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DDR-Patienten an West-Firmen verkauft - Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt wohl betroffen

DDR-Patienten an West-Firmen verkauft - Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt wohl betroffen

Sie waren krank und suchten Hilfe, doch ihr Vertrauen in die Ärzte bezahlten mindestens sieben Menschen mit dem Leben. Die Dokumentation "Tests und Tote" der Leipziger Journalisten Stefan Hoge und Carsten Opitz, die gestern Abend in der ARD ausgestrahlt wurde, bringt Unglaubliches ans Licht.

Darin decken die Filmemacher ein schmutziges Geschäft mit der Hoffnung schwer kranker Menschen auf: Fast ein Jahrzehnt lang wurden demnach in DDR-Kliniken systematisch Patienten ohne Einverständniserklärung für Medikamententests westdeutscher Pharmafirmen missbraucht - offenbar auch im Krankenhaus Friedrichstadt in Dresden.

Seit spätestens 1981 bestanden demnach die Kontakte zwischen Pharmakonzernen in der BRD und höchsten DDR-Führungskreisen. "Zunächst dachten wir, dass sich das vor allem auf Berlin konzentrierte. Doch beim Studium der Akten aus dem ehemaligen DDR-Gesundheitsministerium wurde schnell klar: Die Tests fanden flächendeckend in der gesamten DDR statt", so Stefan Hoge. Und das bis zur Wende.

Menschen wie der Dresdner Gerhard Lehrer, der 1989 wegen eines Herzinfarkts im Krankenhaus Friedrichstadt in Behandlung war, wurden demnach ohne Erklärung entweder eines der neuen Medikamente aus dem Westen oder aber ein Placebo verabreicht. Das Verhältnis der Patienten zum Arzt sei in der DDR von einem großen Urvertrauen geprägt gewesen, das habe den Verantwortlichen die Durchführung der Tests leicht gemacht, erklärt Stefan Hoge. Gerhard Lehrer erhielt damals trotz seiner schweren Erkrankung ein Placebo. Obwohl es ihm immer schlechter ging, wurde er entlassen. Vermutlich starb er, weil ihm eine lebensrettende Behandlung verwehrt wurde - mit nur 60 Jahren. Einer seiner behandelnden Ärzte, Johannes S., ist heute Professor für Innere Medizin am Klinikum Chemnitz. Für eine Stellungnahme war er gestern nicht zu erreichen.

Gerhard Lehrers Witwe Annelise (80) erhebt derweil schwere Vorwürfe. Der Oberarzt habe damals geprahlt, dass man die "besonderen" Pillen nur bei ihm bekäme. Vor seinem Tod hatte ihr Mann ihr noch die Schachtel des vermeintlichen Herzmedikaments der Firma Hoechst zugesteckt und sie gebeten, diese aufzubewahren. "Er hatte ein ganz ungutes Gefühl bei der Sache", weiß Stefan Hoge.

Mehrere Tausend Menschen sollen von 1981 bis 1990 auf diese Weise missbraucht worden sein. Pro Patient seien im Schnitt rund 3800 D-Mark in das DDR-Staatssäckel flossen, mindestens 6,8 Millionen D-Mark - ein Bomben-Geschäft. Ministerial- und Patientenakten dokumentieren die Vorgänge peinlich genau - bis hin zu den Verträgen zwischen Unternehmen wie Hoechst und Schering und der DDR- Regierung.

Aber auch die Konzerne verdienten prächtig, denn die Tests kosteten in der DDR, aber auch in Südamerika und Afrika einen Bruchteil dessen, was in der BRD zu Buche geschlagen hätte. Besonders perfide: "Leute wie der ehemalige Hoechst-Chef Wolters, der selbst aus der DDR stammte, kannten die hiesigen Strukturen. Die wussten: Wenn hier die Obrigkeit mit solch einer Order zu einem Arzt kam, musste der gehorchen", erklärt der Autor des Filmes.

Auf Einsicht ist Hoge bei den früheren Verantwortlichen im Zuge seiner Recherchen übrigens nicht gestoßen: "Wenn sich jemand äußerte, hieß es, dass alles im Rahmen der damals gültigen Richtlinien abgelaufen sei und überdies kein Kommentar abgegeben werde." Für Hinterbliebene wie Annelise Lehrer (80) wohl ein Schlag ins Gesicht.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.12.2012

Jane Jannke

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