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Der Dresdner Orgelbaumeister Horst Jehmlich feiert heute seinen 70. Geburtstag

Der Dresdner Orgelbaumeister Horst Jehmlich feiert heute seinen 70. Geburtstag

Horst Jehmlich feiert heute seinen 70. Geburtstag. Geboren ein halbes Jahr vor der Zerstörung Dresdens, der auch zahlreiche Orgeln der Stadt zum Opfer fielen, wuchs er in der ältesten, in Familienbesitz befindlichen Orgelbauwerkstatt weltweit mit dem Orgelbau auf.

Der 1961 begonnenen Lehre folgte die Gesellenzeit.

Der Beruf des Orgelbauers ist wie kaum ein anderer von einer großen Vielfalt der zu bearbeitenden Materialien wie Holz, verschiedene Metalle, Leder u.a. geprägt und außerdem eng mit der Musik, Architektur und Denkmalpflege verbunden. Jedes Instrument ist ein Unikat und steht in einem bestimmten Raum. Also lag für den Jubilar zusätzlich ein Studium der Raumakustik an der TU Dresden nahe. So hat sich Horst Jehmlich neben den von der Pike an erworbenen praktischen Erfahrungen weiteres wertvolles Rüstzeug erarbeitet und auch die Qualifizierung zum Orgelbaumeister abgeschlossen.

Horst Jehmlich vertritt den Grundsatz, dass das gute klangliche Gelingen einer Orgel auch wesentlich von einer guten Raumakustik abhängt. So konnte er wiederholt mit Erfolg Einfluss nehmen, dass bei der Projektierung eines Instruments für eine neue Kirche die optimalen Parameter für den Orgelstandort und raumakustische Größen wie Nachhallzeit und Deutlichkeit der Klangabstrahlung Berücksichtigung fanden. Überwiegend gilt es jedoch, mit den oft gegebenen schwierigen Raumverhältnissen fertig zu werden.

Einen Einschnitt brachte das Jahr 1972: Am 15. Mai wurde die bis dahin private Werkstatt zwangsverstaatlicht, wie alle Betriebe über zehn Beschäftigte, so auch drei weitere Orgelbaufirmen in der DDR. Der dabei gelöschte Familienname konnte erst nach etlichen Jahren wieder in der Betriebsbezeichnung genannt werden. In dieser Situation, unter den Bedingungen der "sozialistischen Planwirtschaft" mit den Schwierigkeiten der Materialbeschaffung, übernahm Horst Jehmlich als "staatlicher" Leiter den Betrieb und konnte ihn zwei Jahrzehnte trotzdem erfolgreich führen. Bis 1990 entstanden etwa 160 Neubauten im In- und Ausland. So die Orgel 1976 für die Saron-Kirche Göteborg/Schweden und weitere für Kirchen in Norwegen, 1979 für das Kloster Unser Lieben Frauen Magdeburg (Opus 1000), 1984 für das Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin. Aber auch zahlreiche Restaurierungen sind zu nennen.

Nach der Wende war die Reprivatisierung des Betriebes am 29. Juli 1990 möglich, und es galt, unter den ganz anderen, neuen Bedingungen der Marktwirtschaft die Arbeit fortzusetzen. Den Erfolg verdeutlichen weitere ca. 75 Neubauten und zahlreiche Restaurierungen. Als Beispiele sind zu nennen: Orgeln für die Synagoge in Budapest, die Sumida Triphony Hall in Tokyo, die als Konzerthalle genutzte Nikolaikirche in Berlin, die St. Wolfgangskirche in Schneeberg, die Herøy Kirche in Norwegen und die Joshi Gakuin Jr. & Sr. High School in Tokyo. Der Export konnte auf Bulgarien, die Schweiz, Tschechien, Ungarn, Japan und die USA (2004 Presb. Church Kerrville/Texas) ausgedehnt werden.

Doch bis eine Bilanz in Zahlen gezogen werden kann, ist daran zu erinnern, wie lang und oft auch schwierig in Abhängigkeit der äußeren Umstände der Weg zu einer neuen Orgel oder zu einer Restaurierung sein kann. So sieht Horst Jehmlich die Arbeiten an jeder Orgel stets als große Herausforderung. Gerade bei älteren Orgelwerken sind im Laufe Zeit Veränderungen und Ergänzungen über mehrere Epochen vorgenommen worden. Hier gilt es immer spezifisch zu entscheiden, das Instrument in seinen Originalzustand zurückzuführen oder auch die gewachsene Substanz als erhaltenswert zu belassen. Es kann viel Zeit und Kraft kosten, bis die oft unterschiedlichen Meinungen und Zielstellungen aller verantwortlichen Entscheidungsträger - Kirchgemeinde oder Stadtverwaltung, Architekt, Orgelsachverständige, Denkmalpfleger - abgeklärt sind und eine akzeptable Lösung gefunden ist. Nicht zuletzt müssen alle Entscheidungen und Angebote betriebswirtschaftlich vertretbar sein. Einerseits hat Qualität ihren Preis, andererseits gibt es eine Konkurrenz, der man sich stellen muss, um Aufträge zu erhalten. Und dies bei Auftraggebern, die in Zeiten sehr knapper Kassen häufig nach dem Preis entscheiden.

Bei all diesen vielschichtigen, täglichen Aufgaben gibt es immer wieder besonders erfreuliche Höhepunkte wie die Feier zum 200-jährigen Bestehen der Werkstatt, die 2008 in der Kreuzkirche Dresden beginnend und danach im Betriebsgelände mit allen Mitarbeitern und vielen Gästen gefeiert werden konnte. Oder eine außergewöhnliche Aufgabe wie die Restaurierung des Walzenorgelwerks der Wasserkünste im Bergpark der Wilhelmshöhe zu Kassel, das 2013/14 in der Dresdner Werkstatt umfangreich restauriert und rekonstruiert wieder zum Leben und Erklingen gebracht wurde. Auch die Festwoche 2013 anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Dresdner Kreuzkirchenorgel, die in den letzten Jahre durch akustische Maßnahmen in ihrer Klangaussage optimal gewonnen hat, war ein solcher Höhepunkt. Weitere stehen aus, wie die Vollendung der Orgel des Paulinums in Leipzig, verzögert durch die nicht termingerechte Fertigstellung des Gebäudes.

Rückblick und Ausblick wären unvollständig, wenn man die Mitarbeiter nicht nennt, die sich im Miteinander motiviert diesen Aufgaben gestellt haben und ohne die die Leistungen der Werkstatt nicht zu erzielen wären. Ebenso ist das hier nur angerissene berufliche Schaffen des Jubilars nicht möglich gewesen, ohne in seiner Familie eine Basis zu haben, um immer wieder Kraft zu schöpfen. Hier ist an erster Stelle Angelika Jehmlich zu nennen, die nicht nur als Ehefrau, sondern auch als Mitarbeiterin entscheidenden Anteil hat. Seit 2006 hat nun auch die 6. Generation der Familie Verantwortung in der Leitung der Firma übernommen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.09.2014

Wolfram Hackel

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