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Das Dresdner St. Joseph Stift verbucht erste Erfolge im Kampf gegen multiresistente Keime

Das Dresdner St. Joseph Stift verbucht erste Erfolge im Kampf gegen multiresistente Keime

Sie sind klein, unsichtbar und gelten als größte Bedrohung der Gesundheit unserer Zeit. Multiresistente Erreger sind mittlerweile gegen fast alle Antibiotika immun.

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Dr. Lorenz Walter, Anästhesist am St. Josephs Stift, geht mit Wattestäbchen bei Patient Thomas Müller auf die Suche nach MRSA-Keimen.

Quelle: Christian Juppe

Sind auch die letzten sogenannten Reserveantibiotika aufgebraucht, wird die Welt medizinisch gesehen in das Mittelalter geworfen. Dann landen wir in einer Zeit, in der Infektionen Tausende von Todesopfern kosteten. In einer Zeit vor der bahnbrechenden Entdeckung des Penicillin - dem ältesten Antibiotikum der Welt.

Damit das nicht passiert, versuchen derzeit Spezialisten aus aller Welt die Erreger einzudämmen. Auch unzählige Dresdner Mediziner sind an dem Vorhaben beteiligt. Spezialisten des St. Joseph Stifts beispielsweise haben seit Anfang April eine flächendeckende Überprüfung aller stationären Patienten eingeführt. "Mit dem Testverfahren unternehmen wir eine weitere Anstrengung für noch mehr Patientensicherheit", sagt Reinhard Goerl, Ärztlicher Direktor und Hygieneverantwortlicher im St. Joseph Stift. "Vorher wurde ein Test lediglich auf Verdacht ausgeführt. Jetzt kontrollieren wir alle Patienten systematisch."

Bei dem sogenannten MRSA-Screening werden ausnahmslos alle Menschen, die stationär in das Krankenhaus aufgenommen werden, über einen standardisierten und mittlerweile optimierten Fragebogen nach Risikofaktoren abgefragt. Lagen Patienten beispielsweise in den vergangenen zwölf Monaten einmal im Krankenhaus, haben sie Antibiotika bekommen, leben in einem Pflegeheim oder sind über 70 Jahre alt, gehören sie automatisch zu den Risikopatienten. Das heißt, bei ihnen ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass sie MRSA-Keime in sich tragen.

Infektion kann lebensgefährlich sein

MRSA steht für das Bakterium Methicillin resistenter Staphylococcus, das zur Untergruppe aller multiresistenten Erreger gehört und am weitesten verbreitet ist. Mittlerweile sind etwa 30 Prozent aller Menschen mit dem Keim besiedelt. Allein die Besiedlung stellt für die Betroffenen keine akute Gefahr dar. Menschen können prima mit dem Keim leben, der sich mit großer Vorliebe im Rachen, in der Leistengegend oder auch im Dammbereich tummelt. Gefährlich wird es allerdings, wenn die resistenten Keime in Hautverletzungen, Operationswunden oder auch Venenkatheter gelangen. Dann kann es zu schweren Infektionen wie Lungenentzündungen, Wund- oder Harnwegsinfektionen oder auch Blutvergiftungen kommen. "Besonders im Krankenhaus werden die Keime für Menschen mit abgeschwächtem Immunsystem, offenen Wunden oder Hautekzemen zum Problem", sagt Goerl. "Überschwemmen die Erreger den ganzen Körper, kann die Infektion sogar lebensgefährlich sein."

Dagegen hat das St. Joseph-Stift das umfangreiche Screening-Programm ins Leben gerufen. Seit April sind bei 34 Patienten bereits MRSA-Erreger entdeckt worden. Diese werden dann - soweit die Menschen nicht akut erkrankt sind - zur sogenannten Sanierung nach Hause und zum Hausarzt geschickt. Notfallpatienten kommen zur "Sanierung" isoliert auf ein einzelnes Zimmer. Dort werden die Keime am und im Körper durch ein umfangreiches Hygieneprogramm ausgerottet. Dazu werden nach bundesweiten Standards empfohlene Salben und Tinkturen verabreicht, intensive Körperhygiene betrieben und auch das Bettzeug sowie die Gegenstände der Körperpflege jeden Tag gewechselt. "Bei 50 Prozent aller Patienten gelingt die Sanierung", erklärt Lorenz Walter, Hygienebeauftragter Arzt am St. Joseph-Stift. "Sie können problemlos weiter behandelt werden, ohne Gefahr für sich oder andere Patienten." Ist die Befreiung von den MRSA-Bakterien nicht erfolgreich, werden die Patienten isoliert und mit speziellen Schutzmaßnahmen behandelt.

Seit der Einführung des Screening konnte die Infektionsrate des Krankenhauses bereits um 34 Prozent gesenkt werden. Nur noch 33 Prozent aller MRSA-Träger bekommen eine Infektion. Bei lediglich einem Patient konnte die Infektion direkt auf den MRSA-Keim zurückgeführt werden. "Wir wollen den einzelnen Patienten, aber auch die anderen schützen", erklärt Goerl. Besonders problematisch seien die MRSA-Keime in der Orthopädie. "Haben sie sich erst einmal in einem Knie oder einer Hüfte ausgebreitet, kommen sie dort so schnell nicht wieder raus." Deswegen nehme das St. Joseph Stift auch die teuren und aufwendigen Tests auf sich, die nicht von der Krankenkasse bezahlt werden. Ein Test kostet laut Goerl ohne Personalkosten etwa 30 Euro. Das entspricht bei den 13 000 stationären Patienten im Jahr einer ungefähren Summe von 390 000 Euro.

Nur noch zwei Reserveantibiotika

Zwei Reserveantibiotika stehen zur Behandlung von MRSA-Keimen derzeit noch zur Verfügung. Sie werden nur eingesetzt, wenn die herkömmlichen Antibiotika nicht anschlagen. Doch: "Je länger diese Reserve im Umsatz ist, desto stärker wird auch die Resistenz gegen sie", warnt Walter. In Griechenland, Portugal und Italien seien mittlerweile fast 50 Prozent aller Menschen Träger des gefährlichen MRSA-Erregers. Tendenz steigend. "Wenn nichts mehr wirkt, stehen wir plötzlich in einer Ära, in der wir nichts mehr unternehmen können", erklärt der erfahrene Mediziner. Neu entwickelte Medikamente seien nicht in Sicht. Verantwortung trage jeder für sich selbst, jedes Krankenhaus, aber auch niedergelassene Ärzte. "Nur etwa 20 Prozent der Antibiotika werden in der Humanmedizin in Krankenhäusern verabreicht", sagt Walter. "Die lockere Verschreibungspraxis von ambulanten Haus- und Fachärzten müsste begrenzt werden." Dass dies durchaus Sinn mache, zeigen großangelegte Untersuchungen. "Die Krankheitslast ist in den ostdeutschen Bundesländern - auch durch den geringen Einsatz von Antibiotika in der DDR - heute niedriger als in den westdeutschen Bundesländern", erklärt Walter. In Brandenburg beispielsweise sei die Zahl der MRSA-Nachweise um etwa zwei Drittel niedriger als im Saarland.

Als großes Problem sehen die Spezialisten des St. Joseph-Stifts die Tierhaltung. "Über 80 Prozent aller in Deutschland verabreichten Antibiotika werden in der Tiermast gegeben", warnt Walter. Mittlerweile sei die Übertragung der multiresistenten Keime von den Tieren auf die Menschen nicht mehr von der Hand zu weisen. Durch - vereinfacht gesagt - Sex unter Bakterien stecken die multiresistenten Erreger die anderen Keime des Körpers an und breiten sich somit immer stärker aus.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.10.2014

Katrin Tominski

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