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Das Selbstmord-Tabu - In Dresden nehmen sich immer mehr ältere Menschen das Leben

Das Selbstmord-Tabu - In Dresden nehmen sich immer mehr ältere Menschen das Leben

Als die Depressionen wieder einmal übermächtig werden, geht der 64-jährige Günter H. (Name geändert) im vergangenen Jahr in seine Scheune, legt einen Strick um den Hals und möchte seinem Leben ein Ende setzen.

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Prof. Burkhard Jabs behandelt seit vielen Jahren depressive Menschen.

Quelle: Christian Juppe

"Ich hatte bereits seit fünf, sechs Jahren Selbstmordgedanken, weil ich einfach keinen Ausweg mehr gesehen habe", erinnert sich der Bauingenieur. Trotz fehlender Lebensfreude schreckt er jedoch im letzten Moment vor dem finalen Schritt zurück. "Am Ende hat mir dann doch der Mut gefehlt", sagt er mit ruhiger Stimme. Probiert hat er es dennoch auch später noch einige Male. Immer wieder stand er in der Scheune und haderte mit dem Schicksal.

Günter H. ist kein Einzelfall. Wie die Zahlen des statistischen Landesamtes in Kamenz belegen, sind es in Dresden vor allem ältere Menschen, die suizidgefährdet sind. Betrachtet man die neueste vorliegende Statistik aus dem Jahr 2011, dann fällt auf, dass die Selbstmordzahlen bereits ab dem 45. Lebensjahr signifikant ansteigen und sich auch im Vergleich zu den Vorjahren stetig erhöht haben. Von 67 Selbsttötungen entfielen 26 auf die Gruppe der 45- bis 65-Jährigen (2007: 11), acht auf die 65- bis 75-Jährigen und 14 auf die über 75-Jährigen. In ganz Sachsen waren bei insgesamt 664 Suiziden 40 Prozent der Männer und 51 Prozent der Frauen über 65 Jahre alt.

Die tatsächlich Zahl dürfte aber wohl noch höher liegen. Denn Ältere, die es ablehnen weiter ihre Medikamente zu nehmen oder zu essen und zu trinken, tauchen in keiner Statistik auf.

Depression als Ursache

Prof. Burkhard Jabs, Chefarzt der am Weißen Hirsch gelegenen Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Städtischen Krankenhauses Dresden-Neustadt, kann diesen Trend bestätigen. "Seit Jahren beobachten wir in ganz Deutschland das sogenannte ungarische Muster, d.h. den deutlichen Anstieg der Suizidziffern im Alter." Sachsen und Thüringen seien dabei Länder, in denen sich besonders viele Menschen das Leben nehmen.

Doch wo liegen die Ursachen? "Wenn man die Betroffenen fragt, sind es vor allem Einsamkeit, Schmerzen sowie andere Einschränkungen des Alters, die als Gründe für einen Suizidversuch angegeben werden", so Jabs. Oft werde jedoch übersehen, dass bei 90 Prozent der Menschen, die sich das Leben nehmen, eine psychische Störung vorhanden sei. Am häufigsten handele es sich um eine Depression, deren Alarmsignale vom näheren Umfeld nicht erkannt werden, betont der Chefarzt.

Obwohl jede Depression sehr individuell ist, weist Jabs darauf hin, dass man die Krankheit heute recht gut behandeln kann. "In den vergangenen 30 Jahren konnten die Suizidzahlen halbiert werden. Das hängt zum einen damit zusammen, dass die Antidepressiva heute besser verträglich sind und daher eine breitere Anwendung erfahren. Zum anderen eignen sie sich weniger dafür, selbst für den Suizid missbraucht zu werden, als es früher der Fall war."

Bauingenieur H. hofft, dass ihm die Ärzte in der Klinik am Weißen Hirsch aus seiner Krise helfen können. Da bei ihm die Medikamente nicht ausreichend angeschlagen haben, wurde ihm die sogenannte Elektrokrampftherapie empfohlen. "Der Patient bekommt bei dieser Behandlung in Kurznarkose und unter Muskelentspannung für wenige Sekunden einen Stromimpuls, der von der Spannung her aber geringer ist als bei einem Weidezaun", erklärt Prof. Jabs. Ziel der Methode sei es, einen Krampfanfall im Gehirn auszulösen, der - wie man heute annimmt - zu einer Neubildung von Nervenzellen führe und damit wie ein Antidepressivum wirke.

Keine Kraft mehr, um zu arbeiten

Trotz jahrzehntelanger Depressionen kennt Günter H. bis zum heutigen Tag nicht den Grund dafür. "Ich weiß nur, dass ich seit frühester Jugend Phasen habe, wo mir morgens übel ist und ich keine Energie mehr habe, irgendetwas zu tun. Nur mit Mühe komme ich dann noch aus dem Bett heraus." An Arbeit sei dann nicht mehr zu denken, so der Familienvater. Nachdem die Krankheit im Laufe der Jahre immer stärker wurde, musste er seinen Beruf als Bauingenieur vor zehn Jahren endgültig aufgeben und in Frührente gehen.

Obwohl Depressionen weit verbreitet sind, macht Prof. Jabs darauf aufmerksam, dass nur wenige Menschen so schwer betroffen sind, dass sie eine Elektrokrampftherapie benötigen. "Die meisten älteren Menschen profitieren bereits von einem einzigen Medikament, von Psychotherapie oder einer Kombination von beiden", sagt der Chefarzt und fügt an: "Entscheidend ist, dass ihre Depression erkannt und suizidale Gedanken ernst genommen werden."

Hönigschmid, Stephan

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