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Das Abendland ist sicher – Dresdner Diskussionsrunde muss auf Pegida-Beteiligung verzichten

Das Abendland ist sicher – Dresdner Diskussionsrunde muss auf Pegida-Beteiligung verzichten

Das Abendland ist nicht in Gefahr: Das ist das eindeutige Fazit einer Diskussionsrunde der Landeszentrale für politische Bildung am Mittwochabend in Dresden.

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Quelle: Stephan Lohse

Zwei Stunden lang debattierte Moderator Frank Richter mit dem Dresdner TU-Professor Werner Patzelt, Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange und dem Vorsitzenden der Rosa-Luxemburg-Stiftung, dem Germanisten Peter Porsch das Thema Pegida. Die Bewegung selbst saß nicht mit am Tisch: Drei Stunden vor Beginn hatte Pegida die Teilnahme abgesagt.

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Eindrücke der Diskussionsrunde im Haus der Kathedrale.

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Die mehr als 200 Zuschauer im restlos vollen Bischof-Gerhard-Saal im Haus der Kathedrale bekamen eine sachliche, in Teilen auch kontroverse Diskussion zu hören. In einem entscheidenden Punkt blieb die Runde aber ratlos.

Was ist das Abendland und ist es in Gefahr?

TU-Politikwissenschaftler Patzelt fasste den Begriff Abendland noch einmal geografisch-historisch zusammen, stellte aber wie seine Mitdiskutanten fest, dass der Begriff in der aktuellen Situation völlig unpassend ist. Porsch ergänzte, dass das christlich-jüdische Abendland, das Pegida in Gefahr sieht, mit der Weihnachtsgeschichte beginnt – in Bethlehem. „Das Abendland beginnt mit einer Herbergssuche“, so Porsch, stehe positiv für Barmherzigkeit, Sanftmütigkeit, Vergebung und Nächstenliebe. Es sei ein „völliger Irrweg“, die aktuelle politische Diskussion unter diesem Begriff zu führen. Einig waren sich auf dem Podium alle, in Gefahr ist das Abendland nicht.

Woher kommt das aktuelle Bedrohungsgefühl?

Für Wissenschaftsministerin Stange kommt das aktuelle Bedrohungsgefühl, das viele Menschen auf die Straße treibt, vor allem von fehlender Erfahrung. Fremdes erzeuge Unsicherheit. Daher gehe es darum, die Fremdheit abzubauen. Stange plädierte dafür, aktiv Erfahrungen mit anderen Kulturen zu suchen, um so Aversionen abzubauen. Man müsse „Erfahrungen“ organisieren, ergänzte Porsch, Aufklärung allein helfe nicht. Es sei aber ein Trugschluss, dass man damit alle Konflikte beseitige. Konflikte entstehen überall, wo Menschen zusammenleben, gleich welcher Kultur und Religion, so Porsch.

Auch Patzelt führt die Ängste der Menschen auf Unsicherheit zurück. Die Leute seien verunsichert, da der Weg Deutschlands zu einer Einwanderungsgesellschaft noch nicht ausgestaltet ist, Integration an vielen Stellen noch nicht funktioniere. Das Zusammenwirken von Politik und Gesellschaft müsse sich verbessern, forderte er.

Welche Rolle spielt die vermeintlich größere Religiosität vieler Moslems?

„Religiöse Menschen sind generell keine Bedrohung“, stellte Werner Patzelt klar. Dass sich viele Menschen hier von Religiösität bedroht sehen, hält er für ein typisch ostdeutsches Problem. Da Religion hier in der Gesellschaft nahezu keine Rolle mehr spiele, sei den Menschen nicht mehr bekannt, welchen Stellenwert die Religion bei anderen habe. Zudem räumte er mit dem Vorurteil auf, dass der Islam nicht zu Deutschland passe. Der Islam sei genau wie das Christentum eine Glaubensrichtung, die in allen Kulturen funktioniere.

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Rund 1200 Menschen haben am Montagabend erstmals den Pegida-Zug gestoppt.

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Auch Peter Porsch erinnerte daran, dass eine hohe Religiosität längst kein muslimisches Alleinstellungsmerkmal sei. In Mitteleuropa war vor nicht einmal hundert Jahren das Christentum ein dominanter Teil der Gesellschaftsordung. Noch vor 60 Jahren sei es in vielen Landstrichen beispielsweise völlig unmöglich gewesen, dass Katholiken und Protestanten heiraten.

Wie werden Pegida und deren Forderungen eingeschätzt?

Sowohl Ministerin Stange als auch Wissenschaftler Patzelt betonten, dass Pegida keine homogene Bewegung sei, sondern ein Sammelsurium unterschiedlichster Meinungen und Motive. Daher müsse man bei Pegida trennen zwischen den Scharfmachern, die Ängste schüren wollten, so Stange und denen, die bereit seien zu einer sachlichen Diskussion. Dies sei ein Missbrauch der Ängste der Menschen.

Stange kritisierte aber die Forderungen von Pegida. Sie warnte davor, Pegida zu unterschätzen. In vielen Elementen erinnere sie das Geschehen an den 13. Februar mit all seinen negativen Auswirkungen. Im Kontext der aktuellen Diskussion geben diese keine Antworten. Sie seien vielmehr abweisend, da Pegida keine Alternative zum eigenen Standpunkt zulasse. Auch Porsch griff die Sprache der Pegida-Forderungen an. Diese ließen keinerlei Toleranz erkennen, die Sprache sei kriegerisch. Er rief Pegida auf, Kompromisse zu akzeptieren.

Welche Stimmung greift Pegida auf?

Über die Einstellung mancher Pegida-Demonstranten zeigte sich das Podium schockiert. Nachdem Moderator Frank Richter einen Zusammenschnitt von Teilnehmer-Stimmen abspielen ließ, gab Eva-Maria Stange zu, dass sie ratlos ob des Hasses und der Vorurteile mancher Menschen sei. Die aggressive Grundstimmung und die Fremdenfeindlichkeit, die in dem Audio-Dokument zum Ausdruck kam, mache sie ratlos.

Für Porsch sind die Parolen ein Ausdruck der Hilflosigkeit und Ratlosigkeit mancher Menschen. Die wollten sich ihre gefühlte Misere erklären und landeten dann bei falschen Schlüssen. Er warnte davor, die Armut von Teilen der Gesellschaft mit Ausländern oder Flüchtlingen in Verbindung zu bringen. Werner Patzelt hingegen zeigte sich wenig überrascht. Die Wertmuster und Missverständnisse seien leider längst negative Normalität geworden. Ihn erschrecke, dass die Menschen schweigen. Das sei ein Zeichen der Hilflosigkeit.

Gibt es Lösungsansätze?

Hier blieb die Runde am Ende ein wenig ratlos. Das Schweigen von Pegida – sowohl während der Demonstrationen als auch gegenüber der Öffentlichkeit, beschäftigte Moderator Frank Richter besonders. Damit verabschiede sich Pegida ein Stück weit von der abendländischen Diskussionskultur. Politikwissenschaftler Patzelt forderte zum einen mehr Investitionen in politische Bildung, um die negativen Wertmuster aufzubrechen. Zudem appellierte er an die Politik, Entscheidungen künftig besser zu erklären. Auch Eva-Maria Stange betonte, dass die Stadt ihre Entscheidungen besser kommunizieren müsse. Es sei wichtig, mit den Menschen zu reden und aufzuklären. Wie man allerdings mit denen rede, die nicht mehr reden wollen, hatte auch Stange keine Lösung.

Stephan Lohse

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