Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Bücherboten: Wie Lesen in Dresden verbindet

Bücherboten: Wie Lesen in Dresden verbindet

Der Bücherhausdienst hat sich zu einem Paradebeispiel für Bürgerengagement entwickelt: Die Bibliotheken betreuen jetzt 83 Bücherboten, die ehrenamtlich zu Senioren und Kranken gehen, sie mit Lektüre versorgen.

Voriger Artikel
Sebnitzer OB bringt weiße Rosen nach Dresden
Nächster Artikel
Nächstes Jahr soll städtische Kita im Grundschlösschen in Mockritz in Betrieb gehen

Bücherbote Georg Krieger zeigt der 91-jährigen Elfriede Schleinitz die Bücher, die er diesmal für sie mitgebracht hat. Krieger ist selbst schon Rentner, wollte aber auch nach seinem Berufsleben noch etwas Sinnvolles tun - und meldete sich daher für das Ehrenamt.

Quelle: Christian Juppe

Mittlerweile gibt es sogar schon eine Warteliste fürs Ehrenamt. DNN-Redakteur Heiko Weckbrodt hat einen Bücherboten begleitet.

Klingelingeling: Rosamunde Pilcher und Arthur Conan Doyle stehen vor der Tür - in Gestalt von Georg Krieger. Der 66-jährige Ex-Hesse hat eine schwere Tasche voller Abenteuer per Bus und Bahn nach Striesen gebuckelt und breitet nun seine Literaturschätze auf dem Tisch von Elfriede Schleinitz aus. "Ich hab Mario Puzo mitgebracht", erzählt er seiner 91-jährigen "Kundin" mit einem verschmitzten Lächeln. "Da geht's um die italienische Mafia." Nein, von dem habe sie noch nie gehört, sagt die Seniorin und beginnt sofort, in der dicken Schwarte zu blättern.

Aber Krieger zieht schon seine nächste Empfehlung aus der Tasche: "Conan Doyle, Sie wissen schon, der mit dem Sherlock Holmes. Aber das hier ist kein Holmes-Krimi, da geht's um Dinosaurier." Die Seniorin ist gerührt: "Da haben Sie sich aber ganz schön abgeschleppt, Herr Krieger!"

Für Elfriede Schleinitz wäre es ein Unding, zwei Handvoll Bücher von der Bibliothek nach Hause zur "Schandauer" zu schleppen. Der Rollator mitten in ihrem Wohnzimmer spricht Bände - und die Schrankwand daneben nicht weniger: Eine prunkvolle Lexika-Reihe schimmert in güldenen Lettern aus dem Regal, daneben stehen Strittmatter, Alexandre Dumas und andere Klassiker.

Ganz oben grinsen zwei Schwarzweiß-Knaben aus ihren Rahmen. "Meine Söhne", sagt Schleinitz stolz. Beide sind längst selbst Rentner, längst ausgeflogen. Doch ins Heim will die Mutter, Großmutter und Urgroßmutter deshalb noch lange nicht. Sie schätzt ihr selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden. Und dazu gehört für sie eben auch Literatur.

Seit Sturz ist Bibliothek zu weit

Doch seit sie vor ein paar Jahren stürzte und sich zwei Knochen brach, ist die nächste Bibliothek für sie in weite Ferne gerückt. So zögerte sie nicht lange und bat die Bibliotheken um einen Bücherboten - und der überrascht sie in Person von Georg Krieger seit einem Jahr im Sechs-Wochen-Takt mit Büchernachschub.

Durch Dixie in Dresden verliebt

Die literarische Liaison erwies sich als Glücksgriff. "Mir gefällt dieses Ehrenamt sehr gut", sagt der ehemalige Banker aus Frankfurt/Main. Wie er ausgerechnet in Dresden Bücherbote wurde? "Ich war 2010 auf dem Dixieland-Festival in Dresden", erzählt er. "Da hat mir die Stadt so gut gefallen, dass ich zu meiner Frau gesagt habe: Komm, lass uns nach Dresden ziehen." Doch nur von seiner neuen Wohnung in Blasewitz aus die Elbe entlangzustreifen, war dem Krieger bald nicht mehr genug: "Als Rentner hatte ich plötzlich viel Zeit. Ich wollte noch etwas Sinnvolles tun, mir ein Ehrenamt suchen - und so habe ich mich für den Bücherdienst gemeldet."

Da war Krieger nicht der Einzige: Mittlerweile hat Bücherdienst-Koordinatorin Lena Schulz 83 Ehrenamtler in ihrer Kartei. "Die Jüngste bereitet sich gerade auf ihr Abi vor, der Älteste ist 80", sagt sie. Und die versorgen insgesamt 93 Leser, die nicht mehr so recht aus dem Haus können, mit Literatur. Auch in der Leserschaft ist das Spektrum breit: Die älteste Buchfreundin geht auf die 100 zu, der jüngste ist ein 30-Jähriger, der wegen multipler Sklerose nicht mehr in die Bibliothek gehen kann. "Meist entwickelt sich auch eine gute Beziehung zwischen Bücherboten und Leser, dieser soziale Kontakt ist für beide Seiten eine wichtige Motivation", meint die 25-jährige Bibliothekarin. "Zum Beispiel hat sich letztens ein Bücherbote mit ,seinem' Leser verabredet und ihn im Rollstuhl über den Weihnachtsmarkt geschoben - manche unternehmen eben neben den Bücherlieferungen auch etwas zusammen."

Pilcher versus Zola

Auch bei Krieger und Schleinitz ist es mit bloßem Bücherabladen selten getan. "Wir unterhalten uns oft noch eine halbe Stunde über dies und das", erzählt die 91-Jährige. "Wir kommen gut miteinander zurecht." Da macht es auch nichts, dass die literarischen Geschmäcker teils etwas auseinandergehen. "Ich bin gerade bei Balzac, durch Zola habe ich mich jetzt durchgelesen", sagt Krieger. "Pilcher ist nicht so mein Ding - aber bei meiner Auswahl richte ich mich natürlich danach, was Frau Schleinitz mag."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.02.2014

hw

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.