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DNN-Adventskalender: Leichen im Keller der TU Dresden

DNN-Adventskalender: Leichen im Keller der TU Dresden

Während oben im Foyer des Medizinisch-Theoretischen Zentrums (MTZ) in der Fiedlerstraße die Studenten flanieren, beginnt eine Etage tiefer, im Keller des Gebäudes, eine andere Welt.

Von Stephan Hönigschmid

Etwa 40 Leichen lagern hier, die für die Präparierkurse der Medizinstudenten benötigt werden. Auch in Zeiten modernster Computeranimationen und detailgetreuer Modelle ist die Übung am menschlichen Körper noch immer alternativlos.

"Obwohl es sehr gute dreidimensionale Computermodelle gibt, führt derzeit kein Weg an der Arbeit mit den Leichen vorbei. Nur mit ihnen können die Studenten optimal üben, wie sie die Strukturen herauspräparieren können", sagt Professor Richard Funk, der seit 1994 Professor für Anatomie an der TU Dresden ist.

An insgesamt 18 Präpariertischen sind pro Jahr etwa 300 Studenten mit Skalpell und Pinzette an den toten Körpern beschäftigt. Dabei stehen immer fünf bis sechs Studenten an einem Präpariertisch und legen unter Anleitung des Professors und seiner Assistenten zum Beispiel die Haut, die Muskulatur und die inneren Organe frei. "Die Studenten bekommen auf diese Weise ein Gefühl für die Gewebe und Organe des Körpers. Für einige ist das am Anfang nicht so leicht, weil die Farbgebung nicht so eindeutig wie im Lehrbuch ist, sondern sich im gelb-grauen Bereich bewegt", so Funk.

Die Frage, ob manche Studenten anfangs Berührungsängste mit den toten Körpern hätten, verneint der Professor. "Das ist kein Problem. Wir führen sie sanft darauf hin. Schwierigkeiten gibt es eher ab und zu damit, dass es einige nicht gewohnt sind, so viele Daten und Informationen in kurzer Zeit aufzunehmen", erläutert der Anatom.

Jedes Jahr werden für die Medizinstudenten 20 Leichen benötigt. Im Keller des MTZ sind jedoch immer 40 verfügbar, weil sie auch für Ärztefortbildungen, zum Beispiel über neue Operationsmethoden in der Unfallmedizin, benötigt werden. Die Medizinische Fakultät bekommt die Leichen von Körperspendern, die sich zu Lebzeiten bewusst dafür entschieden haben. Anders als man es vielleicht erwarten würde, melden sich nicht wenige im Institut, um sich zur Verfügung zu stellen. "Wir haben sehr viele Anfragen und müssen uns daher auf den Raum Dresden beschränken. Etwa 25 bis 30 Leute melden sich pro Jahr", erzählt Anatomieprofessor Funk.

Der Vorteil für die Körperspender besteht darin, dass die Medizinische Fakultät die Kosten für ihre Beerdigung übernimmt. Allerdings kann - abhängig von der Krankheitsvorgeschichte - nicht jeder als Spender ausgewählt werden. Trotz der strengen Bestimmungen im Vorfeld gibt es noch weitere Vorkehrungen, damit für die Studenten kein Risiko besteht, sich an den toten Körpern zu infizieren. Aus diesem Grund dauert es nach dem Tod meist ein halbes bis ein Jahr, bis die Leichen für Lehre und Forschung genutzt werden können. In dieser Zeit wird über die Beinarterie das Blut gegen eine wässerige Alkohollösung ausgetauscht und auch von außen werden die Leichen mit einer Lösung umspült.

Etwa ein bis zwei Jahre nach ihrem Ableben finden die toten Menschen dann wie jeder andere auch mit der Einäscherung und Beisetzung ihre letzte Ruhe. Dafür organisiert das Institut jedes Jahr im Zeitraum zwischen Buß- und Bettag und erstem Advent eine Beisetzungsfeier auf dem Trinitatisfriedhof, bei der die Namen der Verstorbenen verlesen werden und außerdem Musik und Gedichte erklingen.

Die Predigt hält der Klinikumspfarrer, die Feier wird maßgeblich von den Medizinstudenten gestaltet. Bei der Zeremonie begleiten sie die Urnen der Verstorbenen mit Kerzen. "Wir achten sehr auf Pietät. Im Vorfeld der Beerdigung wird der Körper mit allen dazugehörigen Präparationen verbrannt und in individuelle Urnen gegeben", erläutert Richard Funk.

Gerade weil ihm die Würde der verstorbenen Menschen sehr wichtig ist, hat der Anatom auch ein kritisches Verhältnis zu populären Ausstellungen wie "Körperwelten" von Gunther von Hagens. "Obwohl die Präparationen sehr anschaulich sind, ist der Gesamtzusammenhang umstritten. Mit den Posen und Stellungen wird zu viel auf den Showeffekt gesetzt", so Funk. Prinzipiell sei auch eine seriösere Darstellung möglich.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.12.2011

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