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Das 119. Dresdner Heft wirft einen Blick auf die Nöte Dresdens im Ersten Weltkrieg

Das 119. Dresdner Heft wirft einen Blick auf die Nöte Dresdens im Ersten Weltkrieg

Kriegsbegeisterung? Ja, die war in den Augusttagen anno 1914 durchaus da, vorrangig allerdings in bürgerlichen Kreisen. Die meisten Soldaten, die sich vor dem Ausrücken an die Front noch mal in Uniform fotografieren ließen, blicken eher ernst und beklommen in die Kamera, nur wenige machten auf martialischen Krieger.

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Die meisten Dresdner Regimenter wurden im Westen eingesetzt, die Dresdner Gardereiter kämpften allerdings im Osten, zuletzt 1918 gegen bolschewistische Verbände. Weihnachten 1914 hatte man wieder zu Hause sein wollen, siegreich. Nach vier Jahren totalen Krieges waren von 750 000 Sachsen, die wo und wie auch immer Kriegsdienst geleistet hatten, 212 733 gefallen, 334 000 verwundet und 42 000 in Gefangenschaft geraten. Und man hatte verloren, Deutschland war nach einer Revolution auch keine Monarchie mehr, sondern eine Republik.

Das Zitat "Wir hatten uns das viel schöner vorstellt", das Gerhard Bauer als Titel für eine Betrachtung über die Dresdner Garnison zwischen 1914 und 1918 gewählt hat, bringt die enttäuschte Erwartungshaltung, die man an diesen Krieg geknüpft hatte, auf den Punkt. Dresden war fernab von allen Kampfgebieten gelegen, wurde anders als so manche Stadt in Süd- und Westdeutschland nie bombardiert. Aber der Krieg - über den derzeit viel publiziert und diskutiert wird, wobei nur die üblichen Verdächtigen trotz Studien wie Christopher Clarks "Die Schlafwandler" unbelehrbar daran festhalten, die Deutschen hätten die alleinige Schuld am Inferno zwischen 1914 und 1918 - hatte trotzdem die Bewohner der sächsischen Haupt- und Residenzstadt, vor deren Toren die zweitgrößte Garnison lag, fest im Griff. Wie, das zeigt die vom Dresdner Geschichtsverein herausgegebene Publikation recht gut auf, auch wenn natürlich nur einzelne Schlaglichter auf diese vier Jahre geworfen werden können. "Kunst im Krieg", insbesondere die expressionistische Revolte, ist ebenso Thema wie das Reformationsjubiläum 1917, bei dem Luther von der staatstragenden (evangelischen) Kirche als wehrhafter Deutscher in den Dienst des Vaterlandes gestellt wurde.

Für Justus M. Ulbricht bedeutet der Erste Weltkrieg mehr als das Ende eines alten europäischen Traumes, "sondern schlichtweg das Ende der Idee Europas selbst", darüber hinaus zudem "den grausamen Beginn einer neuen Phase der Moderne". Er wirft in seinem Essay "Pandoras Büchse oder: ,die Welt ist in die Hände der Menschen gefallen'" auch einen kurzen Blick auf all die Kriegerdenkmäler, die in nahezu jeder deutschen Gemeinde stehen. Deren Ikonografie, deren Inschriften und Gestaltung ist "uns fremd geworden", hätten "wir uns doch von den Heldengeschichten einer national gedeuteten verabschiedet und reden nur noch von den Opfern der Kriege."

Hinterfragt wird immer wieder, was dran war an der Kriegsbegeisterung, dem nationalen Taumel des "Augusterlebnisses". Swen Steinberg hält fest, dass dieses Bild "eine Konstruktion ist", die ab August 1914 "gezielt lanciert wurde und keineswegs der Realität entsprach", schon gar nicht in Sachsen, einem Zentrum der sozialdemokratischen und bürgerlich-liberalen Antikriegsbewegung. Zwar greife es zu kurz, das Augusterlebnis nur als erfolgreiche Propaganda abzutun, aber vorrangig waren es mittlere bürgerliche Schichten mit entsprechendem Bildungsgrad sowie Schriftsteller und Künstler, die den Hurrapatriotismus jener Tage trugen. In Sachsen fanden, wie Steinberg wissen lässt, etwa 30 Prozent der Antikriegskundgebungen des gesamten Deutschen Reiches statt, Dresden und Leipzig waren dabei Zentren. Common Sense war, dass das Kaiserreich 1914 bedroht gewesen sei, daran rüttelte die SPD auch nach 1918 nicht. Man konnte sich schlichtweg politisch nicht leisten, Traditionsbestände zu betonen, die auf kriegsverhindernde Handlungsspielräume verweisen.

Bizarr mag aus heutiger Sicht wirken, dass zu Beginn des Krieges Geschäftsbesitzer in Dresden aufgefordert wurden, englische oder französische Bezeichnungen zu entfernen, dass aus dem "Café de Paris" in der Prager Straße kurzerhand das Kaffeehaus Germania wurde, dass plötzlich zu Feinden gewordene Ausländer auf offener Straße beschimpft wurde. Alles nicht schön, aber kein Ausnahmefall. Ähnliche Szenen spielten sich auch in anderen Städten Europas ab. In Moskau kam es sogar noch 1915 zu einem Pogrom gegen die deutsche Minderheit.

Als sich ab 1916 abzeichnete, dass die Karre in den Dreck fuhr, gab man in Sachsen erst mal Berlin und Preußen die Schuld. Peter Mertens kommt in seiner Studie zur Situation der Wirtschaft im Großraum Dresden, die durchaus ein ",Profiteur' auf Zeit" war, jedoch nicht umhin zu konstatieren, dass die Verantwortlichen in Sachsen sich da wohl eigene Versäumnisse nicht eingestehen wollten. Eine systematische, d. h. bewusste Benachteiligung Sachsens lasse sich nicht belegen.

Da man ab 1915 nicht mehr in der Lage war, die Bevölkerung angemessen zu versorgen, grassierte alsbald der Hunger. Interessant: Im Vergleich zu den Industriestädten Westsachsens fallen die Hungerproteste in Dresden insgesamt relativ moderat aus - laut Mertens wohl auch, weil in der Dresdner Arbeiterschaft "der Anteil der ,Rüstungsarbeiter', die besser versorgt werden als der Durchschnitt der Bevölkerung, recht hoch ist." Fakt ist auch: Der Industrie Dresden ging es während des Krieges besser als ihren Pendants in anderen Teilen Sachsens. Einige Dresdner Unternehmen, insbesondere solche aus dem Bereich Maschinenbau, verdanken dem Krieg einen technischen Innovationsschub, den es wohl ohne den Krieg nicht oder erst viel später gegeben hätte.

Walter A. Büchi versucht aufzuzeigen, was wohl der Großindustrielle Karl August Lingner über den Krieg dachte - was schwierig ist, finden sich doch nur spärlich schriftliche Quellen im klassischen Sinn, wie Büchi einräumt. Dass man, wie von Lingner (der sich schon 1915 für Friedensverhandlung einsetzte) beklagt, die gegnerischen Nationen viel zu wenig kannte, mag in der Tat verheerend gewesen sein, aber man kann davon ausgehen, dass der Kenntnisstand der Alliierten über die Mittelmächte ähnlich desaströs war.

119. Dresdner Heft, Herausgeber: Dresdner Geschichtsverein e.V., ISBN: 978-3-944019-08-6, Preis: 5 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.12.2014

Christian Ruf

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