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Der Erste von 10 000 Herzschrittmachern

Rosemarie Schumann erhielt vor knapp 50 Jahren den ersten Herzschrittmacher Der Erste von 10 000 Herzschrittmachern

„Frau Schumann, das sind die Nerven. Ruhen Sie sich aus.“ Mit diesen Worten wurde die damals 35-jährige Dresdnerin nach Hause geschickt. „Ohne Begleitung konnte ich keine Treppen mehr steigen. Meine Mutter hatte einen Hocker dabei und ich ruhte mich auf jedem Treppenabsatz aus“, beschreibt die heute 83-Jährige ihren Zustand vor fast 50 Jahren.

„Ich wollte leben, nicht überleben“, sagt die heute 83-jährige Rosemarie Schumann über die damalige Situation.

Quelle: Anja Schneider

Dresden. “Frau Schumann, das sind die Nerven. Ruhen Sie sich aus.“ Mit diesen Worten wurde die damals 35-jährige Dresdnerin nach Hause geschickt. „Ohne Begleitung konnte ich keine Treppen mehr steigen. Meine Mutter hatte einen Hocker dabei und ich ruhte mich auf jedem Treppenabsatz aus“, beschreibt die heute 83-Jährige ihren Zustand vor fast 50 Jahren.

Damals gab es noch keinen Ultraschall und somit war die Diagnostik sehr eingeschränkt. Bei Rosemarie Schumann wurde die Herzmuskelentzündung deshalb fast zu spät erkannt. Der Puls der Patientin betrug nur noch knapp 30 und sie klagte über starke Luftprobleme. Schließlich wurde sie in das Friedrichstädter Krankenhaus eingeliefert. Dort schlug man ihr das Einsetzen eines Herzschrittmachers vor. Für damalige Verhältnisse eine völlig neue und noch nahezu unbekannte Möglichkeit. „Was soll das bloß werden? Der Arzt meint, du wirst damit nicht lange leben“, gab ihre Schwester zu denken. „Mich würde interessieren, ob der Arzt heute noch lebt“, fragt Rosemarie Schumann heute mit einem Augenzwinkern. „Ich hatte damals nichts mehr zu verlieren. Ich wollte leben, nicht überleben“, erinnert sich Frau Schumann.

Lediglich 30 Gramm wiegt ein Herzschrittmacher heute

Lediglich 30 Gramm wiegt ein Herzschrittmacher heute.

Quelle: Anja Schneider

Sie willigte der mehrstündigen Operation ein. Doch so schnell konnte es damals nicht losgehen. „Die Panzer rollten durch die Straßen, ich musste 14 Tage auf meinen Schrittmacher aus Berlin warten“, erinnert sie sich. Und dann war es endlich soweit. Das Gerät wurde in den Bauchraum eingesetzt und die Schläuche zum Herzen gelegt. Eine Rippe wurde ihr entfernt, um an den Vorhof zu gelangen und anschließend wieder eingesetzt. „Ich hatte ein tolles Team und einen sehr guten Operateur, ich bin sehr dankbar für diese Möglichkeit“, sagt die Patientin.

Seitdem wurden im Friedrichstädter Krankenhaus über 10 000 Schrittmacher eingesetzt, pro Jahr etwa 200. „Eine örtliche Betäubung reicht völlig aus. Der Schrittmacher wird unter dem Schlüsselbein zwischen Fett- und Muskelgewebe eingesetzt. Mit einer Sonde wird der Draht durch die Vene in das Herz geschoben und anschließend mit dem Schrittmacher verbunden“, erklärt Dr. med. Ulrich Gerk, Oberarzt im Krankenhaus Dresden Friedrichstadt. Auch er hat Rosemarie Schumann bereits behandelt und ihren Schrittmacher erneuert. Mittlerweile trägt sie Nummer 13 sichtbar unter dem Schlüsselbein. „Ich habe keine Probleme durch das Gerät bekommen, im Gegenteil. Mein Leben ist wieder lebenswert geworden, man muss sich eben auf den Schrittmacher einstellen. Ich habe lediglich ein paar Probleme im rechten Knie. Damals gehörte der Knicks zum guten Ton und da meine Schläuche links vom Bauchraum zum Herzen führten, habe ich mich immer mit dem rechten Bein verbeugt. Das macht sich heute im Knie bemerkbar“, lacht Rosemarie Schumann.

Das Gerät ersetzt den Herzrhythmus

Den Schrittmacher selbst spürt sie kaum. Ein eingenähtes Polster an der Kleidung schützt die Stelle zusätzlich. Auch die ersten Schläuche von damals trägt sie noch in sich. „Das Entfernen wäre zu gefährlich. Die Schläuche sind eingewachsen und bei einem Rausziehen könnte man die Gefäße verletzen“, erklärt der Oberarzt. Wenn es doch notwendig ist, gibt es im Dresdner Herzzentrum eine Lasermethode, die weniger Risiken birgt.

„Normalerweise sind Herzschrittmacher in so einem jungen Alter sehr unüblich. Unsere Patienten sind heutzutage durchschnittlich 75 Jahre“, erklärt Dr. med. Ulrich Gerk. Das Herz pumpt das Blut durch unseren Körper und versorgt so Gewebe und Organe mit Sauerstoff und Nährstoffen. Die Impulse dafür werden vom Sinusknoten abgegeben. Oftmals liegt ein sogenanntes Sinusknotensyndrom vor und die elektrischen Impulse sind unregelmäßig oder zu langsam. Bei Rosemarie Schumann ist der Grund für den Schrittmacher allerdings ein durch die Herzmuskelentzündung verursachter totaler AV-Block. Das bedeutet, sie hat keinen Eigenrhythmus mehr und der Herzschrittmacher gibt jeden einzelnen Impuls vor. Dadurch hält die Batterie nur etwa acht Jahre. In der Regel haben sie eine Lebensdauer von 12-15 Jahren. Was die Entzündung damals verursachte, ist heute nicht mehr nachvollziehbar und war auch den Ärzten damals ein Rätsel.

Die ersten Schrittmacher hielten gerade mal ein paar Tage. Damals wurde die Elektronik in eine Art Schuhcremedose eingebaut und mit Hartwachs ummantelt. Heute sind die Geräte lediglich 30 Gramm schwer und können in einem ambulanten Eingriff eingesetzt werden. Auch die Empfindlichkeit gegenüber elektronischen Geräten ist nicht mehr mit damaligen Zeiten vergleichbar. „Wenn ich auf der Straße an einem Transformator vorbeilief, musste ich ganz schnell die Straße wechseln. Heute ist das kein Problem mehr“, erinnert sich Rosemarie Schumann.

Eine einmalige Therapie in der Region

Im Städtischen Klinikum Dresden-Friedrichstadt werden mittlerweile ausschließlich Schrittmacher eingesetzt, die keine Probleme mehr mit Magnetfeldern haben. Ein Alleinstellungsmerkmal in der Region. Somit sind sogar MRT-Untersuchungen für Patienten mit Herzschrittmachern möglich. Die Geräte sind so konzipiert, dass regelmäßig Daten an die zentralen Server geschickt werden. Dort werden sie nach einem Ampelsystem kontrolliert und bei orange oder rot bekommt der behandelnde Arzt eine Mitteilung auf sein Handy. Dadurch kann er sich umgehend mit dem Patienten in Verbindung setzen und das Gerät gegebenenfalls nachjustieren. Kabellose Prototypen werden bereits getestet, doch davon ist Oberarzt Dr. med. Gerk noch nicht überzeugt, die Risiken seien noch nicht ausreichend erforscht.

So weit war die Technik bei Rosemarie Schumann damals noch nicht. Sie beendete ihre Tätigkeit in der Buchhaltung bei Pentacon und wechselte zum Friedrichstädter Krankenhaus. Dort stellte sie Ihre eigenen Erfahrungen mit der Schrittmachertherapie zur Verfügung. Sie organisierte Tagungen für interessierte Kardiologen, beruhigte verunsicherte Patienten und rechnete die Daten der Geräte mit einem Rechenschieber aus. „Ich fühlte mich nie als Patientin, stets als vollwertige Mitarbeiterin. Die Ärzte kamen ab und an zu mir und meinten, ich solle nach Feierabend auf Station kommen und dann tauschen sie den Schrittmacher. So einfach war das“, erzählt die rüstige 83-Jährige.

Inzwischen ist die Schrittmachertherapie so weit, dass sogar Gefühle der Patienten vom Gerät berücksichtigt werden können. „Vereinfacht erklärt ist in dem Schrittmacher eine Kugel, welche die Bewegung erkennt. Zum Beispiel wenn der Patient ruhig liegt oder kräftig lacht, passt sich der Schrittmacher der jeweiligen Situation an. Das ist für jeden Menschen individuell einstellbar und jederzeit veränderbar. Auch die Kraft, die eine Herzmuskelzelle bei anstrengender Denkarbeit aufwenden muss, ist messbar“, schildert Dr. med. Ulrich Gerk die Fortschritte in der Medizin.

Dennoch kann auch kein Herzschrittmacher das Leben künstlich verlängern, das weiß auch Rosemarie Schumann. „Ich erinnere mich an einen verängstigten alten Mann. Er war sehr krank. Nun war seine Angst, er müsse ewig leiden und könne nicht sterben, da das Gerät ihn am Leben erhält. Ich konnte ihm die Angst nehmen“, erinnert sich Frau Schumann. Inzwischen wurde bei der Patientin zusätzlich ein Vorhofflimmern diagnostiziert, typisch für das Alter, so der Oberarzt. Doch auch das beeindruckt die Rentnerin wenig. Mit ihren 83 Jahren ist sie eine fitte und aufgeweckte Dame, die unermüdlich Scherze mit ihren Ärzten macht und immer ein Lachen auf den Lippen hat. 2013 wurde ihr Herzschrittmacher erneuert. Wir sehen uns dann in zehn Jahren zum 60. Jubiläum der Dresdner Schrittmachertherapie wieder.

Von Lisa-Marie Leuteritz

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