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DNN-Serie - Zu Hause bei Kostümbildnerin Iréne Favre de Lucaszaz

DNN-Serie - Zu Hause bei Kostümbildnerin Iréne Favre de Lucaszaz

Hell, großzügig, sparsam möbliert, notiert die Autorin gleich nach dem Eintritt im Kopf. Trotz teilweise ungewöhnlichen Raumzuschnitts viel Platz zum Arbeiten und Leben.

Von Genia Bleier

Ganz anders als früher. Mancher Kunstfreund wird sich noch erinnern: die Zimmer dicht bestückt mit Bildern, antiken Möbeln, diversen Objekten und Trockensträußen. Menschen standen im düsteren Treppenhaus Schlange, um eingelassen zu werden. Eine Vernissage hieß damals noch schlicht Ausstellungseröffnung. Über viele Jahre gehörte eine ganze Wohnetage in der verfallenden Villa im Preußischen Viertel der Kunst.

Heute ist das Haus saniert, die Wohnungen sind privates Eigentum. In einer Hälfte der einstigen Kunstausstellung Kühl lebt Irène Favre de Lucascaz mit ihrer Tochter Juliette. Die Kunst ist hier immer noch zu Hause, nur anders und weniger öffentlich. Teilweise entsteht sie hier und wandert dann für die Begegnung mit Publikum in die Theaterwerkstätten und auf die Bühne. Als Irène Favre nach Dresden kam, hat sie sich auf der Suche nach einer passenden Bleibe schnell in diese Villengegend verliebt (vielleicht Erinnerung an die Kindheit, von der noch zu hören sein wird?). Nicht zu weit weg vom Schauspielhaus sollte es sein, wohin sie täglich mit dem Fahrrad fährt. Nun ist die 42-Jährige die dritte Spielzeit Kostümbildnerin und Chefin der Kostümabteilung des Staatsschauspiels Dresden. Eine Französin, aufgewachsen in Genf, mit großer Affinität zu den Hanseaten in Sachsen. Geht das?

"Ich fange gerade an, hier anzukommen", meint sie selbst dazu. Was die Ankunft ein wenig verzögerte, sind unterschiedliches Temperament und andere Gewohnheiten. Zum Beispiel könne sie sich immer noch nicht an das langsamere Tempo der Sachsen gewöhnen, sagt die zierliche Frau mit dem termingebundenen, organisierten Tagesablauf - und möchte den Satz am liebsten gleich wieder zurücknehmen, um niemandem weh zu tun. Auch vermisst sie wohnortnah gute Lebensmittel-Einkaufsmöglichkeiten und ganz besonders Cafés im Viertel, in denen es sich erfahrungsgemäß Kontakte knüpfen lässt. "Ich bin erstaunt, dass man hier auch seine Nachbarn schwer kennenlernt. Leben findet privat statt. Das ist ein großer Unterschied zu Hamburg." Nanu? Gelten die Hanseaten nicht als kühl? überlege ich kurz.

Als Theatermensch liebt Irène Favre Geselligkeit und - so sagt sie - Theaterleute sind alle eine große Familie. Intendant Wilfried Schulz kennt sie schon aus ihrer Zeit in Hamburg. Er hat sie nach Dresden geholt, wo sie die Kostüme unter anderem für "Alles Opfer! oder Grenzenlose Heiterkeit", "Denn alle Lust will Ewigkeit", "Frau Müller muss weg", "Kleiner Mann, was nun?" kreierte und für "Reckless. Steinernes Fleisch", die bisher größte Herausforderung für ihre überbordende Phantasie. Nächste Premiere wird "Herr Puntila und sein Knecht Matti" sein. Leider sind die "Zutaten", Zeichnungen und Stoffe, schon in der Werkstatt. Auf dem Arbeitstisch im geräumigen Wohn-, Ess- und Arbeitszimmer liegt nur noch ein zettelbespicktes Buch. Die Fotografien von Menschen auf der Straße darin sind Teil ihrer Ideenschmiede.

Das sei überhaupt das Wichtigste: Ideen entwickeln und diese dann auch übermitteln können. Lust zum Zeichnen und Basteln war früh vorhanden, aber eine Theaterkarriere stand nicht am Beginn. "Ich wusste gar nicht, dass es den Beruf Kostümbildner gibt", verrät Favre. Doch es gab zwei Dinge, die man als Schlüsselerlebnisse bezeichnen könnte. Das Kind eines Neurophysiologen und einer Antiquitätenhändlerin war oft und gern beim Großvater mütterlicherseits im Schweizerischen Wallis. Die Familie gehörte zur alteingesessenen Aristokratie und der Großvater besaß nicht nur aus Kindessicht eine riesige Villa, er war auch ein unermüdlicher Sammler. Der Dachboden gestaltete sich zum Raritätenkabinett, in dem das Mädchen in einer Mischung aus Ehrfurcht, Begeisterung und Grusel auch auf Schädel, Embryos und ein Krokodil schaute. Prachtvoller war es im chinesischen Zimmer. Dort durfte Irène zwischen kostbaren Intarsienmöbeln schlafen.

Sie lebte überwiegend allein mit der Mutter, zog aus familiären Gründen viel um und besuchte zahlreiche Schulen. An einer Ganztagsschule machte die Heranwachsende eine weitere, für sie wichtige Entdeckung. Eine der Betreuerinnen, schick und modebewusst, zeichnete gern Figurinen. Da wusste das Mädchen: "Genau das will ich auch!" Mit 18 ging sie nach Deutschland, wohnte zunächst in Köln und machte in Hamburg das Abitur. Danach besuchte sie folgerichtig die Akademie für Mode-Design in Hamburg. Erste Theaterluft schnupperte die junge Frau beim Jobben im Schauspielhaus Hamburg. Dort lernte sie auch einen Bühnenbild-Studenten kennen und war begeistert von dieser schillernden Welt. Im gleichen Atemzug wurde die bekannte Bühnen-/Kostümbildnerin und Regisseurin Anna Viebrock auf die Modedesignerin aufmerksam und holte sie als Kostümassistentin ans Deutsche Schauspielhaus Hamburg.

Nun war der Weg klar: Das Theater siegte über den Laufsteg. In Hamburg folgten weitere Arbeiten in der Kampnagelfabrik, an der Staatsoper, am Operettenhaus sowie an Theatern in Hannover, Bielefeld, Berlin und Stuttgart. Irène Favre würde schon ganz gern auch Modekollektionen entwerfen. Doch dafür fehlt ihr im Moment die Zeit. So schnell, wie sie sich selbst einkleidet, entsteht kein Mode-Label. Ein Stück Stoff, das meine Aufmerksamkeit anzieht, soll quasi über Nacht zu einem Oberteil für eine weihnachtliche Party werden. Umfangreichere Kollektionen gebiert die Phantasie für die Bühne. Die Kostümchefin breitet ein paar Zeichnungen aus und nimmt den Gast mit auf den Weg der Ideenentwicklung. Das erste Blatt zeigt eine schmale Teekanne, im zweiten wird die Kanne zur Karikatur eines Mannes, im dritten und vierten liefert dessen Physiognomie die Vorlage für Kleidungsstücke. So könnte es bei "Alice im Wunderland" aussehen.

Ein bisschen Wunderland breitet sich auch in Irène Favres Reich aus. Die vielen Stoffe in Regalen und ordentlich in Aufbewahrungskartons sortiert, auch die Papierschnitte auf dem Fußboden erklären sich von selbst. Doch die Falter und Käfer hinter Glas oder das Kuriosum namens Wolpertinger? Das alles ist neben Zeitschriften, Büchern, Ausstellungen, Natur, Gesprächen, dem Stöbern in Stoffläden Quelle der Inspiration. "Ich liebe Insekten. Der Panzer changiert und der Rücken hat die Form eines Frackes." Aber ja, wenn sie es sagt, sieht man es auch.

Das Wolpertinger-Unikum - ein Geschenk zum 40. Geburtstag - mit Teilen von Bisam, Ente, Eichhörnchen, Rehbock beflügelt die Phantasie und regt das haptische Empfinden an. So umgibt sich Favre auch in ihrer Wohnwelt mit ungewöhnlichen Kombinationen. Dem goldgemusterten Sofa im 60-er-Jahre-Stil sind ganz verschiedene Sessel aus den 30-ern und 50-ern zugesellt. Auch die Küche fällt mit einem nostalgischen Küchenbüfett in Hellgrün, knallroten Hängeschränken und einem Gartentisch aus dem Rahmen des Üblichen. "Ich mag Heterogenität", erklärt die Gastgeberin. "Nach meinem Empfinden passt das Uneinheitliche gut zusammen."

Der Besuch darf in jeden Raum schauen. Auch ins Zimmer von Tochter Juliette, das sie sich mit drei Wellensittichen teilt. Die junge Dame hat gerade ihren 13. Geburtstag gefeiert - auf dem Esstisch liegen noch die Geschenke. Sie besucht das Romain-Rolland-Gymnasium (spricht ohnehin mit der Mutter französisch) und spielt an Dresdens Bürgerbühne. Ab Februar 2012 wird sie dort der Puck im "Sommernachtstraum" sein. Im Bad macht Irène Favre auf ein Gehörn an der Wand (wohl auch eher unüblich an diesem Platz) und einen kleinen Keramikkrug aufmerksam. Sein Henkel ist eine Echse und ringsum tummeln sich Käfer. Sie liebe dieses Geschenk ihrer Mutter sehr, sagt die Besitzerin und führt zu einem weiteren außergewöhnlichen Geschenk im Schlafzimmer: ein großes, schwarzes Eisenbett aus dem 19. Jahrhundert. In dem schläft sie, seit dem 19. Geburtstag. Das gute Stück hat jeden Umzug mitgemacht. Vielleicht bekommt es ja jetzt eine Ruhepause. "Eigentlich hasse ich Umzüge", bekennt Favre. "Ich bin eine treue Seele." Das meint die Ortstreue ebenso wie die gegenüber einem Menschen. Doch das Leben verteilt die Rollen manchmal anders.

In Dresden verlieh die Arbeit für "Reckless" der Phantasie der Kostümbildnerin schillernd-bunte Flügel. Ein furioser Start. In den letzten zehn Jahren, so ihre Erfahrung, sei auch in klassischen Stücken das Alltägliche Trend geworden. Einige Regisseure bevorzugen eher das "Anti-Kostüm", sagt Favre. Auch eine Herausforderung, auch spannend, aber doch für das Entwerfen nicht sooo anregend. Zumindest die Märchen werden inzwischen wieder opulenter. Interessant seien auch die psychologischen Stücke. Hier besteht die Schwierigkeit darin, eine Figur zu typisieren, ohne sie zum Klischee zu machen. Man darf gespannt sein. Irgendetwas gärt immer in dieser quirligen Frau, die überall ihre Impulse empfängt, nicht zuletzt auch durch Arbeiten des befreundeten Künstlers Henry Rademacher. Unter seinem Bild "Variationen mit Orange" setzen wir die anregende Unterhaltung fort.

Künstler, Politiker, Wissenschaftler und weitere Persönlichkeiten öffnen den DNN am Ende des alten und zu Beginn des neuen Jahres wieder die Türen ihres Zuhauses. Zum zehnten Mal stellen wir interessante Menschen in einer zwölfteiligen Serie privat vor. Heute sind wir zu Gast bei Irène Favre de Lucascaz. Die Französin arbeitet die dritte Spielzeit als Kostümbildnerin und Künstlerische Produktionsleiterin für Kostüm am Staatsschauspiel Dresden. Ihrer überbordenden Phantasie ist die Ausstaffierung der Personen in "Reckless. Steinernes Fleisch" entsprungen. Aber auch für den Dauerbrenner "Frau Müller muss weg" oder die Inszenierung "Kleiner Mann, was nun?" schuf sie die Kostüme. Die zierliche Frau, die man häufig auf dem Fahrrad oder beim Joggen antreffen kann, lebt im Preußischen Viertel - genau dort, wo sich früher die Kunstfreunde in der Galerie Kühl trafen. Heute hat in diesen Räumen Irène Favre ihre ganz individuelle Kunst ausgebreitet.

Geboren 1969 in Annecy (Frankreich).

Aufgewachsen in Genf.

Mit 18 Jahren Übersiedlung nach Deutschland und Abschluss des Abiturs.

1989 bis 1992 Studium an der Akademie Mode-Design Hamburg.

1994 bis 1996 feste Kostümassistentin bei Anna Viebrock am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.

Arbeiten an der Kampnagelfabrik, an der Hamburgischen Staatsoper, am Schauspielhaus und am Operettenhaus in Hamburg sowie an Theatern in Hannover, Bielefeld, Berlin und Stuttgart.

2009 holte sie Intendant Wilfried Schulz als Kostümbildnerin und Künstlerische Produktionsleiterin für Kostüm an das Staatsschauspiel Dresden.

Sie entwarf die Kostüme u.a. für "Reckless. Steinernes Fleisch", "Und alle Lust will Ewigkeit", "Frau Müller muss weg", "Kleiner Mann, was nun?", "Alles Opfer! oder Grenzenlose Heiterkeit".

Verheiratet, derzeit in Trennung lebend; eine Tochter.

Irène Favre de Lucaszaz

Kostümbildnerin

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.12.2013

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