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