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Der verstorbene Dresdner Gerhard Lehrer war Proband einer medizinischen Studie am Krankenhaus Friedrichstadt

Der verstorbene Dresdner Gerhard Lehrer war Proband einer medizinischen Studie am Krankenhaus Friedrichstadt

An über 50 000 DDR-Patienten haben westdeutsche Pharmaunternehmen ihre Medikamente getestet. Viele hunderttausend D-Mark sollen für die Durchführung der über 600 Studien geflossen sein.

Auch das Dresdner Krankenhaus Friedrichstadt ist an den dubiosen Versuchen beteiligt gewesen. Das belegen Dokumente, welche die Dresdnerin Annelise Lehrer bei dem ehemaligen Pharmakonzern "Hoechst AG" für ihren verstorbenen Mann Gerhard Lehrer angefordert hat.

Die nackte Wahrheit liegt auf dem Tisch, auf vielen Blatt Papier, schwarz auf weiß. Dabei fügt sich die grausame Gewissheit zusammen wie ein Puzzle, steht auf einmal da, gnadenlos: "Gerhard Lehrer wurde am 2. Mai 1989 unter Beachtung der Ein- und Ausschlusskriterien in die Ramipril-Studie aufgenommen", heißt es auf dem Papier des Zentralinstituts für Herz-Kreislaufforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR.

Hinter bürokratischen Zahlen verstecken sich Schicksale, Schmerz und Tod. Die Herzinsuffizienz-Studie, die am ehemaligen Bezirkskrankenhaus Dresden-Friedrichstadt durchgeführt wurde, trägt die Nummer 2DDR201HI, das Präparat des ehemaligen Pharmakonzerns "Hoechst" ist mit den Ziffern HOE498 gekennzeichnet und auch Gerhard Lehrer selbst hat eine Patientennummer bekommen. Die Ziffern 1104 sollten über sein Leben entscheiden. Damals hat er noch auf Besserung gehofft, sogar ein freundliches Verhältnis mit dem Oberarzt gehabt.

Annelise Lehrer kann sich noch genau erinnern. Minuziös, als ob es gestern gewesen wäre. Der Tag, an dem ihr geliebter Mann mit Blaulicht nach Friedrichstadt fuhr, als sie ihn wiedersah auf die Intensivstation, wie er sich langsam erholte und schließlich entlassen wurde. Die Zuversicht war groß. Schließlich bekam Gerhard Lehrer gegen seine Herzschwäche nun spezielle Kapseln, direkt vom Chefarzt, "Tabletten, die es nicht in der Apotheke gibt", wie es der Oberarzt damals formuliert hatte. Als ob es gestern war, hallen diese Worte in den Ohren der mittlerweile 82-jährigen Dame.

Sie selbst leidet seit 1986 an der Augenkrankheit "Grüner Star". Weil ihr herkömmliches Medikament damals starke Nebenwirkungen zeigte, hatte ihr der Chefarzt ein 41 Mark teures "Exquisit-Medikament" verschrieben. Sofort hörten die Nebenwirkungen auf. "Deswegen hatte ich Vertrauen", erklärt die herzliche Dame. "Ich dachte, wenn das vom Chefarzt kommt, muss es etwa Gutes sein." Doch weit gefehlt.

Der Zustand ihres Mannes verschlechterte sich. Am 25. Juli trifft ein Notfall-Telegramm ein: Ihr Mann müsse sofort stationär im Krankenhaus aufgenommen werden. Wie die Unterlagen des Hoechst-Nachfolgeunternehmens "Sanofi-Aventis" belegen, ist die Behandlung mit den Test-Kapseln am 28. Juli beendet worden, weil sich der Zustand des Patienten 1104 verschlechtert hat. Zwei Wochen später kommt Gerhard Lehrer wieder nach Hause. Dort gibt er die zwei übrigen Tabletten-Dosen seiner Frau. "Hebe sie gut auf, vielleicht kannst du sie gebrauchen."

"Er hatte eine Ahnung", erinnert sich Annelise Lehrer. Ein Zimmernachbar ihres Mannes habe damals im Krankenhaus seine ungeheure Annahme unverblümt in den Raum geschmissen. "Du weißt wohl nicht, dass Du ein Versuchskaninchen bist", soll er zu ihrem Mann gesagt haben.

30 Jahre später: Als der MDR eine Sendung über Medikamententests in der DDR zeigt, erinnert sich die Seniorin an die Worte ihres Mannes. Ein Anruf bei dem Sender, ein Rückruf, Aufregung, das Drehteam packt, fährt nach Dresden und lässt die Tabletten untersuchen. Das grausige Ergebnis: Gerhard Lehrer wurden Tabletten ohne Wirkstoff, sogenannte Placebos verabreicht. 3800 D-Mark bekam die DDR damals für den Versuch. Knapp 15 Monate nach der Einnahme der ersten Kapsel starb Gerhard Lehrer an Herzschwäche.

@Weitere Betroffene können sich bei den DNN unter k.tominski@dnn.de melden.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.05.2013

Katrin Tominski

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