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Der unerklärliche Schmerz: Immer mehr Kinder leiden unter psychosomatischen Störungen

Der unerklärliche Schmerz: Immer mehr Kinder leiden unter psychosomatischen Störungen

Laut einer Auswertung der Techniker-Krankenkasse hat die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die wegen psychischer oder psychosomatischer Störungen behandelt werden, in Sachsen in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen.

Dieser Trend wird sowohl durch TU-Umfragen wie auch durch die Praxiserfahrungen der Dresdner Uniklinik-Experten bestätigt. Sie machen dafür auch den wachsenden Leistungsdruck auf Kinder verantwortlich.

Markus* ist zwölf. Kein Alter für Schlafprobleme eigentlich, aber an diesem Abend kann er kaum einschlafen. Immer wieder wälzt er die Mathe-Arbeit, die morgen ansteht, in Gedanken um und um. Papa will, dass er mindestens mit "gut" abschneidet, denn "die Mathezensur ist wichtig, wenn Du studieren willst!" Das sagt der Vater immer und immer wieder zu Markus - doch der hasst Mathe und ist ziemlich sicher: Durch die Klausur morgen, da rassle ich garantiert durch. Am nächsten Morgen hat der Junge Bauchschmerzen und das rettet ihn: Nix mit Schule. Bis sich seine Eltern beim dritten oder vierten Mal zu wundern beginnen, warum dem Sohnemann immer ausgerechnet vor Examina der Bauch weh tut. Simuliert er etwa?

"Zu uns kommen oft Kinder, die zum Beispiel über Bauchschmerzen, Schwindelgefühle, Herzrasen oder Kopfschmerzen klagen, ohne dass eine körperliche Ursache gefunden werden konnte", sagt Prof. Veit Rößner, der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Uniklinikum Dresden. Das bedeute freilich nicht unbedingt, dass sich die jungen Patienten ihre Beschwerden nur einbilden oder sie simulieren: Tiefsitzende psychische Probleme oder anhaltender Stress könne sich gerade bei Kindern unbewusst in körperlichen Beschwerden niederschlagen, Mediziner sprechen dann von "psychosomatischen Störungen" (von Altgriechisch "psyche" für "Seele" und "soma" für "Körper"). Um die steigende Zahl psychosomatisch gestörter Kinder und Jugendlicher besser diagnostizieren und betreuen zu können, haben sich Mediziner des Universitätsklinikums für neue stationäre Behandlungsangebote ausgesprochen.

Forderungen prasseln auf Kinder ein

Die Zunahme dieser Befunde in der klinischen Praxis führt Prof. Rößner auch auf den gesellschaftlichen Wandel zurück: "Ich erkläre mir das zum Einen durch den Bewegungsmangel der Kinder, die immer weniger körperlich aktiv werden, sich zu Hause vor dem Computer oder dem Fernseher beschäftigen, statt echte Impulse zu sammeln - dadurch nehmen auch das ,In-sich-Hineinhorchen' und die Kopfschmerzen zu", ist er überzeugt. "Zum Anderen prasseln auf die Kinder und Jugendlichen ständig die Forderungen der heutigen Gesellschaft ein: Du musst aufs Gymnasium gehen, musst hohe Leistungen bringen, um Dich in der globalisierten Gesellschaft durchzusetzen und so weiter."

Für diesen Leistungsdruck sei aber nicht jeder geboren, Versagen und Versagensängste seien damit vorprogrammiert - und durch diesen Dauerstress auch ein wachsendes Risiko psychosomatischer Störungen. Ähnlich sieht dies sein Uniklinik-Kollege Prof. Reinhard Berner, der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin: "Die Sozialgefüge von Familie und Schule sind heute instabiler und stützen junge Menschen nicht mehr so wie früher", meint er.

Eine Folge sind steigende Fallzahlen. Die Techniker-Krankenkasse (TKK) zum Beispiel registrierte sachsenweit im Jahr 2007 insgesamt 322 Kinder und Jugendliche in ambulanter Behandlung wegen sogenannter "F-Diagnosen", unter denen die psychischen Störungen gefasst werden. Drei Jahre später war diese Zahl schon auf 530 gestiegen - wobei demografische Effekte dies kaum erklären können, da die Zahl der jungen Versicherten im selben Zeitraum nur geringfügig zulegte. Gestiegen ist auch die Zahl der stationär wegen solcher Störungen behandelter Kinder und Heranwachsender bis 29 Jahren: von 520 im Jahr 2011 auf 591 im Folgejahr.

Gestützt wird dies im Falle Dresdens durch Einschätzungen des Gesundheitsamtes und des "Allgemeinen Sozialen Dienstes" (ASD), laut denen etwa jedes fünfte Kind psychische Auffälligkeiten zeigt. Außerdem hatte Prof. Karl Lenz vom Soziologie-Institut der TU im Zuge seiner "Dresdner Kinderstudie 2012" Kinder und Jugendliche nach potenziell psychosomatischen Beschwerden befragt. 93 der jungen Befragten gaben an, zumindest manchmal völlig erschöpft zu sein, 83 Prozent klagten über Kopfschmerzen, 61 Prozent über gelegentliche oder häufige Angstzustände.

Allerdings warnen TKK wie auch die Uniklinik-Experten vor Panikmache: Ein Teil des Anstieges erkläre sich wahrscheinlich aus dem offeneren Umgang mit diesen Störungen in der Gesellschaft. Auch fürchten inzwischen viele Ärzte, wegen einer übersehenen Krankheit später rechtlich in Haftung genommen zu werden - und diagnostizieren möglicherweise häufiger eine psychosomatische Störung als früher üblich. Defizite sieht Prof. Berner bei den Kinderärzten: Diese sollten künftig besser darin geschult werden, mögliche psychosomatische Befunde zu erkennen.

Mehr Schulung für Kinderärzte gefordert

Denn oft kommt diese Diagnose zu spät. Wenn der Hausarzt der Familie und der Kinderarzt ratlos sind, so hat Prof. Rößner festgestellt, tendieren viele Eltern heute zum "Doktor-Hopping." "Die rennen von Pontius zu Pilatus, manche versuchen zweifelhafte Diäten mit ihren Kindern oder Esoterik - und wir als Kinder- und Jugendpsychiater bekommen die Patienten dann erst zu spät zu sehen." Insofern sei es nur wünschenswert, wenn endlich die elektronische Patientenkarte komme, damit die Experten sofort sehen, welche Untersuchungen mit dem Kind bereits angestellt worden sind. Rößners Ratschlag an Familien mit Kindern, die unergründliche Schmerzen haben: "Wenn die Basisdiagnostik nichts zutage fördert, sollte man eher früher als später zu uns kommen."

Werden organische Ursachen per Gerätemedizin ausgeschlossen, können die Uniklinik-Ärzte solchen Kindern mit Verhaltens- oder Entspannungstherapien helfen, mit Beratungen, wie sie ihren Alltag bewältigen können, teils auch durch Medikamente oder die Weitervermittlung an spezialisierte Schmerz- oder Rheuma-Kliniken. "Ein großes Problem für uns sind allerdings die fehlenden stationären Angebote", betont Prof. Berner. "Ich habe hier jede Woche drei bis vier Patienten, die man eigentlich rausnehmen müsste aus ihrem Alltag, um sie stationär zu diagnostizieren und zu behandeln." Die beiden Kliniken für Kinderpsychiatrie und für Kindermedizin planen daher solch ein Angebot aufzubauen. Berner: "Der Bedarf ist groß."

*verfremdetes Fallbeispiel, Name geändert

Weckbrodt, Heiko

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