Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Das Leben im letzten Abschnitt: Über 12000 Dresdner sind pflegebedürftig

Das Leben im letzten Abschnitt: Über 12000 Dresdner sind pflegebedürftig

Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Dresden steigt immer weiter. Es fehlen jedoch Geld, Heimplätze und Pflegepersonal. Viele Rentner fühlen sich abgeschoben und allein.

Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Dresden steigt immer weiter. Es fehlen jedoch Geld, Heimplätze und Pflegepersonal. Viele Rentner fühlen sich abgeschoben und allein.

Von Katrin Tominski

Es dauert zehn Minuten, dann kann Waltraud Locke nicht mehr an sich halten. Dann laufen ihr die Tränen über die Wangen und sie schluchzt ihren Schmerz aus sich heraus. Wie immer in solchen Momenten sind alle quälenden Erinnerungen auf einmal da: der Tod des geliebten Mannes, die Abschiede der sieben Geschwister, das Gefühl allein übrig zu bleiben, dann der neue Platz im Heim - überhaupt die ganze Gegenwärtigkeit des Todes.

Die 83-jährige Rentnerin ist erst seit acht Wochen im Altenheim der Volkssolidarität Dresden. Insgesamt 204 Rentner werden dort in Gorbitz von 113 Vollzeitkräften versorgt. 98 Plätze zählt die Warteliste. Waltraud Locke hat Glück gehabt. Sie gehört zu den 56 Senioren, die 2012 in Gorbitz einen stationären Pflegeplatz ergattert gaben. Noch hat sie sich jedoch nicht an die Fremde gewöhnt. Sie vermisst ihre Wohnung in Langebrück. Ankommen braucht Zeit, im Alter noch viel mehr. Ein Glück gibt es die Kinder und die Enkel. Kurz sind die Tränen vergessen. Ja, der Sohn kam zu Weihnachten, ein Glück. Balsam für die Seele.

Ein wenig robuster kommt die 93-jährige Erna von Haaß daher. Sie hatte ihre Zeit zum Einleben, denn sie ist die Dienstälteste des Gorbitzer Altenheimes. Seit dem 22. Juli 1990 lebt sie dort. "Ich habe es damals einfach nicht mehr geschafft, die Kohlen in die 4. Etage zu schleppen", erinnert sich die ehemalige Buchhändlern, die ihr ganzes Leben in der Neustadt verbracht hat. Lauscht man ihrem Leben, ist das wie ein Ausflug in die Geschichte. Die Leiden des Krieges, das Überleben im Bunker, der vermisste Ehemann und der immer kranke Sohn. Dazu die DDR, die heiß geliebten Bücher und Erwin Strittmatter. Erna von Haaß hat das Altenheim im Wandel der Zeit erlebt, hat sich im Heimbeirat engagiert und prangert noch heute unverhohlen Umstände an, die ihr nicht passen. Die Begegnungsstätte des Heims meidet sie mittlerweile. "Ich ertrage es nicht, die dementen Leute zu sehen", erzählt sie.

Die Zahl der Demenz-Kranken in den Altenheimen wächst immer mehr. Das bestätigt Clemens Burschyk, Geschäftsführer der Volkssolidarität Dresden. "In unserem Pflegeheim in Leubnitz haben wir etwa 75 Prozent Demenzkranke. Die psychischen Folgen für die Pflegekräfte sind enorm. "Wir betreuen unsere Pfleger mit Supervision", erklärt Burschyk. "Das schafft niemand ohne Hilfe." Geld gebe es laut Pflegeplan dafür jedoch nicht.

Die Altenheime der Volkssolidarität haben vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) die Bestnote 1 erhalten. Insider kritisieren jedoch, dass die Bewertungen des MDK viel zu theoretisch seien. Sie stützten sich auf schriftliche Dokumentationen und seien weit von der Praxis entfernt.

Wenn alles akribisch dokumentiert wird, fehlt wertvolle Zeit. Davon kann die stellvertretende Pflegeleiterin der ambulanten Dienstes des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Ute Dotterschütz, ein Lied singen. Sie ist in der Weihnachtszeit für ihre Kollegen eingesprungen. "Sonst haben die ja nie frei." Die Pflegerin ist freundlich, geduldig und hochprofessionell. Viele Damen kennt sie seit Jahren. Auch Gisela Grosche. Die 84-Jährige hat viele Jahre für die Stadtverwaltung gearbeitet und in diesem Jahr das erste Mal keinen Weihnachtsbaum aufgestellt. "Keine Lust", erzählt die Dame, die an chronischen Wunden leidet. Die Schmerzen quälen, ihre Motivation sinkt. Ute Dotterschütz macht ihr Mut. "Das ist alles schon viel besser geworden", appelliert die Pflegerin. "Den Rest schaffen wir auch." Dann muss sie weg, zur nächsten Patientin. Pflege in Zeitfenstern.

Besonders in der Weihnachtszeit herrscht Pflegenotstand. Ein paar Krankheitsfälle reichen, um die enge Personalausstattung fast zum Kippen zu bringen. Die Burnout-Fälle häufen sich. Zu viel Arbeit, zu wenig Zeit und immer das Gefühl, man sei dem Menschen nicht gerecht geworden. "Alte Menschen sind keine Maschinen, die berechnend gewartet werden können", erzählt ein Pfleger, der anonym bleiben möchte. Oft bleibe keine Zeit neben der Pflege auch Wärme zu geben.

Gisela Grosche jedenfalls wäre gern auf ihren geliebten Striezelmarkt gegangen. Allerdings gibt es dort keine Sitzplätze. "Vielleicht klappt es ja im nächsten Jahr", träumt sie. Dafür würde es sich sogar lohnen, ihre Beine wieder richtig fit zu kriegen.

In Dresden betreuen 103 ambulante Pflegedienste, 13 Einrichtungen für Kurzzeitpflege und 22 Häuser für Tagespflege sowie 56 Altenpflegeheime über 12 000 Menschen. Tendenz: steigend. Knapp 110 000 Dresdner sind inzwischen älter als 65 Jahre, das entspricht etwa einem Fünftel der Gesamtbevölkerung.

Laut einem Gutachten des Forschungszentrums Generationenverträge für das sächsische Sozialministerium steigt die Zahl der Pflegefälle in Sachsen bis zum Jahr 2050 etwa um 71 Prozent an. Dresden mit der jüngsten Bevölkerung in Sachsen (Durchschnittsalter 43 Jahre) liegt bei diesen Prognosen leicht unter dem Durchschnitt. Trotzdem sind die Dresdner Altenheime zu 100 Prozent ausgelastet. Bei einigen Einrichtungen gibt es sogar Wartelisten.

Um die Bedingungen in der Pflege zu verbessern hat die Bundesregierung im Oktober das Gesetz zur Neuausrichtung der Pflegeversicherung (PNG) beschlossen. Erste Änderungen treten bereits am 1. Januar in Kraft. Zu den Verbesserungen des PNG gehören unter anderem:

* Antragsteller haben fortan einen Anspruch auf eine Beratung zu den Leistungen der Pflegeversicherung

* Antragsteller können Gutachten des Medizinischen Dienstes einsehen

* Bescheide müssen innerhalb von 5 Wochen erstellt werden

* Pflegegeld in der Pflegestufe 1 erhöht sich auf 305 Euro, in der Pflegestufe 2 auf 525 Euro monatlich

Informationen unter www.dnn-online.de sowie unter www.dresden.de/pflege und dem Servicetelefon 030/340 6066-02 (Mo bis Do 8 - 18 Uhr, Fr 8 - 15 Uhr)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.12.2012

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
25.07.2017 - 09:58 Uhr

Der Sachsenligist holt Marco Fischer und Philipp Reimann. Beide Neuzugänge haben das Training bereits aufgenommen.

mehr
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.