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Demografische Schere zwischen Teenies und Hochbetagten in Dresden

Interessen-Konflikte absehbar: Demografische Schere zwischen Teenies und Hochbetagten in Dresden

Nur wenige Rentner in Dresden sind so arm, dass sie auf die staatliche Stütze angewiesen sind, die „Grundsicherung im Alter“. Allerdings wächst der Kreis der armen Rentner. Behörden wie Demografie-Experten gehen davon aus, dass die Altersarmut in naher Zukunft schneller wachsen wird als bisher.

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Oft übernehmen Senioren die Betreuung ihrer Enkel. Petra und Joachim Richter gehen mit Merle (4) und Anton (8) in den Dresdner Zoo.
 

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden.  Nur wenige Rentner in Dresden sind so arm, dass sie auf die staatliche Stütze angewiesen sind, die „Grundsicherung im Alter“. Allerdings wächst der Kreis der armen Rentner. Behörden wie Demografie-Experten gehen davon aus, dass die Altersarmut in naher Zukunft schneller wachsen wird als bisher.

Derzeit bekommen 2137 Senioren solch eine Altersstütze, weil ihre Rente nicht zum Leben reicht. Damit sind etwa 1,8 Prozent aller Dresdner ab 65 Jahren nach offizieller Lesart „arm“. Gegenüber dem Vorjahr ist die Zahl der Grundsicherungs-Empfänger im Alter etwas gesunken: Mitte 2015 bezogen noch 2202 Dresdner solch eine Bundes-Altersstütze, die über das städtische Sozialamt verteilt wird. Die Statistik trügt jedoch etwas. Denn die Altersarmut in Dresden ist nicht wirklich geschrumpft. „Seit dem 1. Januar gilt ein reformiertes Wohngeld-Gesetz“, erklärt Sozialamts-Chefin Susanne Cordts. „Dadurch bekommen nun mehr Senioren Wohngeld und tauchen nicht mehr in der Grundsicherungs-Statistik auf.“

Aber auch ganz abgesehen von diesem statistischen „Verschiebebahnhof“ haben Demografie-Experten kaum Zweifel, dass Altersarmut in wenigen Jahren viel offener zutage treten wird: Ab 2020 nämlich kommen immer mehr von jenen Dresdnern ins Rentenalter, für die der größere Teil ihrer beruflichen Biografie nach der Wende lag – und in vielen Fällen mit wiederholten Episoden der Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit gespickt war. Dadurch werde die Altersarmut stärker zunehmen als bisher, prognostiziert Prof. Joachim Ragnitz (siehe Interview) vom ifo-Institut in Dresden. „Die Anzahl derer, die auf Grundsicherung angewiesen sind, wird steigen“, ist auch Amtsleiterin Cordts überzeugt.

Dabei ist Altersarmut nur eine von vielen Herausforderungen, vor die der demografische Wandel die Stadt demnächst stellen wird. Anders als auf dem Lande ringsum, wo „nur“ eine deutliche Überalterung der Bevölkerung zu erwarten ist, dürfte dieser Wandel in Dresden eher einem aufklaffenden Spagat zwischen den Interessen von ganz Jungen und ganz Alten ähneln. Denn in den nächsten 14 Jahren werden nur ausgewählte Altersgruppen innerhalb der Bürgerschaft überproportional wachsen: die Teenager und Twens auf der einen und die Senioren auf der anderen Seite. Laut den Prognosen der Statistiker wird die Dresdner Bevölkerung insgesamt bis zum Jahr 2030 um 8,4 Prozent auf dann rund 587.000 Menschen wachsen. Die Gruppe der 15- bis 17-Jährigen allerdings wird im selben Zeitraum um fast 50 Prozent wachsen, die der 18- bis 24-Jährigen um 23 Prozent und die der Senioren jenseits der 75 Jahre um 16,5 Prozent.

Schon in den vergangenen Jahren war dieser Trend hin zu einem wachsenden Seniorenanteil zu beobachten: Hatten 1999 reichlich 82.000 Dresdner den 65. Geburtstag hinter sich und machten damals 17,4 Prozent der Stadtbevölkerung aus, wohnen inzwischen 118.600 Rentner in Dresden, was einem Anteil von 21,6 Prozent entspricht. „Die Prognose geht von einem weiteren Anstieg des Seniorenanteils bis 2030 auf 22,3 % aus“, teilte das Sozialamt mit.

Damit werden Behörden wie Unternehmer bei jeder ihrer Entscheidungen in Zukunft womöglich in wachsendem Maße „Entweder-Oder-Entscheidungen“ treffen müssen: Baue ich lieber barrierefreie Senioren-Wohnungen oder raffiniert geschnittene Studios für die jungen Hipster? Öffne ich hier einen Markt für Senioren oder einen Schnellimbiss für die Jungen? Investiere ich in rollator-freundliche Zufahrten oder gebe ich den Fußweg für rasante Segways frei?

Denn es sind auch viele Kleinigkeiten, an die Jüngere zunächst gar nicht denken, die den urbanen Raum für Senioren einladend oder unzugänglich machen: „Längere Ampelphasen für Fußgänger“, „größere, gut lesbare Beschriftungen in Ausstellungen“, „Duschen statt Badewannen“ und „Waschmaschinen in den Wohnungen statt in den Kellern“, „kleine erreichbare Geschäfte im Wohnumfeld“, Rollator-fähige und gut ausgeleuchtete Fußwege in Striesen und Blasewitz, aber auch „mehr Tiere“ und „mehr Sonnenschein“ in der Stadt… Dabei sind dies nur einige der Wünsche, die ältere Dresdner während einer städtischen Seniorenkonferenz im Mai 2015 als Wünsche an ein rentnerfreundliches Dresden zusammengetragen hatten.

Einiges, wie etwa der Sonnenschein, liegt zweifellos außerhalb behördlichen Einflusses. Anderes würde nur etwas mehr Aufmerksamkeit erfordern, wieder andere Verbesserungsvorschläge wiederum kosten richtig Geld: Die kaputten Fußwege in Striesen und Blasewitz zum Beispiel sind seit Jahren ein Dauerärgernis und die städtischen Reparaturversuche kommen bisher eher langsam voran.

Zudem hat das Sozialamt selbst für die mittelfristige Planung zu wenig Leute: Der jüngste Seniorenplan datiert auf 2011 – dabei hieß es ursprünglich mal, die Senioren- und Altenhilfe-Pläne sollten jährlich aktualisiert werden. Dafür fehlen Amtsleiterin Cordts aber mindestens vier Vollzeit-Mitarbeiter. Im kommenden Jahr, so hofft sie, könnte das Amt dann wohl wieder einen Senioren-Fachplan vorlegen.

Von Heiko Weckbrodt

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