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Bonner Professor entschlüsselt den Dresdner Maya-Kodex und sagt den Weltuntergang ab

Bonner Professor entschlüsselt den Dresdner Maya-Kodex und sagt den Weltuntergang ab

Der Bonner Altamerikanist Prof. Nikolai Grube hat erstmals eine umfassende Übersetzung des Dresdner Maya-Kodex' angefertigt.

Dresden .

Dresden (DNN). Der Bonner Altamerikanist Prof. Nikolai Grube hat erstmals eine umfassende Übersetzung des Dresdner Maya-Kodex' angefertigt. Im Februar will er sie als Buch veröffentlichen - und wird damit all jenen, die aus den Maya-Überlieferungen einen drohenden Weltuntergang am 21. Dezember 2012 herauslesen wollten, eine Enttäuschung bereiten.

Von Heiko Weckbrodt

Die weit verbreitete Vorstellung, an diesem Tage ende der ewige Maya-Kalender und kündige die Apokalypse an, sei ein Missverständnis, sagt der 49-jährige Forscher gegenüber DNN. Und: "Die Maya waren Bauern und daher verwundert es nicht, dass in den Texten immer wieder von landwirtschaftlichen Katastrophen die Rede ist, die für Bauern apokalyptische Ausmaße annahmen. Aber niemals im Zusammenhang mit dem Datum 2012."

Der Dresdner Kodex ist einer von nur noch vier erhaltenen Handschriften der Maya. Deren Hochkultur dominierte etwa 1800 Jahre lang Mittelamerika, kollabierte allerdings schon vor dem Eintreffen der Spanier. Ein Großteil der oft reich illustrierten und mit einer eigenen Hieroglyphenschriftsprache versehenen Handschriften fiel dem Feuer der Inquisition zum Opfer. Übrig blieben vier Kodizes, die heute in Mexiko, Paris, Madrid und im Buchmuseum der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek (SLUB) Dresden verwahrt werden.

Der Kurfürstliche Bibliothekar Johann Christian Götze hatte solch ein "mexikanisches Buch mit hieroglyphischen Figuren" 1739 in Wien erworben. Zwischen 1887 und 1897 entzifferte der Dresdner Bibliothekar Ernst Wilhelm Förstemann den Kalenderteil der Maya-Handschrift - die Textteile blieben jedoch in großen Teilen ein Geheimnis.

Grube, der bereits seit seiner Kindheit von jener rätselhaften Schrift fasziniert war, beschäftigt sich bereits seit Jahrzehnten mit dem Maya-Kodex. In den vergangenen Monaten fertigte er nun die nahezu komplette Übersetzung an - auch wenn sich einige der Laut- und Silben-Hieroglyphen noch dem vollen Verständnis der Wissenschaft entziehen

Demnach beschäftigt sich der Kodex zunächst mit der Götterwelt der Maya und geht dann auf die spezielle Beziehung zwischen Frauen und der Mondgöttin ein. Auch listet er für 104 Jahre im Voraus die Phasen des Planeten Venus auf sowie die Marsbewegungen. Wenn oft behauptet wird, die Maya hätten solche astronomischen Bewegungen über Jahrtausende vorab hochpräzise berechnet (gern von Ufologen als Beleg für Alien-Technologie angeführt), so stimmt das auch nicht: "Die Bewegungen der Venus sind recht unregelmäßig, daher kamen die Maya nur auf Näherungswerte", unterstreicht der Altamerikanist. Dann folgen Tabellen über zu erwartende Mond- und Sonnenfinsternisse. "Diese Konstellationen galten den Maya als unheilvoll, als Vorzeichen für Gewalt und Unglück", erklärt Grube den breiten Raum, den solche astronomische Listen einnehmen.

Nun folgen vier Seiten mit Neujahrsritualen, auf denen zum Beispiel beschrieben wird, welchem Gott welches Jahr gewidmet war, welche Götterstatuen daher aus dem Tempel herausgetragen und welche in die Stadt gebracht werden mussten. Auch diese Seiten sind ein Beispiel dafür, wie schnell man bei zu viel Endzeit-Eifer fehlinterpretieren kann: Hier ist eben nicht von einer Wiederkehr der Götter vom Himmel, sondern von Götterstatuen die Rede.

Daran schließt sich ein Almanach an, der die verschiedenen Manifestationen des Regengottes und die Opfer, die er verlangt, beschreibt und die Regenzeiten voraussagt. "In Mittelamerika gab es oft tropische Stürme und Erdrutsche, die für die bäuerlichen Maya apokalyptischen Züge hatten", betont Grube. "Für die Landwirtschaft der Maya war es essenziell, die günstigen Saat- und Erntezeiten zu kennen." Auf diesen Flut- und Regenabschnitt bezieht sich auch eine Schlüsselseite für die Weltuntergangsfans: Der Dresdner Kodex endet mit einer schreckensreichen Bild, auf dem die Göttin O und ein himmlischer Drachen eine große Flut darniederschicken "Das hat aber nichts mit 2012 zu tun, sondern ist Teil des Abschnittes über Naturkatastrophen", sagt Grube.

In der Gesamtschau ist der Forscher überzeugt, dass der Kodex als eine Art Riten-Handbuch für oder von einem alten Maya-Priester angefertigt wurde. Als Entstehungszeit ist das 13. oder 14. Jahrhundert unserer Rechnung anzunehmen. Einige Elemente sind Abschriften von Texten, die noch 700 Jahre älter sind. Insgesamt enthält die Handschrift 39 doppelseitig beschriebene Blätter, die aus Amate gefertigt wurden, einem aus Feigenbast hergestellten papierähnlichen Material.

Als Zahlensystem verwendeten die Maya Strich-Punkt-Kombinationen auf der Basis 20 (der Mensch hat zehn Finger plus zehn Zehen). Ihr astronomischer Kalender beruhte auf einem 20-Tage-System, in der Langzählung hatte eine Datumsangabe fünf Stellen. Am 21. Dezember 2012 unseres Kalenders tritt nach dieser Rechnung wieder das Datum 13.0.0.0.0 ein, mit dem die Maya - denen die 13 als religiös wichtige Zahl galt - ihren Kalender wohl rückwirkend als Anbeginn der Schöpfung beginnen ließen. Ausgeprägt endzeitliche Erwartungen, wie sie in anderen Religionen (zum Beispiel Offenbarung des Johannes, Sonnenzerstörung der Azteken, Ragnarök der Germanen), finden sich aber in den Maya-Schriften nicht und sind auch nicht mit bestimmten Kalenderdaten verbunden.

Die neue Übersetzung Grubes soll im Februar 2012 unter dem Titel "Der Dresdner Maya-Kodex" mit einer vollständigen Farb-Reproduktion der Handschrift erscheinen und sich an eine breite Öffentlichkeit und nicht nur Fachleute wenden. Zeitgleich plant SLUB-Generaldirektor Prof. Thomas Bürger eine Ausstellung, die die Geschichte des Dresdner Kodex' beleuchten soll, im Mai soll sich eine Tagung der 20 wichtigsten Maya-Forscher in Dresden anschließen. "Und wir planen noch weitere Veranstaltungen im kommenden Jahr, um diesen wunderbaren Kodex bekannter zu machen", kündigte Bürger an.

Weitere Infos im Netz: computer-oiger.de, Schatzkammer im Buchmuseum Dresden, Zellescher Weg 18, Mo.-Fr., 10-17 Uhr www.slub-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.11.2011

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