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Der Apfelsortensammler: Thomas Beck baut 230 Sorten an

Der Apfelsortensammler: Thomas Beck baut 230 Sorten an

"Bei Äpfeln darf man nie nach der Optik gehen. Denn man kann vom Aussehen nicht auf den Geschmack schließen. 99 Prozent der Apfelkäufer machen das falsch", sagt Thomas Beck. Er ist Obstbauer in Röhrsdorf bei Dresden, muss es also wissen.

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Apfelernte in Röhrsdorf. So weit das Auge sehen kann sind auf der Plantage Container voller Äpfel aneinander gereiht.

Quelle: Marko Förster

Dresden. Beck bewirtschaftet mit 14 fest angestellten Mitarbeitern sowie bis zu 110 Erntehelfern 200 Hektar Land. Auf 62,5 Prozent der Fläche baut der gelernte Handelsfachwirt und studierte Gartenbauer Äpfel an. Vornehmlich die Sorten, die er über die Erzeugergemeinschaft Borthener Obst, deren Mitglied er ist, an Supermarktketten und Großhandel verkaufen kann. Elstar, Jonagold, Pinova, Golden Delicious usw. also, weil sie die richtige Größe, Ausfärbung und Druckfestigkeit sowie den richtigen Zuckergehalt haben, um im Supermarkt massenhaft gekauft zu werden. Alles, was nicht der Norm entspricht, hat dort keine Chance. Und so geht nach und nach die Vielfalt verloren.

Thomas Beck, bekennender Apfelfan, will sie mit seinen Mitteln erhalten. Vor Jahren begann er deshalb, Apfelsorten zu sammeln. Unterstützung bekam er dabei von einem der international bekanntesten Obstzüchter: Prof. Manfred Fischer aus Pillnitz. Er schnitt dem Obstbauern Reiser von den Bäumen der damaligen Genbank Obst. Beck zog sich daraus Bäumchen. So ist daraus mittlerweile eine kleine Plantage geworden - mit rund 230 Sorten.

Sie spiegeln 500 Jahre Züchtungsgeschichte wider. "Decio stammt aus der Zeit um 1500 und ist die älteste noch bekannte Sorte", weist Thomas Beck beim Rundgang durch die Plantage auf ein Bäumchen. "Der Scharlachrote Gascogner hat ein einzigartiges Aroma. Der Macintosh hier ist ebenfalls aromatisch, aber leider nicht so haltbar. Der Riesenboiken bringt zwar wenig Früchte, dafür sind die riesig. Der größte Apfel wog mal 800 Gramm, den konnte einer alleine gar nicht essen." Thomas Beck scheint wirklich jede Sorte zu kennen.

Schon rein optisch ist die Vielfalt faszinierend. Wildsorten findet man da, die massenhaft Miniäpfelchen tragen, in kräftigem Gelb oder Knallrot zum Beispiel. Und Zuchtsorten mit größeren Äpfeln, manche klein und eher flach, andere groß und kugelrund, die nächsten eher oval oder auch unförmig bauchig. Die Färbung reicht von kratzegrün über grün mit roten Bäckchen oder Streifen, hellem Ziegelrot mit grauem Schleier bis hin zu Bordeaux, Gelb oder auch Violett - um nur einige zu nennen.

Manchmal macht Thomas Beck auf Anfrage Führungen durch seine Apfelsortensammlung, aber ausschließlich im Frühling zur Blüte. "Später habe ich dafür einfach keine Zeit." Wer sich für alte Apfelsorten interessiert, sollte dennoch mal in Becks Obstscheune in Röhrsdorf neben dem Sächsisch-Böhmischen Bauernmarkt vorbeischauen. Dort bietet der Obstbauer nicht nur die allseits bekannten Apfelsorten an, die er in großem Stil anbaut. Daneben stehen im Herbst und Winter immer auch mehrere kleine Kistchen mit den Früchten seiner Apfelsortensammlung. Das Angebot ist abhängig davon, welche Äpfel gerade reif bzw. nach einer gewissen Lagerzeit genießbar sind. Und natürlich auch davon, ob und wie viel jede einzelne Sorte getragen hat, denn von jeder gibt es nur zwei oder drei Bäumchen.

So können sich seine Kunden nach und nach durchprobieren und die Äpfel finden, die ihnen am besten schmecken. Bei so vielen Sorten ist das eher ein Glücksspiel. Immerhin, einige Apfelliebhaber sind offenbar fündig geworden. Denn mittlerweile wird bei Obstbauer Beck schon eine Liste geführt, in die man sich mit seinem Apfelsortenwunsch eintragen kann. "Ist die entsprechende Sorte reif, packen wir einen kleinen Beutel und legen ihn zurück."

Das große Geld macht Thomas Beck damit nicht. Zumal seine Äpfel billiger sind als im Supermarkt. "Ich möchte etwas Besonderes bieten, was nicht jeder hat, und die Leute damit in meinen Hofladen locken", gibt der Obstbauer unumwunden zu. Denn die Obstbauern kämpfen ums Überleben, wie Beck sagt.

Der Mindestlohn mache ihnen zu schaffen. "Das Problem ist, dass gar nicht weit weg von hier in Polen der gesetzliche Mindestlohn bei 2,50 Euro liegt. Die können ihre Äpfel also viel billiger anbieten. Und die Großabnehmer hierzulande schauen nur auf den Preis. Kein Wunder bei dem geringen Stellenwert, den Lebensmittel in Deutschland haben. Ganz besonders im Osten."

Hier gehe es immer nur darum, alles billig zu bekommen. Mit anderen Worten: Jeder will mit seiner Arbeit Geld verdienen, aber viele sind nicht bereit, die Leistung des anderen mit einer entsprechenden Bezahlung zu würdigen. "In den alten Bundesländern erzielt ein Obstbauer im Hofladen rund 1,80 Euro pro Kilo, ich 1,25 Euro. Wenn wir an Handelsketten liefern, bekommen wir im Schnitt 25 Cent pro Kilo. Wenn es gut läuft."

Auch das Embargo gegen Russland macht den Obstbauern schwer zu schaffen, wie Beck sagt. "Im vergangenen Jahr haben wir sieben Mitglieder der Erzeugergemeinschaft 5000 Tonnen Äpfel nicht als Tafelobst, sondern gleich als Fallobst zur Saftproduktion gepflückt." Zudem drängten die Äpfel aus Polen und anderen Ländern auf den deutschen Markt. Finanzielle Einbußen, die die Obstbauern nur schwer verkraften würden. "Und die Preisspirale dreht sich weiter nach oben."

Beck lässt den Blick über seine Plantagen schweifen. Die Produktion von Beerenobst fährt er schon zurück. "Zu arbeitsintensiv, also zu teuer. Mit den Äpfeln geht es gerade noch. Aber wir rechnen wirklich mit halben Cents." Überleben werden nach Ansicht des Obstbauern am Ende die kleinen Betriebe, die auf Direktvermarktung setzen. Und auch da vor allem die Obstbauern in den alten Bundesländern. "Dort ist das gewachsen. Die Leute sind es seit Generationen gewöhnt, sich ihr Obst und ihr Fleisch direkt vom Bauern zu holen. Der Osten isst Netto. Und wir haben keine Lobby."

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