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Das Vorwerk Podemus in Dresden: "Die haben uns für Spinner gehalten"

Das Vorwerk Podemus in Dresden: "Die haben uns für Spinner gehalten"

Steil und kurvenreich ist die Straße nach Podemus, wenn man Omsewitz verlässt, Land-Aroma der Marke Rindermist wabert bald in die Nase. Ein paar Hoppepferdchen kauen lustlos auf einer Wiese, mustern mäßig interessiert das vorbeirauschende Automobil.

Als mich das Navi in den Posemuser Ring drängelt, fühle ich mich an das Dorf meiner Großmutter erinnert: Kühe käuen neben einer Ockermauer, haben sich vor der sengenden Mittagshitze in den Schatten geflüchtet. "Ping-ping-ping", klimpern ein paar zinkfarbene Milcheimer, wie ich sie schon seit Jahren nicht mehr gesehen habe, zur Melkerei. Die Uhr am gutsherren-mäßigen Portal des Seitenflügels sieht aus, als wäre sie vor Jahrzehnten stehengeblieben. Das brummelnde Flugzeug da oben am wolkenfreien blaustrahlenden Himmel scheint weit, weit weg und hier weder Tier noch Mensch etwas anzugehen. Zwei kleine Mädchen buddeln auf einem Spielplatz im Hofe, Papa hat sich in der schattigen Spielzeugburg versteckt - Mama geht wahrscheinlich gerade bioshoppen.

Wie eine große Familie

Bernhard Probst bietet mir eine selbstgemachte Limonade und einen schattigen Platz am hölzernen Hoftisch an. Ich nehme beides an und bin angetan. Während mir der 37-jährige Bauer und Geschäftsführer erzählt, wie er 1991 aus dem Westen hierher kam, den Kopf voller Projekte und Ideen, als noch niemand an "Bio" als Verkaufsargument für Lebensmittel so recht glauben wollte, wie er und seine Familie das Vorwerk Podemus wieder aufgebaut haben, wie die Probsts aus einem spontanen Kartoffel-Hofverkauf als Keimzelle ein ganzes Netzwerk aus ökologischem Landbau und Biomärkten knüpften, werden wir immer wieder unterbrochen. Probst senior, den ich vorhin hemdsärmelig und bestiefelt an der Melkerei gesehen habe, will dem Sohn, der den Laden schmeißt, etwas über Milch erzählen. Ein schlaksiger junger Mann sprudelt ein Resümee von einem Fest am Hauptbahnhof herunter, an dem die Podemuser mitgewirkt haben. Ein Mädchen beklagt ein Fahrradmalheur. Zwei ältere Besucher wollen dem Chef von ihrem Lieblings-Biohof die Hand schütteln.

Der Eindruck, dass sich alle hier wie eine große Familie fühlen, Beruf(ung) und Privates im Vorwerk Podemus untrennbar sind, verstärkt sich später noch, als mich Probst junior in die Kantine unterm Spitzdach einlädt: Wie an einer langen Clan-Tafel mampfen hier die Cheffamilie und die Mitarbeiter Seit an Seit selbstangebaute Kartoffeln und Bio-Gulasch in sich hinein, lachen, scherzen, sorgen sich über den Arbeitsunfall eines Kollegen, sinnieren übers Erntewetter, den Traktor-

Vielleicht steckt gerade in diesem besonderen Miteinander - hochtrabender formuliert: einer gemeinsamen Vision - das Erfolgsrezept des Vorwerks Podemus, das von Dresden aus ein kleines Bioimperium hat wachsen lassen. Der Anfang hier sei nicht einfach gewesen, erinnert sich der Chef. Nach der Wende kehrte die Familie von Bayern nach Podemus zurück, um den in den 1960er Jahren verlassenen Dreiseithof wieder in Besitz und auf Vordermann zu bringen. "Die haben uns damals für Spinner gehalten, weil wir unsere 60 Hektar gleich auf ökologischen Landbau umgestellt haben", sagt Probst. "Zu der Zeit gab's dafür noch keine Fördermittel und Käufer für Bioprodukte - scheinbar - auch nicht." Doch Probst und seine Familie hielten an ihren Idealen von einer besseren Landwirtschaft fest, investierten rund 2,2 Millionen D-Mark in den Neuanfang - und ließen keine Chemie mehr auf Felder und an Tiere. "Wenn manche Bauern auf ihren Höfen Lebensmittel mit derselben Chemie behandeln, die sie pur sofort als giftig ablehnen und niemals trinken würden, ist das doch völlig krank", redet sich Probst bei dem Thema schnell in Rage. "So was kommt bei uns überhaupt nicht in Frage."

Vom Hofverkauf zur Biomarkt-Kette

Die Probstsche Beharrlichkeit zahlte sich zwar langsam, aber letztlich eben doch aus - für Gaumen wie auch fürs Unternehmen. Dass Wurst aus der Podemuser Hausschlachterei, der Käse oder auch die Kartoffeln aus dem Vorwerk wirklich besser schmecken als das meiste abgepackte Zeug aus dem Supermarktregal, merkten mit den Jahren immer mehr Käufer - erst die aus Podemus, dann die aus Dresden und heute aus ganz Sachsen und darüber hinaus. Über 16 Millionen Euro Umsatz macht das Vorwerk mittlerweile, jährliche Zuwachsraten um die 30 Prozent sind hier Usus. Inzwischen betreiben die Podemuser neun Biomärkte in Dresden, Radebeul, Bautzen und Freiberg, ein weiterer soll zu Ostern 2015 im alten Bahnhof Klotzsche öffnen.

Die Propsts beschäftigen heute 136 Mitarbeiter und bewirtschaften 250 Hektar Land - "öko" natürlich. Selbst große Ketten wie Konsum oder REWE ordern von ihnen, weil die "Spinner" von Podemus eben doch recht behalten haben: Die Umsätze mit Bio-Lebensmitteln steigen deutschlandweit. "Unser Zeug schmeckt einfach besser, ist gesünder und frei von Chemie", erklärt sich das ein selbstbewusster Bernhard Probst, während er mit seinen Leuten in der Kantine gerade den Nachtisch verspeist - natürlich aus eigener Produktion. "Wir haben jetzt auch mit dem Anbau von Pfirsichen, Aprikosen und Tomaten begonnen", erzählt der Chef und sticht mit der Gabel in Richtung des Obstkorbes auf der Tafel. "Hab die ersten schon probiert: Saftig. Köstlich."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.08.2014

Heiko Weckbrodt

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