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Computer lernen an der TU Dresden Allgemeinwissen

cfaed Computer lernen an der TU Dresden Allgemeinwissen

Professor Markus Krötzsch ist 35 Jahre jung, ein engagierter Wikipedianer – und er hat Großes vor: Er will Computern beibiegen, nicht nur stur vor sich hinzurechnen, sondern frei zu assoziieren. Die Elektronenhirne sollen endlich lernen zu verstehen, wie in unserer Welt alles mit allem zusammenhängt.

Markus Krötzsch arbeitet im cfaed der TU Dresden an „Knowledge Graphs“, die immer mehr Daten assoziativ verknüpfen

Quelle: Heiko Weckbrodt

Dresden. Professor Markus Krötzsch ist 35 Jahre jung, ein engagierter Wikipedianer – und er hat Großes vor: Er will Computern beibiegen, nicht nur stur vor sich hinzurechnen, sondern frei zu assoziieren. Die Elektronenhirne sollen endlich lernen zu verstehen, wie in unserer Welt alles mit allem zusammenhängt.

„Heutige Computer kranken daran, dass sie kein Allgemeinwissen wie wir Menschen haben“, sagt der kürzlich berufene Professor für wissensbasierte Systeme in der Informatik-Fakultät und am Zentrum für fortgeschrittene Elektronik „cfaed“ der TU Dresden. „Erst wenn wir den Computern das beibringen, werden wir uns natürlich mit ihnen unterhalten können.“

Fällt in einem Gespräch etwa das Wort „Berlin“, mag ein Mensch womöglich binnen Sekundenbruchteilen „Brandenburger Tor“, „Wowereit“, „Und das ist gut so“ assoziieren und mit einem schlagfertigen Bonmot antworten. Computer hingegen stapeln zwar enorm viel Wissen in Datenbanken. Diese Informationshappen aber zu einem komplexen „Weltwissen im Hintergrund“ zu verknüpfen und entsprechend auf einen Menschen zu reagieren, ist für sie ein fremdes Konzept.

Deshalb auch spucken Suchmaschinen im Internet manchmal so völlig nutzlose Ergebnisse aus, hängen sich Computer auf oder antwortet die künstliche iPhone-Assistentin Siri oft so gaga-mäßig auf Sprachbefehle. „Stellen Sie sich einen Autofahrer vor, der unterwegs plötzlich sagt: ,Palak Paneer schmeckt gut’“, veranschaulicht der Professor das Problem. Zwar gibt es auch in heutigen Autos schon Computer, die prinzipiell Sprache erkennen können. Aber verstehen, was der Fahrer mit seinem Gebrabbel da wirklich MEINT? Daran scheitern heutige „Künstliche Intelligenzien“ (KIs) meist noch. „Der Rechner muss erkennen, dass der Mensch von einem indischen Gericht spricht, dass der Satz einen Wunsch ausdrücken könnte, es eine gute Idee sein mag, dem Fahrer ein nahegelegenes indisches Restaurant zu empfehlen und auf Wunsch gleich noch einen Tisch dort zu bestellen und hinzunavigieren.“

Und diese Fürsorge darf nicht ausarten, sonst fühlt sich der Mensch bevormundet. Wäre es gar vorstellbar, dass das neue Assoziations-Vermögen die Rechner zu echter, nicht nur vorgespielter Intelligenz führt? Zu einer Singularität, die dem Elektronenhirn die Erkenntnis beschert. „Ich bin“? So dass es uns vielleicht eines Tages antwortet: „Nein Dave, das will ich nicht tun“?

„Einen Computer, der eigene, vielleicht gar bösartige Wünsche entwickelt, sehe ich nicht kommen“, sagt der Computerlogik-Experte. „Solch ein ,magischer’ Punkt, ab dem eine künstliche Intelligenz zu echtem Selbstbewusstsein springt, ist gar nicht in Sicht.“ Der nächste Schritt werde wohl eher ein Computer sein, der wie ein Kind lernen kann. Und auch er wird immer noch nicht wie ein Mensch wirklich wissen, was ein Tisch ist, nicht tatsächlich die Bedeutung des Begriffs „Mutter“ verstehen. „Aber er wird so tun können, als ob er es wüsste“, glaubt Markus Krötzsch.

All dies mag vielleicht nach einem rein akademischen Thema für Dystopisten, Nerds und Science-Fiction-Autoren klingen. Erste rudimentäre künstliche Wissenssysteme sind aber längst in unserem Alltag angelangt, ohne dass wir es so recht gemerkt haben. So arbeiten Automobilunternehmen mit Feuereifer daran, Fahrzeugrechner freie Plaudereien mit den Insassen beizubringen. Der US-Internetkonzern Alphabet Inc. baut eigene „Wissens-Graphen“ auf, um Anfragen in der Suchmaschine Google besser beantworten zu können. Vorstellen kann man sich diese Graphen wie die flexibel verknüpften Neuronen in einem Gehirn oder wie lose verbundene Assoziationskugeln aus Informationen.

Weil bei Google aber kaum ein Außenstehender „unter die Haube“ gucken darf, haben Prof. Krötzsch und weitere Enthusiasten mit „Wiki Data“ seit 2011 eine freie und kostenlose Alternative aufgebaut: Ein Assoziationssystem aus bisher über 22 Millionen Wissenseinheiten, die in der kostenlosen Internet-Enzyklopädie „Wikipedia“ nur darauf gewartet haben, endlich miteinander verknüpft zu werden. „Wer wissen will, welche deutschen Großstädte Bürgermeisterinnen haben oder wo alle Heiligen des 20. Jahrhunderts geboren wurden, kann entweder alle Artikel über Städte und über Heilige in der Wikipedia durchlesen – oder Wikidata befragen“, nennt Prof. Krötzsch kuriose Beispiele.

„Die Resonanz hat uns selbst überrascht. An manchen Tagen gehen bis zu drei Millionen Anfragen für Wikidata ein“, beschreibt er. Darunter seien zwar viele automatisierte Abfragen von entsprechend programmierten Web-Seiten. Doch zeige dies deutlich, wie wichtig die Forschung an wissensbasierten Systemen für die Computer der Zukunft sei – und wie groß der Bedarf sei, in der Informationsflut des Internet-Zeitalters nicht nur Daten geliefert zu bekommen, sondern echte Antworten.

Von Heiko Weckbrodt

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