Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 1 ° heiter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Google+
Christian Behr zu den Bürgergesprächen in der Dresdner Kreuzkirche

Interview nach dem 13. Februar Christian Behr zu den Bürgergesprächen in der Dresdner Kreuzkirche

Zweimal hat es die von Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) und Superintendent Christian Behr ins Leben gerufenen Bürgergespräche in der Kreuzkirche gegeben. Im DNN-Interview zieht Behr eine erste Bilanz und erklärt, wie es mit den Veranstaltungen weitergehen soll.

Probleme mit dem Verlust an Stil, mit dem agiert wird: Christian Behr.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Zweimal hat es die von Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) und Superintendent Christian Behr ins Leben gerufenen Bürgergespräche in der Kreuzkirche gegeben. Im DNN-Interview zieht Behr eine erste Bilanz und erklärt, wie es mit den Veranstaltungen weitergehen soll.

Haben Sie schon Frau Merkel und Herrn Gabriel eingeladen, wie Herr Hilbert vorgeschlagen hat?

Nein, das haben wir noch nicht. Das war ein lockerer Gedanke, weil viele Fragen die Bundespolitik betreffen. Die können wir in Dresden nicht beantworten .

Im Internet ist ein Streit darüber entbrannt, wer das Format ins Leben gerufen hat. Wer war es wirklich?

Es gab einen Anstoß von einer Gruppe „Bürgerdialog“. Dann haben der Oberbürgermeister und ich gesagt: Wir machen es. Dirk Hilbert und ich haben uns entschieden, als Personen einzuladen und nicht als Vertreter einer Partei oder der Kirche, weil es uns nicht um Fragen der politischen Formalien geht, sondern um Inhalte.

Die Initiative „Dresden für alle“ setzt sich nicht in die Kreuzkirche, weil auch Pegida-Mitbegründer René Jahn bei den Vorbereitungen für die Bürgerversammlungen agiert. Können Sie das nachvollziehen?

Das ist legitim. Jeder soll entscheiden können, ob er kommen will. Ich kenne viele Mitglieder von „Dresden für alle“, die zu den Veranstaltungen gehen. Sie wollen es aber nicht als Gruppe tun, weil sie nicht offiziell einen Dialog mit Pegida eröffnen wollen.

Sind die Bürgerversammlungen ein Gesprächsangebot an Pegida?

Es ist für uns eine Einladung an die Bürger der Stadt Dresden. Dass sich davon auch Pegidisten angesprochen fühlen, ist beabsichtigt.

Ist es möglich, einen Dialog mit mehr als 500 Menschen zu führen?

Nein. Deshalb haben wir es ja auch Bürgerversammlung und nicht Bürgerdialog genannt. Mit so vielen Menschen kann man nicht dialogisieren. Wir wollen erreichen, dass man ins Gespräch kommt. Menschen, die sich Gehör verschaffen wollen, können ans Mikrofon gehen. Wer dem OB etwas sagen will, kann das tun. Auch im Nachgang. Herr Hilbert und auch ich haben nach der jüngsten Veranstaltung noch über eine Stunde mit Dresdnern gesprochen.

Was wollen Sie mit den Bürgerversammlungen erreichen? Gibt es ein konkretes Ziel?

Das kann man nie so ganz festklopfen. Es geht um das Gefühl: Da hört mich jemand an, hier kann ich meine Sorgen und Nöte artikulieren. Wir wollen bei jeder Veranstaltung ein anderes Thema aufgreifen und darüber informieren. Die Feinplanung für den 3. März läuft, da werden wir in wenigen Tagen das Thema mitteilen.

Wie lange wollen Sie die Veranstaltungen anbieten?

Da haben wir uns noch keine Grenze gesetzt. Der Ausblick reicht erst einmal bis zum Sommer diesen Jahres. Wir haben viele mögliche Themen besprochen wie Islam, Sicherheit, Bürgerbeteiligung oder auch die Frage: Wie funktioniert Demokratie?

Wenn aber viele Fragen der Dresdner mit der Bundespolitik zusammenhängen, landen Sie dann nicht schnell in einer Sackgasse?

Das will ich deutlich verneinen. Wir wollen die Demokratie nicht neu erfinden. Es soll um Dresden gehen. Viele Fragen können wir nicht beantworten. Die gehören auch nicht in dieses Forum hinein. Uns geht es um die Probleme, die wir in Dresden lösen können.

Wie können Sie als Christ Meinungsäußerungen ertragen, die so gar nicht von christlicher Nächstenliebe geprägt sind?

Mir geht es nicht immer gut bei den Statements. Gänsehaut wäre da noch positiv formuliert. Aber wir haben es im Kirchenvorstand besprochen: Wir als Kirche am Markt werden das aushalten können und müssen. Da teilen sich Menschen einen Raum, die sich sonst nie nebeneinander setzen würden. Man muss auch mal dem Anderen zuhören, auch wenn es knapp an die Erträglichkeitsgrenze geht. Einige haben mir gesagt, dass sie nicht mehr kommen wollen, weil sie es nicht aushalten können.

Bisher werden die Bürgerversammlungen nicht von politischen Lagern vereinnahmt. Wie lange wird das noch so bleiben?

Wir entscheiden nach jeder Veranstaltung, ob es ein Rahmen ist, den wir noch vertreten können.

Sie behalten sich vor, die Notbremse zu ziehen, wenn es aus dem Ruder läuft?

Wir haben die nächsten Termine festgelegt. Aber wir sind zu keinem Zeitpunkt gezwungen, die Veranstaltungen weiterzuführen. Es ist ein Angebot, die Kommunikationsdefi-zite zu durchbrechen. Nicht alle meiner Freunde und Kollegen finden es toll, was wir da tun. Ich bekomme auch kritische Stimmen zu hören. Aber auch viel Zustimmung. Es ist der Versuch, etwas Druck aus dem Straßenkessel zu nehmen.

Der Versuch, den Disput von der Straße in geeignetere Räume zu verlagern?

Das ist das Ziel.

Gibt es Parallelen zu 1989, als die Kreuzkirche der Bürgerschaft Raum gegeben hat?

1989 gab es keinen zivilen Raum für die Bürgerschaft. Da hat die Kirche den einzigen zivilen Raum geboten. Heute gibt es in der Zivilgesellschaft die Räume, sie werden nur zu selten genutzt. Deshalb kommt von uns als Kirche am Markt, die die Menschen in der Stadt ein Stück weit begleiten will, dieses Angebot. In einer Kirche geht die Debatte vielleicht zivilisierter zu als in einem anderen großen Saal. Die protestantische Kirche ist immer bemüht gewesen, in kritischer Auseinandersetzung mit der weltlichen Macht Probleme zu lösen.

Worin sehen Sie die Ursache für all die Ängste und den Hass?

Ängste und Frus-trationen haben nicht immer einen realen Hintergrund. Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt. In Deutschland und Europa geht es vielen Menschen richtig gut, auch wenn die Schere zwischen arm und reich leider auch bei uns weiter auseinanderklafft und manche von der positiven Entwicklung nicht profitieren können. Ich sehe keine grundlegenden ökonomischen Schwierigkeiten. Viele haben Angst, dass ihnen etwas weggenommen wird. Und Angst vor Veränderung. Ich habe große Probleme mit der Verachtung und mit dem Verlust an Stil, mit dem agiert wird.

Welchen Einfluss haben für Sie soziale Medien?

Das ist so eine Art virtueller Stammtisch. Früher blieben die Gespräche aber am Stammtisch, jetzt bekommen sie alle mit. Mich erschreckt, dass sich die Verrohung im Internet auf der Straße niederschlägt. Dass die Achtung voreinander gesunken ist. Ich habe am 6. Februar einen Mann gesehen, der hat eine Gruppe von Trommlern ohne Anhaltspunkt wüst beschimpft. Das hätte es vor anderthalb Jahren nicht gegeben.

Wie holt man solche Menschen zurück?

Ich habe ihn angesprochen und gefragt, warum er das macht. Die Antwort ist er erst einmal schuldig geblieben. Es ist ein langer Weg und bedarf vieler einzelner Gespräche.

Wenn Sie ein Fazit ziehen: Wo befindet sich der Versuch „Bürgergespräche“?

In dem Rahmen, den ich erwartet habe. Vielleicht kommen die Hälfte der Menschen in die Kirche, weil sie ihre Meinung oder ihre Vorurteile bestätigt bekommen wollen. Wenn einige von ihnen ins Nachdenken kommen, haben wir viel erreicht.

Thomas Baumann-Hartwig

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
29.04.2017 - 21:03 Uhr

Rückschlag im Abstiegskampf der Landesklasse Ost für den Dresdner SC: In Neustadt an der Spree waren die Friedrichstädter letztlich ohne echte Chance und verloren 0:4.

mehr
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.