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Der Schweizer Autor Michael Stauffer brilliert im Thalia Dresden

Der Schweizer Autor Michael Stauffer brilliert im Thalia Dresden

Randfiguren interessieren Michael Stauffer am meisten. Die, so meint der 40-jährige Schweizer Autor, der den Blick an diesem Abend nie über die Tischplatte hinaus heben wird, seien schließlich auch wichtiger für die Welt.

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"Außerdem sind Beobachtungen in Randbereichen einfach interessanter." Im Thalia-Kino stellt er einem kleinen Publikum eine solche Randfigur vor: Bela Schmitz, Hauptgestalt seines Romans "Pilgerreise". Den hat seine Frau rausgeworfen, weil sie ihn satt hatte. "Du bist nichts weiter als ein ordinäres Arschloch. Alles an dir ist negativ", hat sie ihm zum Abschied auf einen Zettel geschrieben.

Also begibt sich dieser Mann nun zu Fuß auf eine Reise, um herauszufinden, ob er wirklich ein so mieser Typ ist. Denn, so ist er überzeugt: "Das Gehen bringt das Gute und das Schlechte in dir an den Tag." So hat er es auf seine goldenen Visitenkarten drucken lassen, die ihn als "Pilger Ersten Grades" bezeichnen.

Der Roman fügt Tagebuchaufzeichnungen und erzählende Passagen aneinander. Ein ständiger Wechsel: Wir hören diesem Mann zu, dann wieder betrachten wir ihn von außen. Und da erscheint er als unangenehmer Zeitgenosse. Betrinkt sich und provoziert die Gäste seiner Frau mit abstrusen Märchen. Lässt sie deutlich wissen, wie ihn ihr Gerede über Börsenkurse, Eigentumswohnungen und Blumenkästen anödet. Alles "reaktionäre Geldsäcke" für ihn. Später beschimpft er selbst seinen Vater als Nazi. "Immer anderen die Schuld zu geben, das ist sein Konzept", erläutert Michael Stauffer im Gespräch mit Verleger Leif Greinus.

Eine Abrechnung, ein Bekenntnisbuch. Das uns Verzweiflung und Scheitern allerdings in ihren komischen Seiten zeigt. In einfacher, klarer Sprache, die den Sound des Tiefgangs vermeidet. Als Leser sollte man einen Sinn für Ironie mitbringen. Wenn wir etwa hören, wie der Pilgerer in der Betrachtung von Kuhrücken versinkt oder notiert, was er isst und trinkt, dürfen wir das auch als Persiflage auf den Pilger-Boom nehmen.

Scharenweise haben sich Prominente auf die Sohlen gemacht und uns ihre befreienden Erfahrungen in Büchern hinterlassen. Nun schickt Michael Stauffer einen unsympathischen Durchschnittsmann auf Straßen und Pfade. Dem begegnet das Menschliche meist als Banales, aber auch Verschrobenes. Das Alltägliche, nicht selten erbärmlich, wendet dieser Autor ins Skurrile. Sein Text zeichnet Karikaturen und lädt uns zum nachsichtigen Lachen ein.

Dass er selbst seine eigene Lesung nicht zu ernst nehmen möchte, demonstriert er mit einem Soundarrangement. Es erinnert an den alten Schlager "Mein Bruder macht im Tonfilm die Geräusche". Während er den Text vorträgt, dreht er mal an einer Ratsche, klimpert auf einem Eierschneider, knarzt unangenehm mit einem Draht, hält sich ein Nasenloch zu oder knetet ein Gummischwein, das dabei ein ordinäres Grunzen ertönen lässt. Das dürfte anstrengend sein. Als Hörer jedenfalls vermag man sich kaum auf den Inhalt zu konzentrieren. Manchmal verhaspelt sich Stauffer auch in einem Satz. Aber vielleicht gehört auch das zur Performance.

Denn dass er ein brillanter, mitreißend origineller Vortragskünstler ist, stellte er mit lautmalerischen Texten im letzten Teil unter Beweis. In denen sind Inhalt und Bedeutung auf ein Minimum reduziert. Was bleibt, ist der Sprachklang. Die Eigenheiten von Schweizer Dialekten - hier bekommen wir sie als Akustik pur zu hören. Dann wieder wechselt er in zwei Sätzen Vokale aus, so dass sie bald wie Finnisch, bald wie Chinesisch, Türkisch oder Ungarisch klingen. Ein wahrer Akrobat der Rachenlaute, der damit seinen Abend in einem furiosen Finale schloss.

Tomas Gärtner

Michael Stauffer: Pilgerreise, Voland & Quist, 240 S., 19,90 Euro

kultur kompakt

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Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.01.2013

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