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Der digitale Wandel kann die Gesellschaft tief spalten

Dresdner Forscher warnen vor "Echokammer": Der digitale Wandel kann die Gesellschaft tief spalten

Der digitale Wandel stärkt die Chancen der Menschen, sich an politischen Prozessen direkter zu beteiligen – birgt aber auch das Potenzial, die Gesellschaft zu polarisieren. Davor hat Prof. Lutz Hagen vom Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden im Vorfeld der Tagung „Digitale Revolution in der Demokratie“ gewarnt.

Der digitale Wandel stärkt die Chancen der Menschen, sich an politischen Prozessen direkter zu beteiligen – birgt aber auch das Potenzial, die Gesellschaft zu polarisieren.
 

Quelle: dpa-Zentralbild

Dresden.  Der digitale Wandel stärkt die Chancen der Menschen, sich an politischen Prozessen direkter zu beteiligen – birgt aber auch das Potenzial, die Gesellschaft zu polarisieren. Davor hat Prof. Lutz Hagen vom Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden im Vorfeld der Tagung „Digitale Revolution in der Demokratie“ gewarnt.

Sogenannte „algorithmische“ Internetkanäle wie Facebook könnten nämlich dazu führen, dass sich immer mehr Menschen in virtuellen „Filterblasen“ und „Echokammern“ selbst einsperren, in denen sie nur Informationen finden, die ihre eigenen, vorgefassten Meinungen bestärken. „Dies kann zur Folge haben, dass sie das Gefühl dafür verlieren, wie verbreitet andere Meinungen sind, dass sie ihre eigenen Ansichten immer stärker generalisieren und für die Mehrheitsmeinung halten.“

Unter „Filterblasen“ versteht die Internet-Forschung eine Menge computergenerierter Informationen, die nur eine bestimmte Ansicht bestärken. Nahe verwandt damit, sind „Echokammern“, virtuelle Räume, in denen sich Gleichgesinnte austauschen: Dies können zum Beispiel abgeschlossene Facebook-Gruppen sein, in denen sich nur Mitglieder aufhalten, die mehr oder minder die gleiche Meinung vertreten – sei es nun über veganes Essen, Flüchtlinge oder Ufo-Sichtungen. Daher werden die Mitglieder in solchen virtuellen Echokammern meist nur Zuspruch ernten, also ein Echo der eigenen Meinung, wenn sie Beiträge über fleischfreie Kost, kriminelle Ausländer oder Aliens absetzen, so abstrus und extrem dem Rest der Welt diese „Postings“ auch erscheinen mögen. Durch diese Effekte könnte sich die Bürgergesellschaft in unversöhnliche Meinungs-Subkulturen aufspalten – wie es in Dresden zum Beispiel der Streit um Pegida vorexerziert hatte.

Es gebe inzwischen erste Anzeichen, auch in wissenschaftlichen Studien, dass dieser Weg hin zu einer Polarisierung durch „neue Medien“ bereits beschritten sei, erklärte Prof. Hagen. Im Auftrag des Bundesforschungsministeriums haben er und sein Team nun eine Untersuchung „Algorithmischer Strukturwandel der Öffentlichkeit“ gestartet.

Dahinter steht die Frage, ob und wie „Facebook“, „Google +“, „Instagram“ und ähnliche Internetkanäle die natürliche und bereits lange bekannte Neigung von Menschen verstärken, vor allem Informationen und Kommentare zu konsumieren, die die eigene Meinung bestärken. Denn diese „sozialen“ Medien setzen dem Nutzer einen Nachrichtenstrom („Stream“) vor, dessen Inhalte Computer nach bestimmten Vorgehensweisen (Algorithmen) auswählen. Diese Algorithmen ändern sich bei Facebook & Co. zwar immer mal, aber zwei Kriterien spielen bei der Nachrichtenauswahl stets eine zentrale Rolle: Was hat sich der Nutzer bei früheren Internet-Besuchen oft angeschaut und was hat er gemocht („geliked“)? Mögliche Folge: Das Programm setzt dem Betrachter nur noch Beiträge vor, die dessen eigene Meinung spiegeln, „verschweigt“ ihm aber Postings, die diese Meinung erschüttern könnten.

Um diesen Effekt und die möglichen Folgen zu überprüfen, befragen die Dresdner TU-Forscher für ihre Studie einerseits Internetnutzer. Andererseits entwickeln sie gemeinsam mit Informatikern derzeit ein Verfolgungsprogramm, das sich Studien-Teilnehmer, die damit einverstanden sind, auf ihre Notebooks und Smartphones aufspielen sollen. Diese Software wird aufzeichnen, welche Internet-Portale die Teilnehmer wie genutzt haben. Dies möchten die Forscher dann mit den Umfrage-Resultaten vergleichen.

Den Abschlussbericht wollen Hagen und sein Team im Oktober 2017 vorlegen. Aber erste Ergebnisse haben sie schon ermittelt. „Wir hatten die Leute zum Beispiel nach ihrer Zustimmung zur Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Merkel befragt“, berichtet der Professor. „In der Zwischenauswertung hat sich bereits abgezeichnet, dass Leute, die oft algorithmische Medien nutzen, stärker zur Polarisierung neigen, also etwa die Flüchtlingspolitik ganz und gar ablehnen oder völlig befürworten.“

Um sich mit Kollegen und Praktikern über den digitalen Medienwandel auszutauschen, planen die TU-Kommunikationswissenschaftler nun ein Symposium „Digitale Revolution in der Demokratie“. Über 60 Forscher, Politiker, Netz-Journalisten und Verwaltungsvertreter werden vom 8. bis zum 10. September in Dresden über die Informationsauswahl in algorithmischen (alias „sozialen“) Medien und die Ressourcenkrise des Journalismus in Zeitungen und Zeitschriften diskutieren, aber auch über die Chancen, die Online-Journalismus, elektronische Petitionen und Wahlen sowie andere digitale Partizipations-Formen für die Demokratie bergen. Kommen wollen unter anderem der Online-Publizist Stefan Niggemeier von „Übermedien“, die frühere Chef-Piratin Marina Weisband, der sächsische Staatskanzlei-Chef Fritz Jaeckel (CDU), Anna Bisellli von netzpolitik.org und Prof. Gerhard Vowe von der Uni Düsseldorf.

Von Heiko Weckbrodt

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