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Bürgerrechtlerin Freya Klier hält nicht aufgearbeitete Vorurteile für eine Wurzel der Pegida-Proteste

Bürgerrechtlerin Freya Klier hält nicht aufgearbeitete Vorurteile für eine Wurzel der Pegida-Proteste

Deutschland hat eine Pflicht, Flüchtlinge aufzunehmen. Die Bürgerrechtlerin Freya Klier wehrt sich im DNN-Interview gegen die Vereinnahmung des Wendeslogans "Wir sind das Volk!" durch die Pegida.

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Sieht bei den Pegida-Demonstranten unaufgearbeitete Ressentiments aus Zeiten der DDR: Freya Klier.

Quelle: Andre Kempner

Warum haben Sie jetzt, 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, ein Buch über die letzten Kinder Ostpreußens geschrieben, über schlimme Schicksale deutscher Kinder nach dem Einmarsch der Roten Armee?

Mir ist dieses Thema, mir sind diese Schicksale von heute 70- bis 80-Jährigen Menschen historisch sehr wichtig. Die ganz unterschiedlichen Erlebnisse, die Leiden und auch die glückliche Rettung dieser Kinder wurden bisher kaum oder gar nicht erzählt.

In der DDR waren Flucht und Vertreibung aus ehemaligen Ost-Gebieten ein Tabu.

In der DDR lautete der Begriff für diese Menschen Umsiedler, was eine böswillige Beschönigung ihrer Schicksale war. Wer trotz des Verbots darüber sprach, wurde wegen Beleidigung der sowjetischen Befreier gemaßregelt. Bei meinen Lesungen stoße ich heute jedoch auf überraschend viele dieser Menschen oder auf die Kinder und Enkel von ihnen. Wir dürfen ihre Schicksale, ihre Kriegstraumata nicht dem Vergessen preisgeben.

Die damaligen Flüchtlinge wurden in der Bundesrepublik oder der DDR aufgenommen, so oder so. Was geht Ihnen als Dresdnerin durch den Kopf, wenn die Pegida dafür durch Ihre Heimatstadt gegen Flüchtlinge und Asyl demonstriert?

Zuerst halte ich es für eine furchtbare Anmaßung, dass dabei "Wir sind das Volk!" gerufen wird. Ich habe deshalb mit vielen Gleichgesinnten eine Erklärung unterzeichnet, in der wir uns entschieden gegen die Vereinnahmung der Losung der Friedlichen Revolution wenden. Wir sind 1989 für die Beendigung der SED-Diktatur, für eine weltoffene, demokratische Gesellschaft auf die Straße gegangen. Es ist beschämend, wenn heute die Pegida diesen Ruf missbraucht, Fremdenfeindlichkeit und Hass auf die Straße trägt.

Sind Pegida und ihre Ableger in Leipzig, Rostock oder anderswo nicht auch der Aufschrei von zu kurz gekommenen Ostdeutschen, die nicht von der Einheit profitiert haben?

Nein, all denen geht es heute besser als vor 1989. Leider sind viele jedoch in der komplett abgeschlossenen DDR stehengeblieben. In der DDR wurde Anpassung verlangt. Und alle, die nicht der Norm entsprachen, Andersaussehende, Dunkelhäutige, Rocker, Punker oder Schwule, bekamen Probleme. All diese Versäumnisse wurden nicht aufgearbeitet. Diese Ressentiments sehe ich heute bei der Pegida wieder.

Aber der Internationalismus, die Freundschaft zu allen Völkern waren in der DDR offizielle Staatsdoktrin?

Ja, auf dem Papier und in Reden klang das so. Doch in der Praxis sah es häufig anders aus. Die DDR war im täglichen Leben ausländerfeindlich. Es gab kaum Erfahrungen mit Ausländern. Die in der DDR befristet arbeitenden Vietnamesen, Kubaner oder Mocambiquaner lebten kaserniert, private Kontakte wurden vermieden.

Was tun? Mit Pegida-Demonstranten reden?

Natürlich müssen wir reden. Wir müssen mit den aufrichtigen Menschen, die Unbehagen und Sorgen haben, ins Gespräch kommen. Das, was Stanislaw Tillich oder die Landeszentrale für politische Bildung begonnen haben, ist sehr wichtig. Aber mit Rechtsextremisten, Putinverstehern und anderen Unbelehrbaren, die nur Dampf ablassen wollen, hat es keinen Sinn zu reden.

Kurt Biedenkopf hat vor Jahren erklärt, in Sachsen sei kein Platz für Rechtsextreme und Ausländerfeinde. Ist in den letzten Jahren auf diesem Feld zu wenig getan worden?

Pegida und Co. sind keine rein sächsischen Phänomene. Wir brauchen überall Wachheit gegenüber den Feinden von Toleranz und Vielfalt. Vor allem brauchen wir menschliche Wärme im Umgang mit anderen.

Ärgert es Sie, dass die AfD die Nähe zu Pegida sucht?

Dass die AfD, die selbst gegen den Euro wettert und auf die nationalistische Karte setzt, von der Pegida profitiert, wundert mich überhaupt nicht. Ich sehe jedoch auch Anhänger der Linken bei den Pegida-Aufmärschen mitmachen.

Die Führung der Linken in Berlin und Dresden distanziert sich vehement von Pegida.

Offiziell schon, doch die aus der SED hervorgegangen Linke fährt schon immer zweigleisig.

Freya Klier: Wir letzten Kinder Ostpreußens - Zeugen einer vergessenen Generation; 448 Seiten; 22,99 Euro; Herder Verlag; ISBN 978-3-451-30704-1

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.01.2015

Reinhard Zweigler

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