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DNN-Adventskalender: Im Bauch der Königin

DNN-Adventskalender: Im Bauch der Königin

Zehn Türen, Türchen und Klappen öffnen sich hoch droben über den Köpfen der Besucher in der Kreuzkirche für den DNN-Adventskalender. Holger Gehring hat die Schlüssel dafür.

Von Christoph Springer

Er spielt die Orgel in der Kreuzkirche. Der Weg zu seinem Arbeitsplatz führt direkt durch das gewaltige Instrument zu einer Tür und weiter auf einen kleinen Balkon. Durch diese Tür tritt am 1. Weihnachtsfeiertag ganz früh am Morgen ein kleiner Kruzianer in einem weißen Umhang mit einer Kerze in der rechten Hand, um die Weihnachtsbotschaft zu singen. Wie ein Schwalbennest hängt der Balkon mit dem Spieltisch der Orgel unter dem Instrument, das hoch ist wie ein Ein- familienhaus. Gehring hat von dort einen atemberaubenden Blick in das Kirchenschiff, an den er sich aber erst gewöhnen musste. Doch dazu später.

Die "Königin der Instrumente" werden Orgeln gemeinhin genannt. Gehrings Königin ist für viele Dresdner auch so etwas wie die Königin unter den Dresdner Kirchenorgeln. Schließlich hängt sie in der größten Kirche der Stadt und ist selbst ein geradezu monumentales Kunstwerk. Die Firma Jehmlich hat diese Orgel gebaut, im Oktober 2013 wird das Instrument 50 Jahre alt. Von 2005 an wurde die Orgel drei Jahre lang saniert. Ein paar technische Verbesserungen wurden damals eingebaut, außerdem hat sie dabei zusätzliche Klangfarben bekommen. Seitdem hat die große Orgel der Kreuzkirche 80 dieser sogenannten Register und einen Computer, mit dem man 4000 Klangfarben-Kombinationen vorprogrammieren kann. Nun müssen diese Kombinationen nur noch per Knopfdruck geschaltet werden. "Sehr gut gelungen" sei die Orgel seitdem, meint Gehring.

Dann klappt er eine der vielen kleinen Türen auf, die in das Innere der Orgel führen. Drei Etagen hoch sind die Pfeifen und Windkanäle in dem Instrument übereinander gestapelt, im Oberwerk unter der Kirchendecke arbeitet gerade Christoph Linde. Er stimmt sogenannte Zungenpfeifen, bei denen kleine Metallzungen den Ton erzeugen, schließlich soll die Orgel beim Konzert am Abend perfekt klingen.

Drei Stockwerke darunter, sozusagen im Erdgeschoss der Orgel, zeigt Gehring auf viele dünne Holzleisten. Sie gehören zur Spielmechanik der Orgel, der sogenannten Traktur. Dies ist eine filigrane Konstruktion aus Stegen, Winkeln, Gelenken und Wellen. Die Mechanik führt von den Tasten zu den Pfeifen, öffnet dort beim Druck auf die Tasten ein Ventil und erzeugt so den Orgelton. Die Register sorgen dafür, dass pro Tastendruck nicht nur ein Ventil geöffnet wird, sondern mehrere Pfeifen zusammen klingen.

Dann steigt Gehring vorsichtig eine schmale Stiege nach oben. Dort rauscht in zwei großen Kisten ganz leise der Orgelwind. Flüstermotoren treiben Schaufelräder an und pumpen zwei Blasebälge auf, aus denen die Luft in die großen Basspfeifen der Orgel strömen kann. Hinter einer Mauer befindet sich ein dritter, mannshoher Blasebalg für den Rest der Pfeifen. Ein enger Gang führt um die Ecke und wenige Stufen weiter oben geht es durch eine weitere Tür ins Schwellwerk der Orgel. Das befindet sich in der Mitte des Instruments einige Meter über dem Spieltisch. Senkrechte Klappbretter können diesen Teil der Orgel zum Kirchenschiff hin verschließen. So entstehen laute und leise Töne.

Die nächste Tür führt in einen Teil der Orgel, aus dem man an den großen Basspfeifen vorbei hinunter in die Kirche blicken kann. Die Stiege in die zweite Orgeletage hat kein Geländer, Holger Gehring gibt auf. "Wenn ich weiter nach oben gehe, bin ich danach zu nichts mehr zu gebrauchen", gesteht der Organist, der auch als Orgelsachverständiger tätig ist und deshalb mitunter selbst in den Instrumenten nach oben klettern muss. Wenn sich das vermeiden lässt, bleibt er aber lieber unten.

Christoph Linde übernimmt die Führung in den oberen Etagen des Instruments, in denen man schwindelfrei sein sollte. Er weist auf Tritte und Griffe hin und warnt vor Hindernissen, an denen man hängen bleiben oder sich den Kopf stoßen kann. Ein Schritt neben eine Stufe könnte nicht nur verheerende gesundheitliche Folgen haben, sondern auch Teile der Orgel zerstören. Linde öffnet eine Klappe. Man muss den Kopf beugen, um sich nicht am Antrieb für einen der drei Zimbelsterne zu stoßen. Diese kleinen Glockenwerke, die mit einem sich drehenden Stern verbunden sind, werden nur an hohen christlichen Festtagen genutzt, etwa zu Weihnachten. Dann tritt man auf einen Steg, der hinter das Oberwerk der Orgel führt. Noch höher geht es nicht, fast stößt der Kopf an die Kirchendecke. Der Blick fällt tief hinunter ins Kirchenschiff, in dem die Besucher klein wie Ameisen wirken. Jetzt kann man Holger Gehring verstehen, der lieber nicht hier oben ist. Christoph Linde öffnet eine weitere Klappe und gibt den Blick frei in das Oberwerk der Orgel, an dem er eben gearbeitet hat. Direkt hinter der Klappe stehen die von ihm nachgestimmten trichterförmigen Zungenpfeifen.

Zurück in Gehrings Schwalbennest fällt der Blick auf vier Reihen schwarzer Tasten. "Die Farbe wurde eingeführt, weil man früher darauf die weiß gepuderten Hände der Künstler besser sehen konnte", sagt Gehring. Ob die Geschichte so stimmt, weiß er nicht genau. Dann setzt er sich an seinen Arbeitsplatz. Zwei kleine Bildschirme kann er rechts und links des Notenständers aufklappen. Kameras übertragen dorthin Bilder vom Altarplatz und der Orgelempore unter ihm. So sieht er, was der Pfarrer tut und wann der Chor einsetzt.

Zum Schluss schlägt Holger Gehring Noten auf. Es ist ein Stück von Alfred Hottinger, der vor etwa 100 Jahren Organist in der Frauenkirche war. Gehring hat es neu einstudiert und für "seine" Jehmlich-Orgel registriert. Leise beginnt diese Variation über das Weihnachtslied "Tochter Zion", im Bass erklingt die Melodie. Mit einem Fuß schaltet Gehring die vorprogrammierten Registereinstellungen ein, die er sich in die Noten geschrieben hat. Unten im Kirchenschiff verstummt das Gemurmel der vielen Besucher, die zwischen Glühwein und Bratwurst vom Striezelmarkt herüber gekommen sind, um einen Blick in die Kreuzkirche zu werfen. Sie legen den Kopf in den Nacken und sehen zum Schwalbennest der Orgel, während Holger Gehring ein mächtiges Crescendo spielt. Das Hottinger-Stück sei ein Schmachtfetzen, hat er vorher gesagt. Also ein Stück, das sofort in Mark und Bein geht und eine Gänsehaut erzeugt, aber wohl nicht den Ansprüchen hochgebildeter Musikintellektueller genügt. Etwas fürs Herz eben. Das Crescendo steigert sich zum Fortissimo, "Tochter Zion, freue dich". Schließlich endet Hottingers Schmachtfetzen in drei mächtigen Schlussakkorden. Jeder davon beweist: Die Orgel ist die Königin der Instrumente.

Musiktermine: www.kreuzkirche-dresden.de

24 Tage lang bis zum Weihnachtsabend öffnen Millionen Kinder Türchen ihres Adventskalenders. Dahinter stecken schöne Überraschungen. Auch die DNN öffnen bis zum 24. Dezember jeden Tag ein ganz besonderes Türchen. Wir blicken hinter Fassaden, in sonst nicht zugängliche Räume und hinter geheime Türen. Dieses Mal sind wir im Inneren eines Instruments zu Besuch, das unter anderem Weihnachten eine wichtige Rolle spielt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.12.2011

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