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Blutdruck auf Talfahrt: Im Herzzentrum Dresden können Experten Hypertonie ohne Medikamente senken

Blutdruck auf Talfahrt: Im Herzzentrum Dresden können Experten Hypertonie ohne Medikamente senken

Hoffnung für alle Bluthochdruckpatienten: Mit dem neuen Verfahren der Nierennerven-Ablation ist es möglich, den Blutdruck von Patienten, bei denen Medikamente nicht genügend wirken, dauerhaft zu senken.

Hoffnung für alle Bluthochdruckpatienten: Mit dem neuen Verfahren der Nierennerven-Ablation ist es möglich, den Blutdruck von Patienten, bei denen Medikamente nicht genügend wirken, dauerhaft zu senken. Das Dresdner Herzzentrum bietet die neue Methode - neben einem Krankenhaus in Leipzig - als einzige Klinik in Sachsen an. Es gibt nur ein Problem: Die Krankenkassen wollen nicht zahlen.

Von Katrin Tominski

Rolf Jahn hat sein karminrotes Hemd übergezogen. Für das Foto wollte er schick sein, raus aus den Krankenklamotten. Rein in ein gesünderes Leben. Das ist seine Hoffnung: wieder richtig leben zu können. Ohne ein ständiges Infarktrisiko. Ohne den Schlaganfall im Nacken. Ohne die Angst auf den Fersen. Rolf Jahn hat einen durchschnittlichen oberen Blutdruckwert von über 200. Das ist nicht nur gesundheitsschädigend, sondern lebensbedrohlich. Von einem Moment auf den anderen kann sein Leben vorbei sein. Abrupt beendet durch einen Infarkt oder einen Hirnschlag.

Um das Risiko zu mindern, muss er Medikamente nehmen. Insgesamt sieben verschiedene Pillen schluckt Jahn mehrmals am Tag. Die Nebenwirkungen sind unter anderem Nierenunterfunktion, Impotenz, Lymphödeme, Hitzewallungen und ständiges Wasserlassen. Damit Rolf Jahn mit seinen Tabletten nicht durcheinanderkommt, hat er sich eine kleine Excel-Tabelle gebastelt, die er auf einem Stück Papier in seinem Portemonnaie immer bei sich trägt. Wie zum Beweis nestelt er den Zettel aus seiner schwarzen Geldbörse heraus und faltet ihn auseinander.

Wenn alles gut läuft, kann er bald ein paar Pillen streichen. Dafür muss er sich jedoch gedulden, bis die neue Operationsmethode, die das Herzzentrum anbietet, langfristig eine Wirkung zeigt. "Bei 80 Prozent der Patienten sinkt der Blutdruck dauerhaft", erklärt Professor Ruth Strasser, Direktorin des Herzzentrums Dresden. Mit der neuen Methode sei eine Reduzierung des oberen Blutdruckwertes um über 30 Millimeter-Quecksilbersäule (mmHg) möglich. Das schaffe kein einziges Medikament. "Die Pharmafirmen laufen Sturm, wenn sie Tabletten haben, welche die Werte um 8 mmHg senken können."

Im vergangenen November stellten Forscher das Verfahren auf dem Kongress der "American Heart Association" in Chicago vor. Das Dresdner Herzzentrum operiert laut Strasser bereits seit vergangenem Sommer. Insgesamt 20 Patienten wurden bislang behandelt. Die Nachfrage ist steigend.

Doch was passiert bei dem neuen Verfahren? Wie ist es den Ärzten möglich, den Blutdruck mit einer einzigen Operation zu senken? "Die Methode basiert auf der Erkenntnis, dass der Bluthochdruck sehr stark durch eine Aktivierung des sympathischen Nervensystems bedingt ist", erklärt Strasser. "Durch die Ausschüttung von Hormonen wird der Mensch in Alarmbereitschaft versetzt. Dadurch erhöhen sich Blutdruck sowie Herz- und Atemfrequenz."

Was liegt also näher als die Nervenenden zu veröden - also für Reize unempfindlich zu machen? Bei dem neuen Verfahren schieben die Experten über einen kleinen Einschnitt in der Leiste einen Katheter bis zur Nierenarterie vor. Kurz vor der Niere bestrahlt der Arzt die an der Gefäßwand anliegenden Nerven an sechs bis acht Punkten mit Hochfrequenzstrom. Bei Temperaturen bis zu 65 Grad werden die Nervenfasern zerstört. Allerdings entstehen durch die Hitze an der Wand der Arterie kleine Brandflecken. "Damit die Nierenarterie nicht schrumpft und das Gefäß verengt, dürfen die einzelnen Punkte nie ringförmig angeordnet werden", erklärt Strasser. Die sogenannte Ablationslinie ziehe sich deswegen spiralförmig auf einer Länge von vier Zentimetern einmal um das Blutgefäß.

Die Direktorin bezeichnet die Methode als "bahnbrechend". Trotzdem ist sie nicht ganz zufrieden. Jeden einzelnen Punkt an der Gefäßwand muss die Ärztin in filigraner Kleinstarbeit mit dem Katheter suchen. Ginge es nach ihr, würde ein computergestütztes Gerät die einzelnen Punkte über eine spezielle Programmierung selbst finden.

Strasser schwebt eine bessere Version vor, die preisgünstiger ist. Denn die Krankenhäuser haben ein ernsthaftes Kostenproblem. Weil das Verfahren neu ist und bislang wenige statistische Daten über deutsche Patienten existieren, verweigern die Kassen bislang die Finanzierung des etwa 4500 Euro teuren Eingriffs. "Die Operationen sind ein Minusgeschäft", sagt Strasser. "Das Herzzentrum legt den Fehlbetrag bei jedem Eingriff drauf."

Sie hofft, dass sich das ändert. Denn der Bedarf sei enorm. Laut einer aktuellen US-Studie würden bei 8,9 Prozent aller Bluthochdruckpatienten in den USA keine Medikamente wirken. Für etwa neun Millionen US-Amerikaner käme das neue Verfahren in Frage. In Relation zur Bevölkerung verhalte sich die Zahl der potenziellen Patienten in Deutschland ähnlich. "Bluthochdruck ist zur Zivilisationskrankheit geworden", erklärt Strasser. Die größte Gefahr sei Arteriosklerose, die durch überhöhten Blutdruck entstehen kann und zu Infarkten und Hirnschlägen führt. Experten zufolge ist die Arterienverkalkung die häufigste Todesursache in den westlichen Industrienationen.

Der 76-jährige Rolf Jahn zupft sich derweil sein Hemd zurecht. Er wirkt erleichtert, als er die Entlassungspapiere unterschreibt. Sein oberer Blutdruckwert ist bereits während der Operation von 220 mmHg auf 160 mmHg gesunken. Ein kleines Wunder. In den nächsten drei Monaten müssen die Ärzte in den Nachuntersuchungen prüfen, auf welchem Niveau sich die Werte einpegeln. Bleiben sie niedrig, könnte Rolf Jahn peu à peu auf einige Medikamente verzichten. Nach über 40 Jahren mit Bluthochdruck wäre das ein enormer Fortschritt für den Patienten aus Riesa.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.03.2012

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