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DNN-Adventstürchen: Ein Blick ins Dresdner Prüflabor - Das Folterkämmerchen für den Phaeton

DNN-Adventstürchen: Ein Blick ins Dresdner Prüflabor - Das Folterkämmerchen für den Phaeton

Gabriele Barkleit überlässt nichts dem Zufall. Wenn ein verchromtes Teil wie das VW-Logo, von dem sie gerade ein kleines Stück ins Couloskop schiebt, nicht bis in alle Schichten hinab einwandfrei ist, landet die Marge wieder beim Lieferanten.

Dr. Von Barbara Stock

Einmal Chrom, zweimal Nickel, dann noch Kupfer - bis auf den Plastikkörper hinab fräst sich das Gerät im hundertstel Millimeter-Bereich durch die Beschichtung. Doch damit ist es nicht überstanden: Ein Cuttermesser zieht noch quer über die ausgestanzte Stelle seine Bahn, und erst wenn dann beim Abziehen des aufgebrachten Klebestreifens nichts vom beschädigten Chrom hängenbleibt, ist die Laborchefin zufrieden.

Präzision und Leidenschaft

Die Chemikerin mit der silberumrandeten Brille wirkt mindestens so energisch wie fröhlich - die Atmosphäre im Phaeton-Labor ist trotz höchster Anforderungen an Präzision und Aufmerksamkeit entspannt. Ein kleines Team, das weiß, was an seiner Arbeit hängt, widmet sich hier mit Leidenschaft den Herausforderungen eines hochtechnisierten Luxusguts: Halten die lackierten und verchromten Außenteile des Phaetons Hitze und Kälte, Nässe und Trockenheit, Steinschlag oder ätzenden Stoffen stand? Sind Leder und Kunststoffe so gut, dass sie viele Jahre dem alltäglichen Gebrauch widerstehen? Haben Wasch- und Kühlmittel oder Bremsflüssigkeit die exakte Zusammensetzung?

Das vielleicht 50 Quadratmeter große Phaeton-Prüflabor befindet sich nicht in der Gläsernen Manufaktur, sondern ist in den Startplatz der Cargo-Tram im Güterverkehrszentrum Friedrichstadt integriert. Es hat nichts vom erwarteten Hypermodernismus zu bieten: keine Kunstschneehalle, deren Türen sich leise surrend öffnen und schließen, keine Testrennstrecke, keinen Rüttelparcour. Obwohl: Test- und Rüttelstrecke sind nicht wirklich weit entfernt, liegen quasi unterm Botanischen Garten. Doch bei den Testern geht es um Details. Alle Bestandteile des Phaetons kommen auf Schiene und Straße im Güterverkehrszentrum an und werden von hier zu 80 Prozent mit der blauen Cargo-Tram in die Manufaktur am Großen Garten befördert. Der Standort des Labors ist also gut ausgewählt, denn alles, was von hier aus startet, kann vorher von den Weißkitteln kritisch unter die Lupe genommen werden.

Lack unter Beschuss

"Die Bremsflüssigkeit zum Beispiel darf höchstens 0,2 Prozent Wasser enthalten", erklärt der Praktikant, der an der Dresdner HTW studiert und im Labor mithelfen darf. Er senkt die Spritze in die Flasche mit dem gelben Inhalt, füllt den abgewogenen Tropfen in die Schale des Tittriergeräts, drückt einen Knopf, und greift nach dem prompt erscheinenden Ausdruck. Die Messwerte werden aus Garantiegründen aufgehoben, erklärt Laborchefin Barkleit und schreitet sofort zum nächsten Gerät.

Das sieht nicht spektakulärer aus als die anderen, hat aber einen viel tolleren Namen: Beschusstester. Naja, eigentlich nennen es die Kollegen hier nur so, denn gepanzerte Limousinen werden tatsächlich nur in der VW-Zentrale in Wolfsburg getestet. Hier in Dresden geht es eher darum, Außenflächen einem wohldosierten Steinegeprassel auszusetzen. Allerdings: Ein bisschen erinnert das Gerät mit seiner Trommel und dem Lauf schon an ein kleines Geschütz... Unterschied: Die Munition kommt aus einer viereckigen Röhre. Vor die spannt Lackprofi Heiko Rabe ein teuer lackiertes Phaeton-Außenteil und beschießt die Stelle mit einer exakt bemessenen Menge Stahlschrots in einer exakt vorgegeben Zeit an verschiedenen Stellen. Wenn dann in der Vergrößerung das "Schadensmuster" vom Soll abweicht, haben die Lackierer ein Problem.

Heiko Rabe war viele Jahre lang selber Lackierer, ehe er die Seiten wechselte und nun seine Zunft das Fürchten lehrt: Ihm können sie nur schwer etwas vormachen, er kennt alle Tricks.

Rabe muss die Außenteile des VW-Flaggschiffs noch ganz anderen Härten aussetzen. Einem Dampfstrahltest mit dem Kärcher zum Beispiel. Oder Vogelkot und Baumharz. "Dafür haben wir hier spezielle Imitate", erklärt er und greift nach zwei weißen Plastetöpfchen. Die Präparate bringt er in jeweils sechs Tropfen auf die lackierte Probe auf, stopft das Ganze bei 80 Grad in den Ofen und wartet 24 Stunden. Rabe nimmt den schnöden Alltag vorweg: Ein Vogel verliert seinen Darminhalt über dem Dach des Wagens, der in der prallen Sonne steht. Wer solche ätzenden Stoffe ewig auf dem Lack trocknen lässt, hat schnell mal eine Schicht weniger. Nicht so beim Phaeton! Nur wenn sich die Probe nach der Reinigung mit Alkohol und einer gewissen Lagerzeit jungfräulich zeigt, hat der Lack den Test bestanden.

Künstlicher Schweiß

Wenn außen schon geschossen, gestoßen, geätzt, gekratzt und geschockt wird, darf man gespannt sein, welche Torturen die Stoffe im Innenraum über sich ergehen lassen müssen.

Leder und Stoffe sind das Metier von Simone Strohbach, die gemeinsam mit Chefin Gabriele Barkleit in diesem Jahr ihr zehntes Jahr mit Tests am Phaeton zubringt. Die Laborantin und Lackiererin bestückt Geräte, die sich mit ihren Namen selbst erklären - den Reibechtheitsprüfer zum Beispiel. Mit ihm testet sie Materialien wie Leder oder beschichtete Kunststoffe auf Farbechtheit. Das Gerät enthält zwei Filze, die sie nach dem Trockentest mit verschiedenen Lösungen tränkt und dann in einer vorgeschriebenen Anzahl von "Hüben" über die Leder und andere Bezüge gleiten lässt. "Wir haben hier Alkohol, Benzin, künstlichen Schweiß - keine Angst, der riecht nicht - alles, was man sich vorstellen kann", sagt sie, während ihre Hand über das dunkle Leder namens Vienna streicht. Die oft sehr individuell eingefärbten Leder für Instrumente und Sitze müssten "schrumpfoptimiert" sein, erklärt sie und schiebt zum Verständnis nach, es dürfe sich "bei Hitze nicht so zusammenziehen, dass es reißt".

Kunst oder Griff?

Polymer-Spezialistin Adina Gerke, bis zu ihrem kürzlichen Wechsel nach Salzgitter zuständig für Plastikteile und Beschichtungen, hat gerade einen in Flüssigharz gegossenen Haltegriff-Span unter dem Mikroskop. "Die einen sagen, es ist Kunst, ich sage, es ist ein Griff", sagt sie lachend und zeigt die tatsächlich hübsch anzusehende Probe vor.

Eben noch zeigte ihr Computerbildschirm noch die stark vergrößerte Oberfläche eines mit Gravuren versehenen Schalters. Die Symbole darauf - wie das für Heizung oder Nebelscheinwerfer etc - durchlaufen hier im Labor Tests der besonderen Art. Sie werden mit eigens für alle VW-Labore hergestellter Sonnencreme gesalbt. Die Creme enthält alle Schadstoffe, die sich weltweit in solchen Produkten finden lassen und ist folgerichtig mit einem Warnhinweis versehen. "Vorsicht, kein kosmetisches Mittel", steht drauf. "Leider riecht sie nicht mal mehr wie Sonnencreme", bedauert Gabriele Barkleit schulterzuckend. Die reichhaltige VW-Creme darf auch 24 Stunden lang bei 80 Grad auf die Schalteroberflächen einwirken und muss ebenfalls Gitterschnitt und Klebestreifentest überleben, ehe das Labor sein OK gibt. "Das sind einfache, praxisnahe Tests: Man weiß sofort: hält oder hält nicht", kommentiert die Chefin das Vorgehen, ehe sie sich wieder der Polymer-Testerin am Mikroskop widmet.

Mehr Aufgaben vor Ort

Laborchefin Barkleit würde für die Neuauflage des Phaetons mit ihrem kleinen Team in Dresden gern mehr Aufgaben übernehmen. "Den ersten Phaeton haben sie noch in Wolfsburg in allen Einzelheiten geprüft", erzählt sie, doch peu a peu habe man an der Elbe schließlich Kompetenz aufgebaut und kenne die Zulieferer über Jahre. Da könne man deutlich mehr in die Hand nehmen. "Ab und an ist es eben besser, den Lieferanten selber in die Augen zu gucken", erklärt Dr. Barkleit mit einem Lächeln, das man keinem Lieferanten wünscht.

Sie hofft auf ein paar neue Geräte, um die Aufgabe mit der ihr eigenen Präzision erfüllen zu können, doch sie ist nicht gierig: Ein stromhungriger "Sonnenlichtsimulator" müsse nicht sein, auch wenn sich damit vielleicht die von Kunden gewünschten Effekte bei afrikanischen Sonnenuntergängen überprüfen ließen. Aber einen Dampfstrahlprüfer statt des Kärchers, den hätte sie schon gern. Und hat auch nichts gegen personellen Zuwachs einzuwenden - nicht nur, um die Polymer-Spezialistin zu ersetzen.

Nasen im Kofferraum

Der müsste sich dann allerdings noch für etwas qualifizieren, was die anderen vier schön können: Sie sind auch Geruchstester. Fünf bis sechs Mal im Jahr, bei Kundenreklamationen auch mal öfter, müssen sie für so genannte Konzernabnahmefahrten ihre Nasen in Phaetons halten - einmal bei 20 Grad Innentemperatur und dann in Wagen, die zuvor 24 Stunden lang in der nahen Klimakammer auf 60 Grad erhitzt wurden. Die vier - geschult in Serienprüfungen, die eine einheitliche Basis garantieren - nehmen für jeweils zehn Minuten Witterung auf, schnüffeln an der Lüftung, der Klimaanlage, im Kofferraum. Jeder für sich erteilt für bestimmte Kategorien Noten von 1 bis 5. Die dürfen beim Vergleich nicht weiter als 1,5 auseinanderliegen, sonst muss wiederholt werden. Fallen die Noten schlecht aus, ist was nicht in Ordnung.

Aber - und das gilt für fast alles, was das Team um Gabriele Barkleit in den vielen Laborjahren hier in die Finger bekommen hat - am Konzernflaggschiff gibt es erstaunlich wenig zu bemängeln...

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.12.2012

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