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Der letzte Mohikaner: Wolfgang Schalm ist der einzige Kürschner in Dresden mit einem Geschäft

Der letzte Mohikaner: Wolfgang Schalm ist der einzige Kürschner in Dresden mit einem Geschäft

"Wenn ich den Rollladen für immer runterlasse, ist es aus. Dann gibt's in Dresden kein Pelzwarengeschäft mehr." Wolfgang Schalm ist der letzte Kürschnermeister in Dresden, der noch ein Ladengeschäft führt, und zwar in Pieschen.

Außer ihm gibt es in Dresden laut Handwerkskammer lediglich eine weitere Kürschnermeisterin. Bis zur Wende waren es in und um Dresden noch 40 Handwerksbetriebe. "Im nächsten Jahr bin ich 60 Jahre im Beruf. So lange wollen wir hier noch durchhalten", sagt Schalm. Seine beiden Kinder haben zwar das Kürschnerhandwerk gelernt, sehen in dem Beruf aber keine Perspektive, arbeiten heute als Einrichtungsberaterin und Baumarktleiter.

Schalms Berufskollegin Rosemarie Exner, 63 Jahre alt, betreibt in ihrem Wohnhaus in Kleinzschachwitz ihre Kürschnerwerkstatt. Eine Ladenstraße ist dort weit und breit nicht in Sicht. "Es lohnt sich nicht, ein Pelzwarengeschäft zu eröffnen. Handelsware gibt es nicht mehr auf Kommission. Und es fehlt die Klientel, die sich etwas Neues nach Maß anfertigen lässt. Da macht es auch keinen Sinn, einen Lehrling auszubilden. Denn wie soll ich ihm da etwas beibringen? Dafür bekomme ich pro Woche vier, fünf Anrufe von Leuten, die mir einen alten Pelz verkaufen wollen. Und von Reparaturen allein kann man nicht leben", schildert Rosemarie Exner die Situation aus ihrer Sicht.

Auch Wolfgang Schalm sieht die Zukunft des Kürschnerhandwerks pessimistisch. Mehrere fertige edle Mäntel und Jacken, Mützen, Bommeln und Schlüsselanhänger aus Pelz hängen im Geschäft des 72-Jährigen, um Kunden anzulocken. Doch das Auf-gut-Glück-Nähen hat bei dem preisintensiven Material Grenzen. Zudem sollte ein solch gutes Stück schon nach dem Geschmack der Trägerin bzw. des Trägers maßgeschneidert sein, findet der Kürschnermeister. "Hin und wieder kommen noch vor allem ältere, gutsituierte Damen und lassen sich einen Pelz neu anfertigen", so Monika Schalm. "Aber es sind zu wenige. Zumeist werden alte Stücke zur Reparatur oder zum Umarbeiten gebracht. Junge Leute kaufen mal eine Bommel", seufzt der Meister.

Er eröffnete im Alter von 28 Jahren seinen eigenen Handwerksbetrieb, übernahm später auch in der Einkaufs- und Liefergenossenschaft des Kürschnerhandwerks Verantwortung und wurde von der Handwerkskammer als Prüfungsmeister engagiert. "Zu DDR-Zeiten hatten wir Arbeit bis über beide Ohren, standen die Kunden einmal im Monat am Pelzverkaufstag Schlange. Weihnachten hing hier kein Haar mehr auf der Stange", schildert Monika Schalm, die mit ihrem Mann und den drei Angestellten auch für westliche Auftraggeber fertigte. Nach der Wende ging es stetig bergab. Ein Kürschner nach dem anderen machte dicht, "seit der Wende werden in Dresden keine Kürschner mehr ausgebildet".

Schalm sieht viele Ursachen für den Niedergang seines Handwerks. "Die Russen sind wieder zu Hause und mit ihnen die wohlhabenden Offiziersgattinnen. Überall ist es heute warm, selbst im Auto und in der Straßenbahn, es kamen neue, innovative Materialien auf den Markt", zählt er auf. "Hinzu kommt, dass viele Frauen ihre Arbeit verloren. Bis 1989 kamen die Frauen, kauften sich einen Pelz. Heute erkundigen sie sich vorsichtig und müssen dann erst mal ihren Mann fragen", hat der Kürschnermeister beobachtet. Auch die Tierschützer setzten den Kürschnern zu. Dass er kurz nach der Wende als "Tiermörder" beschimpft wurde, hat Wolfgang Schalm ins Herz getroffen. "Wenn man den Argumenten folgt, dürfte auch kein Mensch Schuhe, Kleidung oder Taschen aus Leder kaufen", argumentiert er. "Pelze sind langlebige Werte."

"Nachhaltigkeit" nennt das Jürgen Förster, der Obermeister der Sächsischen Kürschnerinnung. "Wir verarbeiten zu 90 Prozent Felle von Tieren, die gegessen werden bzw. von gejagten Füchsen und Waschbären. Ist es besser, sich drei Liter Erdöl in Form von Kunstpelz umzuhängen, der nie verrottet?" Im Gegensatz zu seinen Dresdner Kollegen blickt der Innungsobermeister, der in Werdau arbeitet, optimistisch in die Zukunft, denn er beobachtet, dass Pelze mehr und mehr wieder Freunde finden. Auch unter jungen Leuten. Deren Herz könne man durchaus zum Beispiel mit einer kultigen Schapka oder einem Muff, die wieder ganz aktuell seien, gewinnen. Oder auch mit einer Bikerjacke - aus dem alten, schweren Persianer der Oma. "Steif, altmodisch, schwer - das war einmal. Heute sind Pelze weich, leicht, modisch und trotzdem lange haltbar, denn auch bei den Kürschnern sind die Technologien modernisiert worden", wirbt der Obermeister, der nach eigenen Angaben bis Mai volle Auftragsbücher hat. Mit einem Pelzkragen, einer Mütze oder einer Jacke im Materialmix fange die Liebe zum Pelz an und irgendwann folge dann ein größeres Stück, glaubt Förster.

Immerhin, seit drei Jahren werden in Sachsen wieder Kürschnerlehrlinge ausgebildet. Vier begannen allein 2012 mit der Ausbildung.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.02.2013

Steinbach, Catrin

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