Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 13 ° wolkig

Navigation:
Google+
Chef der Kommunalen Statistikstelle Dresden über Daten und Fallstricke

Chef der Kommunalen Statistikstelle Dresden über Daten und Fallstricke

Christian Eichner: Statistik ist die Beobachtung von Massenerscheinungen. Nützlich ist sie nur, wenn man ohne vorgefasste Meinung rangeht. Wenn Sie das vergessen und Statistiken erstellen, um ein Vorurteil zu beweisen, kann sie gefährlich sein, dann schneidern Sie sich ganz schnell die "Wahrheit" zurecht.

Frage: Statistiken haftet der Ruch an, alles und nichts zu beweisen - wozu sind sie nütze?

Hm, hätten Sie ein Beispiel?

Ein Klassiker ist die Kriminalitätsstatistik. 47 000 Straftaten im Jahr in Dresden klingen viel. Aber wenn Sie genauer hinsehen, fallen allein rund 10 000 davon unter "Betrug und Sachbeschädigung". Und dieser Posten hängt wiederum stark davon ab, wieviel Schwarzfahrer erwischt worden sind. Was heißt: Wenn die Verkehrsbetriebe der Stadt einen Gefallen erweisen und die Kriminalitätsstatistik senken wollten, müssten sie einfach nur mal ein Jahr keine Kontrolleure losschicken. Oder nehmen Sie die Ausländerkriminalität: Auf dem Papier ist die hoch. Aber die meisten Straftaten werden von jungen Leuten begangen und die sind unter Zugereisten überrepräsentiert. Einen sinnvollen Vergleich bekäme man nur, wenn man die Kriminalität gleicher Altersgruppen nebeneinander legt.

Wohl ein Beispiel, wie Statistiken politisch missbraucht werden können...

Das muss nicht immer mit Absicht sein, sondern kommt auch oft daher, dass manche Politiker nicht richtig hingucken. Als zum Beispiel Edmund Stoiber damals gegen Gerhard Schröder als Kanzlerkandidat antrat, hat er im Bundestagswahlkampf kritisiert, dass Ost-Frauen mehr Rente als West-Frauen bekämen und damit Empörung ausgelöst. Die höhere Durchschnittsrente im Osten kam aber zustande, weil hier mehr Frauen berufstätig waren und auf mehr Beschäftigungsjahre kamen.

Ärgern Sie sich in solchen Fällen als Statistiker?

Na klar. Da fällt mir noch ein anderes ärgerliches Beispiel ein: Es gibt eine Zeitschrift, die veröffentlicht regelmäßig Passantenzählungen der Einkaufsstraßen in Großstädten. In einem Jahr wurde getitelt, dass es mit der Prager Straße in Dresden aufwärts gehe. Dabei bedachte man nicht, dass an dem Zählstichtag gerade Dixielandfestival war und sehr viele Leute unterwegs waren.

Wie kommen Sie zu Ihren Daten?

Zum Beispiel vom Melderegister, aus dem Sozialamt, von der Zulassungsstelle, den Fachämtern... Voraggregierte Daten bekommen wir von der Industrie- und Handelskammer, dem Statistischen Landesamt und der Bundesarbeitsagentur - das läuft weitgehend automatisch.

Voraggregiert heißt...?

Das Kfz-Bundesamt zum Beispiel liefert uns Statistiken nur hinunter bis auf die Wahlbezirksebene. Die bieten zwar auch vollständige Einzeldatensätze an, wollen aber so viel Geld dafür, dass wir darauf verzichten. Doch wir überlegen, ob wir künftig die Daten unserer Kfz-Zulassungsstelle wieder selbst auswerten, um genauere Statistiken zu bekommen. Allerdings ist das auch eine Personalfrage - mit 15 Leuten ist nicht alles zu machen.

Wer bekommt alles ihre Statistiken?

Die Verwaltung, die Stadträte, die Bürger - alle können von uns Auskünfte bekommen, soweit der Datenschutz nicht dagegen spricht. Anfragen von Bürgern, Firmen und der Presse machen etwa 45 Prozent aus, etwa ebenso viel kommen von den Ämtern, der Rest von Schulen und Unis. Manchmal haben wir auch Anfragen vom Oberbürgermeisterbüro - das muss dann immer ganz schnell erledigt werden.

Was wollen die Leute so von den Statistikern wissen?

Das geht querbeet. Das kann ein Zahnarzt sein, der sich niederlassen und wissen will, wie viele es von seiner Zunft schon in Blasewitz gibt. Oder eine Zeitung möchte erfahren, wie alt der älteste Dresdner ist, eine Studentin die Verteilung der Geburtstage im Jahre wissen...

Und was machen Sie heute zum Weltstatistiktag? Leert man da ein Gläschen Sekt oder tüftelt gemeinsam an einer besonders trickreichen Grafik?

(Lacht): Nein. Also ehrlich gesagt, habe ich erst von Ihnen vom Statistiktag erfahren.

Statistiken begegnen uns allerorten: Sie sagen uns, wie viel Fernseher jeder Dresdner im Schnitt hat, wer die OB-Wahl gewonnen hat, wie viel Frösche pro Kubikmeter Wasser - statistisch gesehen - in einem Teich wohnen. Um ihre Forderungen und Ziele zu untermauern, wedeln politische Streithähne gern mit Statistiken - die oft zum gleichen Thema genau das Gegenteil besagen oder interpretiert werden. "Statistiken stecken für den ungeschulten Betrachter voller Fallstricke", meint Christian Eichner aus jahrelanger Erfahrung. Der Leiter der Kommunalen Statistikstelle plauderte mit Blick auf den heutigen "Tag der Statistik" mit DNN-Redakteur

Heiko Weckbrodt.

... das Wort "Statistik" sich vom lateinischen "status" = "Zustand" herleitet?

... Statistiken zu den ältesten Schriftdokumenten der Menschheit gehören? Als Sumerer und Ägypter vor etwa 5000 Jahren die Keilschrift und die Hieroglyphen entwickelten, wurden sie anfangs vor allem für Inventarlisten und Abrechnungen von Tempeln verwendet. Die ersten amtlichen Statistiken entstanden im Zuge der Volkszählungen im vorantiken Äygpten und im Zweistromland. Das Statistikwesen als mathematische Wissenschaft etablierte sich ab dem 16. Jahrhundert.

... die Vereinten Nationen im Jahr 2010 den 20. Oktober zum Weltstatistiktag erklärten? Damit soll die Bedeutung akurat erstellter und interpretierter Statistiken für die Entwicklung moderner Gesellschaften gewürdigt werden.

... das oft zitierte "Ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe" nach derzeitigem Forschungsstand gar nicht von Winston Churchill stammt, sondern dem britischen Premier wahrscheinlich von Joseph Goebbels in den Mund gelegt wurde?

... es im Internet unter www.axtimwal.de eine Sammlung von Beispielen gibt, wie fehlerhaft und manipulativ Statistiken schon ausgelegt wurden?

Quellen: Wikipedia, Uni Dortmund, Uni Giessen u. a.

DNN-interview

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.10.2011

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
21.08.2017 - 09:02 Uhr

Im Zentrum der Kritik steht die anhaltenden "Drangsalierung" der Fans

mehr
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.