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DNN-Gespräch mit einer Handschriften-Sachverständigen des Landeskriminalamtes

DNN-Gespräch mit einer Handschriften-Sachverständigen des Landeskriminalamtes

Seit zwölf Jahren arbeitet Heike Sibilla als Handschriften-Sachverständige beim Landeskriminalamt (LKA). 2003 hat sie mitgeholfen, den Kofferbomber vom Hauptbahnhof dingfest zu machen.

DNN fragten die 40-Jährige nach ihren spannendsten Fällen, ob Frauen anders schreiben als Männer und ob sie herausfinden kann, dass jemand mit dem Mund oder dem Fuß geschrieben hat.

Frage : Der Bombenleger vom Hauptbahnhof hielt seinerzeit die Dresdner in Atem, als er Pfingsten 2003 einen Koffer mit Sprengstoff auf dem Bahnsteig platzierte, um die Deutsche Bank zu erpressen. Wie sind Sie ihm auf die Schliche gekommen?

Heike Sibilla : Nicht ich, sondern die Ermittler der Soko Bahnhof sind ihm auf die Spur gekommen. Aber ich konnte ein Puzzleteil dazugeben. Zusammen mit zwei Kollegen habe ich die Einzelteile zusammengesetzt, die nach der Entschärfung mit der Wasserkanone noch übrig geblieben waren und daraus geschlussfolgert, dass es sich um den Einband eines Kalendariums handeln muss, an dem die Zündvorrichtung angebracht war. Auf diesem Einband klebte ein kleines Etikett mit handschriftlicher Preisangabe. Die Ermittler fanden daraufhin fünf Buchhändler in Bayern und Sachsen, die überhaupt noch handschriftlich auspreisen und den Kalender "Die gute Saat 2001" im Verkaufssortiment hatten. Ich habe die Ziffern miteinander verglichen und dann tatsächlich einen Händler favorisiert. Er kam aus der Region, aus der auch die Steine stammten, die letzten Endes zur Überführung des Erpressers beitrugen.

Wie wird man denn Handschriften-Sachverständige?

Ich habe Germanistik und Sportwissenschaften studiert und bin 1997 als Seiteneinsteigerin zur Polizei gekommen. Nach dem Abschluss der Polizeifachhochschule in Rothenburg in der Oberlausitz als Diplom-Verwaltungswirtin habe ich dann im Jahr 2000 im Kriminalwissenschaftlichen und -technischen Institut des LKA begonnen und mich innerhalb von weiteren drei Jahren am Bundeskriminalamt in Wiesbaden zur Handschriften-Sachverständigen ausbilden lassen.

Kennen Sie die Personen, deren Handschriften Sie unter die Lupe nehmen?

Ganz klar: nein. Uns interessieren nur die Umstände, die zur "umstrittenen Schreibleistung", wie es im Fachjargon heißt, geführt haben. Einfach gesagt: Wir müssen wissen, ob die Person eine Brille als Schreibhilfe braucht. Aber welche Farbe die Brille hat oder ob das neueste Modell einer bestimmten Marke getragen wird, ist uns gleich. Die Ermittlungen selbst übernehmen immer die Polizeibeamten in den Revieren vor Ort. Von ihnen erhalten mein Kollege und ich das Handschriften-Material, um es zu untersuchen. Auch von Gerichten und Staatsanwaltschaften bekommen wir Aufträge. Die Trennung von der Ermittlungstätigkeit ist für uns Sachverständige ganz wesentlich, weil wir nur so unparteiisch bewerten und schlussfolgern können.

Wo überall finden sich Handschriften, die sie untersuchen?

Wir haben mit der ganzen Bandbreite der Betrugsdelikte zu tun - vom Schwarzfahrer bis hin zum Wirtschaftskriminellen, bei dem es dann wirk- lich um Millionenbeträge geht. Handschriften finden sich überall im täglichen Leben: Es sind Notizen, Skizzen und Tagebucheinträge, auch Hotelmeldescheine, Ansichtskarten, Abschiedsbriefe und Testamente. Und dann ha-ben wir natürlich die Unterschriften, die rechtsverbindlich und deshalb so wertvoll sind. Das macht sie auch zum beliebtesten Fälschungsobjekt - zum Beispiel auf Überweisungen und Lastschriftbelegen.

Auf wie viele Fälle pro Jahr kommen Sie da so?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Aber Sie können davon ausgehen, dass wir durchschnittlich jeden zweiten Tag neues Schriftmaterial zur Begutachtung auf den Tisch bekommen. Bundesweit werden schätzungsweise 15 000 Schriftgutachten jährlich in Auftrag gegeben. Jedem Auftrag liegt allerdings ein Vielfaches an Untersuchungsobjekten zugrunde, so dass die Zahl der Einzeluntersuchungen wesentlich höher liegt.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie von einer Handschrift auf die dazugehörige Person schließen wollen?

Mit einem Blick drauf ist es natürlich nicht getan. Im Allgemeinen steht die physikalisch-technische Untersuchung des Schriftmaterials an erster Stelle. In den allermeisten Fällen ist Papier der Schriftträger. Mit Hilfe von speziellen Verfahren, zum Beispiel der Stereomikroskopie, beleuchten wir es aus verschiedenen Quellen und unterschiedlichen Richtungen. Auf diese Weise können wir erkennen, ob es chemisch oder mechanisch verändert, also gefälscht worden ist, ob jemand nachträglich eine Ziffer vor den Betrag auf der Quittung gesetzt hat.

Im zweiten Schritt untersuchen wir die Schrift vom Allgemeinen zum Besonderen hin. Zuerst analysieren wir also Merkmale, die in jeder Schrift vorkommen wie die Schriftgröße, ihre Lage und Weite und wie sehr die Buchstaben miteinander verbunden sind. Dann geht es um das, was die eigentliche Handschrift ausmacht: Wie sehen die einzelnen Buchstaben aus? Welche Feinheiten weisen die Striche auf? Welche Schreibbewegungen liegen zugrunde? Wir schauen uns immer zuerst die umstrittene Schrift an und vergleichen sie dann mit den anderen, meist also vom sogenannten Namenseigner (bei Unterschriften) sowie von den Tatverdächtigen.

Ein Täter kann sich also noch so sehr bemühen, eine Unterschrift nachzuahmen, Sie werden immer herausfinden, dass es sich um eine Fälschung handelt, oder?

Richtig, denn die Bewegung der Hand ist das Entscheidende. Die Art und Weise, wie die Hand über das Papier geführt wird, ist bei jedem Menschen einzigartig. Das macht die Schrift neben den neurologischen Abläufen ja so individuell. Da hilft es dem Täter auch nichts, wenn er die Buchstaben nach links oder rechts kippt. Zwar verändert sich die Handschrift im Laufe des Lebens durch Alter, Krankheit, Drogenkonsum, emotionale Verfassung, ungewohnte Schreibsituationen und vieles mehr, aber dennoch bleibt sie in sich relativ konstant, einzigartig und unverwechselbar.

Was verstehen Sie denn unter neurologischen Abläufen?

Schrift ist ja auch immer eine "Gehirnschrift". Im Kopf laufen zumeist unbewusste Vorgänge ab, die das schreibende "Organ" dann tätig werden lassen. Es gibt Menschen, die schreiben mit dem Fuß oder dem Mund genau so wie mit der Hand.

Lässt sich denn herausfinden, ob jemand mit der Hand oder dem Fuß geschrieben hat?

Nicht zwingend. Das kommt drauf an, wie lange er das schon macht, wie geschickt er inzwischen geworden ist.

Schreiben Frauen anders als Männer?

Man sagt immer, dass Frauen runder und dynamischer schreiben. Aber es gibt viele Ausnahmen. Wir machen deshalb keine Aussagen zum Geschlecht.

Was war Ihr aufwendigster Fall?

Der liegt jetzt drei Jahre zurück. Da ging es um einen Stalker, der drei Frauen mit Hunderten von Briefen zum Teil sexuell belästigt hat. Diesen Fall aufzuklären hat lange gebraucht, weil die drei Frauen zwar alle im Vogtland, aber in verschiedenen Orten wohnten und ganz unterschiedlich alt waren. Die Frauen, die voneinander nichts wussten, haben den Mann nie gesehen, sondern nur die Drohbriefe bekommen.

Welche Fälle sind Ihnen noch besonders in Erinnerung geblieben?

Ich hatte mal eine Bibelinschrift in deutscher Kanzleysprache zu begutachten. Die musste ich in die lateinischen Schriftzeichen "übersetzen". Die Bibel war in Deutschland als gestohlen gemeldet und irgendwann auf einem Polenmarkt wiedergefunden worden. Um sie dem rechtmäßigen Besitzer zurückgeben zu können, musste der Widmungstext entziffert werden. Das war genauso spannend wie die Entschlüsselung einer Geheimschrift. Alte Schriften, Geheimschriften, Runenschriften - das sind so die Schmeckerchen, die nicht jeden Tag vorkommen.

Gespräch: Katrin Richter

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.04.2012

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