Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 8 ° Regen

Navigation:
Google+
DNN-Wirtschaftspreis: Bei Schneidermeister Thomas Küchler bekommt der Herr Anzüge nach Maß

DNN-Wirtschaftspreis: Bei Schneidermeister Thomas Küchler bekommt der Herr Anzüge nach Maß

In seinem blau-weiß-karierten Hemd, das obligatorische Bandmaß um den Hals, sitzt Schneidermeister Thomas Küchler an seiner "Naumann"-Nähmaschine und philosophiert: "Die alten Maschinen sind simpel im Aufbau, aber sie nähen klasse und sind im Gegensatz zu den neuen elektrischen Nähmaschinen nicht kaputtzukriegen.

Dresden.

" Einmal pro Monat ölen reiche. Fünf Nähmaschinen nennt der 53-Jährige sein Eigen - zwei neue und drei alte, darunter besagte "Naumann" vom Großvater. Treten muss er freilich nicht mehr, denn alle seine Maschinen verfügen mittlerweile über einen Motor.

Gutes Gespann: Schneiderei Küchler und Weberei Spengler & Fürst

Thomas Küchler führt die Schneiderei und Herrenmode Küchler bereits in dritter Generation. Im kommenden Jahr wird das Familienunternehmen 90 Jahre bestehen. Einen Einschnitt, um im Schneider-Jargon zu bleiben, bedeutete das Jahr 2009. Küchler zog mit seinem Geschäft von der Robert-Matzke-Straße an die Leipziger / Ecke Oschatzer Straße. Die Räume sind deutlich größer, die Lage günstiger. Doch nicht nur das: Mit "Spengler & Fürst - Maßkonfektion aus edlen sächsischen Stoffen" wirbt seitdem ein Plakat über dem Eingang zum Geschäft. Bei "Spengler & Fürst" handelt es sich um eine in Crimmitschau beheimatete Tuchfabrik. Eckhard Bräuninger führt die Geschäfte der Weberei in vierter Generation und ist Mitinhaber des Dresdner Geschäfts. Thomas Küchler verwendet für seine Maßanzüge ausschließlich Stoffe, die in der Crimmitschauer Weberei gefertigt worden sind. Aus etwa 400 Stoffen aller Couleur und Qualität können die Kunden wählen.

Anders als vor 2009 näht Küchler die Anzüge in der Regel nun auch nicht mehr selber, sondern lässt sie von der Traditionsfirma Kuhn in Bayern anfertigen. Wie das funktioniert? "Ganz einfach: Die Kunden kommen zu mir, suchen sich den passenden Anzugstoff, das Futter und die Knöpfe aus unseren Katalogen aus." Dann nimmt der Schneidermeister Maß. Dazu lässt er den Kunden eine Schlupfhose bzw. ein Schlupfsakko in seiner jeweiligen Konfektionsgröße anziehen, steckt beides nach dessen Wünschen vorm Spiegel ab und gibt die neuen Maße in den Computer ein - für die Firma in Bayern. In dem Unternehmen, gleichfalls ein Familienbetrieb, werden die Anzüge dann fix und fertig genäht, bevor sie auf die Reise nach Dresden gehen. Vier Wochen dauert es im Schnitt, bis ein Anzug fertig ist.

Wer zu Küchler geht, bekommt einen Maßanzug, der sitzt. "Die Anzüge passen zu 99 Prozent", sagt der Schneidermeister nicht ohne Stolz. Und wenn doch noch etwas zu ändern ist, greift er selbst zu Nadel und Faden. "Ich habe Kunden, die sind 2,10 Meter groß und solche, bei denen das Bandmaß nicht reicht", berichtet Küchler und schmunzelt. Für alle gilt: Der komplette Anzug kostet 500 Euro - gleichgültig, für welchen Stoff sich der Kunde entscheidet. Etwa 300 Anzüge verkauft Küchler pro Jahr. Vor 2009, als er noch alle Anzüge selbst genäht hat, waren es lediglich um die 50. "Das war sehr aufwendig, bedeutete viel Handarbeit", erklärt er rückblickend.

Nur bei Menschen mit "extremen Wuchsabweichungen", Männern mit stark hängenden Schultern beispielsweise, stößt die neue Technik an Grenzen. Dann greift der Schneidermeister noch selbst zu Nadel und Schere. Für etwa zehn Männer im Jahr näht Küchler die Anzüge noch selber. Der Schneider hat nach eigenen Angaben viele Stammkunden - darunter Geschäftsleute und Banker aus Dresden, Radebeul, aus Cottbus und Senftenberg. Auch Wolle Förster gehört zu Küchlers Kunden.

Der mittlerweile 53-Jährige ist quasi mit Schneiderschere und Bandmaß aufgewachsen. Großvater Richard Küchler besaß eine Schneiderei in Pirna. "Als Steppke habe ich zwischen den Nähmaschinen gespielt und meinem Opa bei der Arbeit zugeschaut", entsinnt er sich. Einer solle die Tradition fortsetzen, so wollten es Vater und Großvater. Und weil seine beiden Geschwister anderes im Sinn hatten, lernte Thomas Küchler das Schneiderhandwerk von der Pieke auf. Seit 1985 ist er Schneidermeister, arbeitete zunächst in der elterlichen Firma mit. "Zu DDR-Zeiten gab es keine gute Maßkonfektion, da hatten wir unwahrscheinlich viel zu tun", sagt er.

1990 dann übernahm Küchler die Firma seines Vaters in Pieschen, ward also sein eigener Herr und bildete selbst Lehrlinge aus. Er schneiderte Maßanzüge, änderte und reparierte Herrenkonfektion. "Ich habe beispielsweise Maßuniformen für sächsische Polizisten genäht, denen nichts von der Stange passte", erzählt er.

150 Hochzeitsanzüge pro Jahr geschneidert

Natürlich kommen heute auch junge Männer zu ihm, um sich ihren Hochzeitsanzug anfertigen zu lassen. 150 sind es im Jahr. "Viele Bräutigame nehmen kurz vor der Hochzeit noch etwas ab, das ist die Aufregung kurz vorm Schluss", schmunzelt Küchler. Er muss die Hose dann meist noch ein bisschen enger machen. Die jungen Männer entscheiden sich oft für einen dunkelbraunen Anzug. "Die passen am besten zu den Damen, die meist ein champagnerfarbenes Hochzeitskleid tragen", ist seine Erfahrung.

Natürlich muss der Schneidermeister immer wissen, was gerade modern ist. "Die Sakkos sind jetzt sportlich kurz gehalten, man trägt Seitenschlitze, zwei Knöpfe, die Revers sind schön schmal", gibt er Auskunft. Dennoch bestehen manche Kunden auch auf einer Hose mit Umschlag oder gar auf Schlaghosen. Auf seinen dezenten Hinweis, dass man solche Hosen schon seit zehn Jahren nicht mehr trage, bekommt er zu hören: "Ich habe Hosen mit Umschlag früher geliebt, heute bekommt man sie nicht mehr im Geschäft, deshalb komme ich ja zu Ihnen." Küchler selbst besitzt nur zwei Maßanzüge. "Ich brauche nicht mehr", sagt er lächelnd.

Wird es nach Küchler eine vierte Generation geben? "Nein", sagt der Schneidermeister und ein kleines Bedauern klingt in seiner Stimme mit, "meine beiden Kinder haben sich anders entschieden." Schade eigentlich, denn es gibt nicht mehr viele Herrenschneider in Dresden. "Die kann man an einer Hand abzählen", sagt Küchler, erhebt sich von seinem Platz an der "Naumann" und nimmt das Bandmaß ab.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.08.2015

Katrin Richter

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
  • 13. Februar

    Ob Gedenken, Täterspuren oder Menschenkette: Alle Infos finden sie in unserem Special zum 13. Februar in Dresden mehr

  • Semperopernball
    Semperopernball

    Alle Infos, alle Highlights, die schönsten Bilder - der Semperopernball in Dresden. mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.