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"Das schmerzt natürlich" - Dresdner Pentacon GmbH stellt den Handel mit Praktica-Kameras ein

"Das schmerzt natürlich" - Dresdner Pentacon GmbH stellt den Handel mit Praktica-Kameras ein

"Das schmerzt natürlich schon", erklärte Michael Bledau am Montag gegenüber DNN. Seit 15 Jahren ist er Geschäftsführer der Dresdner Pentacon GmbH und nun musste er das Aus für die berühmte Marke Praktica verkünden.

Gerade hat die Legende 65. "Geburtstag" gefeiert, nun will das Unternehmen im Sommer dieses Jahres den Handel mit Praktica-Fotoprodukten aufgeben.

Eine große Überraschung ist das für die Fachleute allerdings nicht mehr. Schon vor zwei Jahren sei klar gewesen, erläuterte Bledau, dass eine Entscheidung getroffen werden muss, wenn sich das Geschäft in diesem Segment nicht verbessert.

Damit verschwindet eine renommierte Marke und unter dem Namen Pentacon wird es keine Foto-Produkte mehr geben. So endet eine Geschichte, deren Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen. 1898 beispielsweise gab es in Dresden schon mehrere Kamerafabriken. Es folgten Fusionen und Neugründungen. Mitte der 1920-er Jahre entstand die Zeiss Ikon, durch den Zusammenschluss verschiedener auswärtiger und Dresdner Firmen. Darunter befanden sich auch die Ernemann-Werke, deren damalige Produktionsstätte für ihren markanten Turm bekannt war. Er prägt bis heute das Logo der späteren Firma Pentacon. In dem Turm ist heute das Museum "Technische Sammlungen" der Stadt untergebracht.

Geschäft leidet an Handy-Trends

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Dresdner Foto-Industrie verstaatlicht. 1949 wurde Praktica als Markenzeichen eingetragen. Mit der Zusammenlegung verschiedener Unternehmen entstand 1959 der Volkseigene Betrieb (VEB) Kamera- und Kinowerke, der 1964 den Namen Pentacon erhielt. Er leitet sich vom Pentaprisma, einem Bauteil im Sucher von Spiegelreflexkameras, und dem früheren Icon-Namen ab. Pentacon wurde zu einem der größten Arbeitgeber in der Region und beschäftigte 1980 nach Firmenangaben 9000 Mitarbeiter in unterschiedlichen Teilbereichen. Pentacon und Praktica-Spiegelreflexkameras waren sogar an der bemannten Raumfahrt der Sowjetunion beteiligt.

1990 kamen Teile des Unternehmens zur Jos. Schneider Gruppe (Bad Kreuznach). 1997 entstand die Pentacon GmbH in ihrer heutigen Form, sie beschäftigt derzeit etwa 127 Mitarbeiter. 2001 endete die Produktion der analogen Spiegelreflexkameras. Es kamen Digitalkameras mit dem Namen Praktica auf den Markt. Zu Spitzenzeiten verkaufte Pentacon diese in etwa 40 Länder weltweit.

2008 lag der Umsatz des Unternehmens noch bei 37 Millionen Euro. Aus Kostengründen werden die digitalen Fotoapparate nur noch in Asien hergestellt. Nur so könne das Unternehmen konkurrenzfähig bleiben, sagte der Geschäftsführer seinerzeit. 590 000 Digitalkameras wurden damals unter dem Traditions-Logo weltweit verkauft. Dann kam die Finanzkrise und sorgte beispielsweise bei Portugiesen, Spaniern und Italienern für weniger Absatz. Vor allem schlug aber die Entwicklung bei Handys und Tablett-Computern ins Kontor. Wer seine Fotos mit dem Telefon macht, kann sie ohne Weiteres versenden. Versuche, diesen Trend mit WLan-Komponenten an den Kameras entgegen zu wirken, blieben erfolglos. Das Geschäft mit den kompakten digitalen Kameras ging immer schlechter. Firmensprecher Thomas Aurich zieht sogar Vergleiche zur Schreibmaschine. 2014 verkaufte Pentacon noch 15 000 Kameras mit dem Praktica-Aufdruck. Zusammen mit Zubehör und Ferngläsern setzten die Dresdner damit noch 1,9 Millionen Euro um. Das Geschäftsegment ist defizitär, insgesamt erreicht Pentacon eine "schwarze Null". Ein Einstieg in den Markt mit digitalen Spiegelreflexkameras wäre unrealistisch gewesen. Die meisten Lizenzen für die Technologie liegen in Japan. Der Preiskampf ist sowieso hart.

Jetzt zieht das Mutterunternehmen einen Schlussstrich. Pentacon trennt sich zum 30. Juni vom Handelsgeschäft mit den Praktica-Fotoprodukten. Laut Gesellschafterbeschluss soll das operative Geschäft noch bis Mitte des Jahres weitergeführt und anschließend vollständig eingestellt werden. Gesetzliche Verpflichtungen gegenüber Käufern würden jedoch auch darüber hinaus eingehalten. Drei bis vier Stellen müssten abgebaut werden, erklärte Sprecher Aurich. Dies soll jedoch einvernehmlich geschehen. Die Veränderungen seien schon länger vorbereitet, betroffene Mitarbeiter in andere Bereiche versetzt worden.

In Zukunft will sich das Unternehmen noch stärker auf "das erfolgreiche Industrie- und Automotive-Geschäft" konzentrieren und weiter in neue Technologien investieren. Scanner tragen aktuell noch den Namen Pentacon. Dieser soll auch "unbedingt erhalten" bleiben, erläutert Geschäftsführer Bledau. Der Anhang Foto- und Feinwerktechnik dürfte sich aber über kurz oder lang ändern. Er erinnert zu stark an das Kamera-Geschäft. Das Unternehmen ist beispielsweise mit Spritzgussteilen aus Kunststoff gut im Geschäft. Sie werden unter anderem in Scheinwerfern für die Leuchtweitenregulierung und in Dieseleinspritzsystemen verwendet. Derzeit laufen Großserien für Kunden, mit denen die Mitarbeiter im Drei-Schicht-System beschäftigt sind. Auch die Möbelindustrie bezieht Kunststoffteile. Seit Jahren entwickelt, produziert und vertreibt Pentacon Komponenten der elektronischen Bilderfassung sowie Komplettsysteme zur akustischen und optischen Qualitätskontrolle.

Was mit dem Namen Praktica passiert, ist derzeit noch offen. "Wir behalten ihn erstmal", sagte Sprecher Aurich gestern. Es gebe allerdings Interessenten.

"Mit der Schließung des Handelsgeschäftes geht ein Stück deutsche Fotogeschichte zu Ende", erklärte Geschäftsführer Bledau. Und bedauert: "Aber es nützt ja nichts."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.04.2015

Ingolf Pleil

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