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Der Fluch des guten Rufs: Dresdens Uniklinik kämpft um Ärzte

Der Fluch des guten Rufs: Dresdens Uniklinik kämpft um Ärzte

Dresdens Ärzte sind begehrt. Jeden Monat erhalten Mediziner des Uniklinikums Angebote von anderen Krankenhäusern, die sie abwerben wollen.

Dresdens Ärzte sind begehrt. Jeden Monat erhalten Mediziner des Uniklinikums Angebote von anderen Krankenhäusern, die sie abwerben wollen. Die Offerten sind gut, die Gehälter attraktiv. Das Klinikum scheut keine Mühe, seine Fachkräfte zu halten, doch nicht immer kann es mithalten. Manchmal sind die Kosten einfach zu hoch.

Von Katrin Tominski

Michael Albrecht, medizinischer Vorstand des Uniklinikums Dresden, hat anstrengende Wochen hinter sich. Er hat überlegt, verhandelt, vertrauliche Gespräche geführt, gewartet und vielleicht auch ein bisschen gebangt. Doch am Ende ist alles gut geworden - oder besser: geblieben. Sein Spezialist Michael Baumann hat sich entschieden, in Dresden zu bleiben.

Baumann ist Direktor der Uniklinik für Strahlentherapie und Radioonkologie. Zusammen mit Albrecht hat er in den vergangenen Jahren die Klinik für Strahlentherapie immer weiter aufgebaut. Er hat modernste Medizintechnik etabliert, neue Methoden eingeführt, und Nebenwirkungen reduziert. Im kommenden Jahr soll die neue 27,8 Millionen Euro teure Protonenanlage eröffnet werden, die Tumore zielsicher attackieren und vernichten kann. Sie ist die einzige in Ostdeutschland. Die Bauarbeiten laufen auf Hochtouren. Und dann kam das Angebot aus Toronto.

Toronto ist die Finanz- und Wirtschaftsmetropole Kanadas, Forschungsstandort und auch sonst an der Weltspitze. Baumanns Renommee hat sich bis dorthin herumgesprochen. Nun wollten die Kanadier Baumann zu sich ins Boot holen, mit viel Geld, guter Ausstattung und auch sonst besten Bedingungen. "Mit diesem Angebot konnten wir nicht Schritt halten", erklärt Albrecht. "Das überstieg unsere Möglichkeiten." Also hat Albrecht geredet und gehofft. Und: Baumann sich doch lieber für die grünen Elbwiesen als für die Skyline von Toronto entschieden.

"Es vergeht kein Monat, in dem unsere Top-Mediziner keine Angebote bekommen", erklärt der Vorstand. Besonders mit den Offerten aus den USA, Kanada oder anderen internationalen Forschungszentren könne Dresden oft finanziell nicht mithalten. Alle Direktoren seiner Kliniken seien schon umworben worden. Etwa ein Drittel seiner Oberärzte bekomme Angebote, auch aus der Region. Die Nachverhandlungen kosteten oft viel Geld.

Pokern wie bei Bayern München

Nicht alle Ärzte kann der Vorstand am Uniklinikum halten. "Es ist ein bisschen wie im Fußball", witzelt Albrecht. "Erst steigt Hoffenheim in die Bundesliga auf, dann kommt Bayern und kauft für viel Geld die Top-Spieler auf." Trotzdem bleibt Albrecht gelassen. Er kennt das Geschäft. Nicht lange ist es her, dass er selbst heiß umworben wurde. Berlin, Heidelberg, München, Hamburg - der gebürtige Münchner hätte an die Top-Standorte in Deutschland wechseln können. Aber er blieb in Dresden, bei den Elbwiesen und nahe der Waldschlösschenbrücke. Warum? "Weil hier meine Heimat ist", erklärt er. Dresden sei in vielen Dingen organisatorischer und strategischer Vorreiter gewesen. Schon 2003 wurde das Krebszentrum gegründet, 2005 folgte das Medizinische Versorgungszentrum. "Für das, was ich hier aufgebaut habe, brauche ich woanders viele Jahre. Das ist einfach mein Laden", erklärt Albrecht.

Chefsache Generationswechsel

Momentan steht er vor der vielleicht größten Aufgabe seiner Karriere. Auf einen Schlag verlassen zehn Professoren das Uniklinikum, um in Rente zu gehen. Sechs Direktoren sind bereits gegangen, vier weitere folgen im nächsten Jahr. "Durch die Neugründung des Uniklinikums vor 20 Jahren und den damit verbundenen gleichzeitigen Stellenbesetzungen kommt es nun schlagartig zum Wechsel", sagt Albrecht. Er hat den Generationswechsel zur Chefsache gemacht. Die Entwicklung des Uniklinikums in den nächsten 20 Jahren hänge vom Personal ab. "Nur wenn wir aus einer 20-Jahres-Perspektive Mitarbeiter zusammenstellen, die zusammenpassen und gut miteinander arbeiten, garantieren wir dem Klinikum eine gesunde Basis."

Bei der Auswahl neuer Fachkräfte achtet der Vorstand nicht nur auf medizinische Kompetenzen. Auch Teamfähigkeit, Ideale und die Lust auf das Dresdner Klinikum spielen eine große Rolle. "Man darf nicht lauter Ehrgeizlinge oder lauter Schüchterne zusammenpacken", erläutert Albrecht. Auch das sei wie beim Fußball. "Nur wenn die Spieler harmonieren, können sie ein gutes Ergebnis liefern." Die Bewerbungsverfahren seien durchorganisiert, die Berufungen würden nicht länger als drei Monate dauern. "Wir müssen schnell sein", erklärt Albrecht. Pauline Wimberger, die neue Professorin am Lehrstuhl für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, habe beispielsweise auch einen Ruf aus Frankfurt gehabt. Das Klinikum hat Gas gegeben. Und: Pauline Wimberger hat sich für Dresden entschieden.

Schwierigkeiten macht Albrecht - vor allem bei internationalen Medizinern - der schlechte Ruf Ostdeutschlands. "Wir haben mit dem Ost-Nimbus zu kämpfen", erklärt der Vorstand. Die Bilder von Fremdenfeindlichkeit würden sich überregional in die Gedächtnisse einprägen. "Mich erreichen oft besorgte Nachfragen, ob es denn nicht gefährlich sei und die Familien in Dresden wirklich gut aufgehoben sind."

Doch davon lässt sich Albrecht nicht beirren. Er wirbt für Dresden, plädiert für die Landeshauptstadt, zeigt den Medizinern die Stadt und versucht die Bedenken wegzuwischen. Besonders die Ehepartner seien manchmal skeptisch. Dann schnürt er Pakete, kümmert sich um den Wechsel in eine Dresdner Schule, um Plätze in der Kita und gibt Hinweise für die Wohnungssuche. "Geld ist wichtig, aber dauerhaft keine ausreichende Motivation", ist sich der Vorstand sicher. Die Mediziner interessiere auch das Umfeld, sowohl das wissenschaftliche als auch das private.

Manfred Gahr entwickelte ab 1994 die Uni-Kinderklinik zu einer der größten Kliniken in Deutschland. Meilensteine waren der Aufbau von 21 Spezialambulanzen für die Kinder und Jugendlichen, die unter schwerwiegenden chronischen oder seltenen Erkrankungen leiden. Damit wurde das Uniklinikum auch in der Kinder- und Jugendmedizin zum Maximal-Versorger. Gahr initiierte zudem die Bildung einer klinischen Forschergruppe.

Hans-Detlev Saeger hat die Uniklinik für Viszeral-, Gefäß- und Thoraxchirurgie knapp 20 Jahre geleitet und aufgebaut. In dieser Zeit hat er die Klinik zu einem der renommiertesten Standorte in Deutschland entwickelt. Bei der Behandlung von Darmkrebs rangierte die Uniklinik laut Nachrichtenmagazin "Focus" in diesem Jahr im deutschlandweiten Vergleich unter den Top fünf.

Wolfgang Distler hat 18 Jahre die Uni-Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe geleitet. Er blickt auf viele Jahre Aufbauarbeit zurück. 1994 übernahm er ein sanierungsbedürftiges Klinikgebäude und begleitete den Neubau des Kinder-Frauenzentrums, das 2003 eröffnete. Später stand der Aufbau des Regionalen Brustzentrums im Mittelpunkt. Distler arbeitet noch heute als Leiter der gynäkologischen Endokrinologie und Reproduktionsmedizin.

Michael Meurer hat die Uniklinik für Dermatologie geleitet. Seine Schwerpunkte waren unter anderem Autoimmunkrankheiten, Hautkrebs und der Vitamin-D-Stoffwechsel der Haut. Meurer wurde im Mai 2010 Leiter des Universitäts AllergieCentrums (UAC), des ersten interdisziplinären Allergiezentrums in Sachsen. Ziel des UAC ist es, Spezialisten zusammenzuführen, um die steigende Zahl an Allergien noch besser zu bekämpfen.

Der Kieferorthopäde Winfried Harzer leitete die Uniklinik für Kieferorthopädie knapp 20 Jahre. Der 1944 in Meißen geborene Mediziner baute die Klinik nach der politischen Wende zu einem bekannten Forschungsstandort aus. Weil Winfried Harzer 2003 eine internationale Konferenz nach Dresden holte, erhielt er den Dresden Kongress Award, der auch als "Oskar" der Veranstaltungsorganisation zählt.

Uwe Eckelt baute die Uniklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie auf. Der in Jena studierte Mediziner promovierte bereits zu DDR-Zeiten an der Medizinischen Akademie. 1995 wurde er zum Direktor der Klinik berufen, nachdem die Ausbildungsrichtung "Zahnmedizin" - Protesten geschuldet - wieder eröffnet wurde. In den folgenden Jahren baute Eckelt die Klinik nicht nur zum Behandlungszentrum, sondern auch zum nationalen und internationalen Forschungsstandort aus. Fotos (6): Uniklinikum

Neue Direktoren

Reinhard Berner leitet die Uniklinik für Kinder- und Jugendmedizin. Seine Schwerpunkte sind allgemeine Kinder- und Jugendmedizin, Infektionskrankheiten, sowie rheumatologische Krankheitsbilder. Berner, der vorher am Klinikum in Freiberg gearbeitet hat, etabliert am Dresdner Klinikum eine Regelung für den Umgang mit Infektionen (Antibiotic Stewardship), die Ärzte im Kampf gegen Infektionen durch Antibiotika-Resistenten unterstützen soll.

Jürgen Weitz, Direktor der Uniklinik für Viszeral-, Gefäß- und Thoraxchirurgie, gilt als Transplantations- und Krebsspezialist. Er ist auf Operationen des Verdauungstraktes spezialisiert, vor allem auf OPs in Speiseröhre, Magen und Darm, Bauchspeicheldrüse, Galle sowie Leber. Sein Schwerpunkt ist die Tumorchirurgie sowie die Anwendung von schonenden Operationstechniken.

Pauline Wimberger ist die zweite Frau in Deutschland, die auf einen Lehrstuhl für Frauenheilkunde und Geburtshilfe berufen wurde. Die Gynäkologin ist seit Juli 2012 Direktorin der Uniklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Mit ihrem großen operativen Erfahrungsschatz nutzt Wimberger die roboterassistierte Chirurgie (DaVinci-OP-System), um nebenwirkungsärmere und schonendere Techniken bei den Patientinnen anzuwenden.

Stefan Beissert leitet die Uniklinik für Dermatologie seit März 2012, vorher hat er in Münster gearbeitet. Seine Spezialgebiete sind entzündliche Erkrankungen der Haut sowie Hautkrebs. Einer von ihm geleiteten Forschergruppe gelang es 2010 weltweit zum ersten Mal, einen molekular-biologischen Mechanismus nachzuweisen, der für die Entstehung des Lupus erythematodes - einer schweren Autoimmunerkrankung - verantwortlich ist.

Tomasz Gedrange leitet die Klinik für Kieferorthopädie seit Ende 2011. Der Kieferorthopäde, der von Greifswald nach Dresden wechselte, setzt auf innovative Therapien, unter anderem auf den Einsatz durchsichtiger Kunststoffschienen zur Korrektur der Zahnstellung. Mit der Medizinischen Akademie Breslau forscht Gedrange an natürlichen Substanzen, die den Aufbau von Knochen und Weichgeweben im Körper unterstützen.

Seit Oktober 2011 steht mit Günter Lauer ein profilierter Vertreter der regenerativen Medizin an der Spitze der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Seine Schwerpunkte sind plastische und plastisch-rekonstruktive Chirurgie, Fehlbildungen im Kopf- und Gesichtsbereich sowie das Einsetzen von dentalen Implantaten. Sein Team ist eines von wenigen bundesweit, das im Labor gezüchtetes Gewebe verwendet, um fehlende Mundschleimhaut oder Knochen zu ersetzen.

Fotos (6): Uniklinikum

Generationswechsel am Uniklinikum: Top-Mediziner haben die ehemalige Medizinische Fakultät in den vergangenen 20 Jahren zu einem exzellenten Standort entwickelt. Heute rangiert das Dresdner Uniklinikum an der Spitze der deutschen Krankenhäuser. Das Magazin "Focus" spricht sogar von Platz 3 nach Berlin und München. Nun gehen jedoch viele Ärzte, die Medizin und Forschung aufgebaut haben, in Rente. Dem Uniklinikum steht ein Generationswechsel in Größenordnungen bevor. Die DNN stellen Ihnen die Mediziner und ihre Nachfolger vor und erklären, warum die Suche nach Top-Fachkräften manchmal so schwierig sein kann.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.11.2012

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