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DNN zuhause bei dem Musiker-Ehepaar Annette und Ulrich Thiem

Harmonie in stilistischer Vielfalt DNN zuhause bei dem Musiker-Ehepaar Annette und Ulrich Thiem

Persönlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens öffnen den DNN wieder die Türen ihres Zuhauses. Heute sind wir zu Gast beim Musiker-Ehepaar Annette und Ulrich Thiem. Sie ist mehr als 30 Jahre Mitglied der Staatskapelle Dresden. Er wurde mit kreativen Projekten zwischen Bach und Blues bekannt.

1982 hatte es gefunkt zwischen Cellisten und Geigerin. Seitdem sind sie auch im Leben ein Duo.

Quelle: Volkmar Fritzsche

Dresden. Ganze 20 Jahre lang gehörte der späte Abend des ersten Weihnachtsfeiertages der Dresdner Annenkirche. Von 1983 bis 2003 ließ Ulrich Thiem dort regelmäßig ab 21.30 Uhr sein Violoncello erklingen und spielte mit Kollegen Stücke zwischen Bach und Blues. Als Dresden noch das Tal der Ahnungslosen war, zählte dieser Termin zu einem der besonderen weihnachtlichen Höhepunkte. Die musikalische Bandbreite, die unkonventionelle Verbindung von Klassik und nichtklassischen Musikrichtungen stießen auf enormes Interesse. Schon der Begriff Blues ließ Träume reifen, hatte er damals doch den Geruch von Freiheit.

Vieles hat sich heute relativiert. In Kirchen spielt Ulrich Thiem immer noch oft, aber nicht mehr in dieser Art Abonnement. Um die Festtage herum hat er als freischaffender Musiker heute etwas mehr Freizeit. Mehr als Ehefrau Annette, die als Mitglied der Staatskapelle Dresden gerade jetzt eine musikalische Hoch-Zeit absolviert. Zu den Aufführungen kommen ja stets Proben. So brauchten wir auch ein wenig Glück, um mit unserem Besuch in eine Lücke springen zu können. Als Bonbon gab es dazu noch ein exklusives Mini-Konzert.

Das Haus im Preußischen Viertel wurde 1870 erbaut. Seine Sanierung dauert noch an. Seit 1998 lebt das Ehepaar Thiem hier als Mieter, in einer geräumigen Wohnung, die früher mal eine Arztpraxis war. Jetzt, wo Sohn und Tochter längst aus dem Haus sind, gibt es überall genug Raum zum Üben und wenn die Enkelkinder Linus (8), Lasse (2) und Edda (4 Monate) zu Besuch kommen, finden sie auch Platz. In der warmen Jahreszeit erweitert sich der Lebenskreis noch nach draußen. Dann werden gewissermaßen Wohn- und Esszimmer auf die Terrasse verlegt. Auch jetzt, im frühlingshaften Winter, sind sämtliche Stufen hinauf nach südländischer Art mit Blumentöpfen versehen, nur blüht derzeit wenig darin.

DNN zu Gast beim Musiker-Ehepaar Annette und Ulrich Thiem

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Als das winterliche Gegenstück könnte man einen kleinen eisernen Kanonenofen ansehen. Der Gemütlichkeit wegen werde er hin und wieder mit Holz beheizt, erfahren wir. Für ausreichend Wärme sorgt er im Wohnraum mit breiter Fensterfront natürlich nicht. Wie der Ofen stammen auch die Möbelstücke überwiegend aus vergangenen Epochen. Sie wurden auf Haushaltsauflösungen erworben oder sind Erbstücke, die auf den alten Holzdielen gut zur Geltung kommen. Warmes Holz auch in der Küche, statt glatte, technische Moderne. Thiems lieben stilistische Vielfalt - im häuslichen Ambiente wie in der Musik.

Dominierend ist ein Sofa-Umbau aus der Zeit des Historismus, geschmückt mit diversen Gegenständen. An den Wänden fallen zahlreiche Bilder auf. "Mit ihnen zu leben, ist mir sehr wichtig", betont Ulrich Thiem. Hat der Cellist doch auch bei vielen Ausstellungseröffnungen musiziert und kennt die Schöpfer der Werke. Einige Bilder sind Leihgaben oder - wie ein Stich zur Entwicklung des Geigenbaus - Familienerbe. Für das liebevoll-verspielte Gestalten ist Annette zuständig. Sie liebt die kleinen unnützen Dinge, die das Leben bunt machen. So entdecken wir hier und da eine Perlenkette als Dekoration oder eine Quaste. Fast verschämt gesteht uns die Hausherrin dieses ihr Faible, neben der Musik, versteht sich, mit der beide von Kind an verwurzelt sind.

Die Eltern Berufsmusiker, da lag der Lebensweg nahe. Ulrich Thiem entdeckte mit elf Jahren das Cello für sich. "Ich bin hundert Prozent einverstanden mit diesem Instrument. Es ist für mich das vielfältigste, das es gibt, für meine unterschiedlichen Stile und Programme einfach das beste", sagt er. Und entlockt ihm nicht nur die Klänge, die andere aufgeschrieben haben, sondern improvisiert oder komponiert selbst. Nach vier Jahren im Pirnaer Orchester hatte es ihn als freier Musiker 1978 nach Berlin gezogen. Dort spielte er in Berliner Orchestern und wohnte eine Zeit lang im legendären Probenraum der Gruppe "Zinnober" (erstes freies Theaterensemble der DDR) im Prenzlauer Berg. Er musizierte auch mit diesen Künstlern und war einer der Mitwirkenden der "Blues-Messen" bei Pfarrer Rainer Eppelmann in der Samariterkirche.

Da ist es wieder, dieses Zauberwort Blues mit für die damaligen Umstände brisant-politischer Bedeutung. Für Thiem war es zugleich musikalischer Inspirationsquell, auf der klassischen Konstante Bach aufbauend. 1980 schlug die Geburtsstunde von "Bach & Blues", und viele Facetten mit südamerikanischem Flair, Flamenco, Folklore oder Jazz sollten folgen. Tango brachte Annette ins Spiel, den sie auch gern tanzt (beide sind seit Jahren regelmäßige Tänzer). Sie machte schon als Vierjährige Bekanntschaft mit der Geige. Durchaus gern. Das Paar versichert, es habe nie elterlichen Druck gegeben. Nach dem Studium führte die DDR-übliche Einstufung Annette Roth geradlinig in die Staatskapelle Dresden.

Bald machte sie die Bratscherin Cornelia Schumann (die mit Thiem bereits im Duo und mit Friwi Sternberg im Trio spielte) mit dem Cellisten bekannt zwecks Gründung eines Streichtrios. Dass diese Begegnung einen viel weiter reichenden Bund begründete, war wohl der sprichwörtlichen Vorsehung geschuldet. Ulrich Thiem weiß noch: "Es war mein 30. Geburtstag, an dem ich begriff, sie würde ich heiraten." Nun hat das Paar schon Silberhochzeit gefeiert, zufällig in Luzern.

Beide Künstler haben allein oder gemeinsam einen Teil von der Welt gesehen. Die Geigerin erinnert sich sehr gern an ein Gastspiel der Dresdner Oper in Venedig, wo unter anderem der "Rosenkavalier" lief. Sie spielte mehrfach in Dubai, war mit in Taiwan oder Japan. Der Cellist denkt gern an ein Konzert in der Kirche von Chappaqua (Bundesstaat New York), wo Clintons ganz in der Nähe wohnen. Er gastierte unter anderem in Kanada, China und der Türkei, ist häufig in der Schweiz unterwegs, musiziert solo, im Duett und Trio und stets in wechselnden Gruppierungen. "Bach & Blues" führte schon bis zu 15 Musiker zusammen, die jedoch nie gemeinsam konzertiert haben. Offenheit für Stilvielfalt und diverse künstlerische Genres geben auch der Kombination mit Literatur gern Raum, teilweise selbst geschrieben und/oder vorgetragen von Ulrich Thiem. Nach einer längeren Pause, der Kinder wegen, ist Ehefrau Annette heute wieder Teil der kleinen Besetzungen.

Bei einigen Konzerten muss das Paar gar nicht reisen. Dann lädt man gewissermaßen nur um die Ecke in die Gärten der Umgebung ein oder auch direkt in das eigene Grundstück. "Bei schlechtem Wetter haben wir auch schon im Treppenhaus oder im Wohnzimmer gespielt."

Genia Bleier

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