Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 6 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Billigere Konkurrenz durch Teiglings-Stationen: Bäcker in Dresden stehen unter Druck

Billigere Konkurrenz durch Teiglings-Stationen: Bäcker in Dresden stehen unter Druck

Die Bäcker im Raum Dresden stehen durch die billigere Konkurrenz der großen Teiglings-Backketten und hohe Energiekosten unter wachsendem Druck. Als Antwort bauen sie teils eigene Filialnetze auf, erweitern ihr Produktportefeuille, verkaufen längst nicht mehr nur Brot, Brötchen und Kuchen.

Voriger Artikel
Dresdner Bobschlitten-Hersteller "Bobmanufaktur" wird geschlossen
Nächster Artikel
Gott ist auch in der Manege - Dresdner Weihnachtszirkus feiert Gottesdienst im Zelt

Wollen sich mit echter Qualitätsware gegen Teiglings-Backketten durchsetzen: Wie hier im "Dresdner Backhaus" befeuchten die Bäcker ihre Brote noch per Hand, bevor sie in den Ofen kommen.

Quelle: Carola Fritzsche

Teilweise wälzen die Meister ihre wirtschaftlichen Probleme aber auch auf Mitarbeiter und Kunden ab, kritisieren Gewerkschaftler, die auf niedrige Löhne und fehlende Tarifverträge verweisen.

Samstagnachmittag in einem großen Supermarkt: Zwischen Joghurt-Kühlregal und Dosensuppen drängen sich die Einkaufswagen vor Plexiglas-Boxen voller Brötchen, abgepackten Kuchen und Brot im Plastebeutel. Ein älteres Paar schiebt sich an die Selbstbedienungstheke. Er: "Lass uns oben zum Bäcker gehen, da schmecken die Brötchen besser." Sie antwortet: "Dann guck mal auf die Preise" - und greift zur Brötchenzange. Kein Einzelfall, wie Volkmar Heinrich vom Dresdner Zweig der Gewerkschaft "Nahrung, Genuss und Gaststätten" (NGG) meint: "Die Leute kaufen heute viel stärker nach dem Preis als früher und zwar längst nicht mehr nur die Geringverdiener", ist er überzeugt. "Schauen Sie sich mal an einem gewöhnlichen Tag bei Aldi in Striesen um: Da fahren die Kunden teilweise mit dem Mercedes vor."

Computeröfen brauchen keine echten Bäcker

Und diese "Geiz ist geil"-Mentalität bekommen besonders die lokalen Bäcker zu spüren, sehen sie sich doch wachsender Konkurrenz durch große Backketten ausgesetzt, die Teiglinge in großen Fabriken in Deutschland, teils wohl auch in Osteuropa und Asien vorfertigen. Diese Teiglinge streuen sie dann über große Distanzen tiefgefroren in den Supermärkten, wo dann eben keine gelernten Bäcker mehr nötig sind, um die computergesteuerten Öfen zu bedienen - ein paar Knopfdrücke, und aus dem Tiefkühl-Teigling ist ein Brot oder ein Brötchen geworden. "Diese Backstationen haben ganz andere Margen als wir, mit deren Preisen können wir einfach nicht mithalten", meint Konditor Tino Gierig vom "Dresdner Backhaus".

Diese Konkurrenten der lokalen Handwerker haben nicht nur den Kostenvorteil der Massenproduktion auf ihrer Seite, sondern vermeiden auch - soweit sie die Teiglinge außerhalb Deutschlands fertigen - die hohen deutschen Energiepreise. Die aber sind in einer Branche, die sich ganz um stromgetriebene Öfen dreht, entscheidend für Endverbraucher-Preise. "Die Bäcker werden immer mehr in die Zange genommen: durch die Teiglings-Ketten mit ihrer industriellen Fertigung, Ökosteuer, EEG-Umlage und die steigenden Rohstoffkosten, denn durch den geförderten Rapsanbau wird auch weniger Getreide geerntet", schätzt Handwerkskammer-Präsident Jörg Dittrich ein.

Folge: Kostet das Brötchen am Supermarkt-Stand oft nur zehn bis 15 Cent, sind es beim Bäcker eher 20 bis 25 Cent, beim Mischbrot stehen zirka 1,50 Euro am Marktregal gegen 2,50 bis 2,80 Euro beim Innungsbetrieb - mancherorts ist das Bäckerbrot sogar doppelt so teuer wie an der Teiglings-Station. Hinzu kommt, dass nicht allein Geiz die Kunden zu den Supermarktständen treibt: Weil viele Bäcker bewusst auf Konservierungsmittel verzichten und - anders als im Dauerbetrieb eines Supermarkts - oft nur bis Mittag backen, empfinden viele Konsumenten das Supermarkt-Brot nachmittags und abends als frischer. Unterm Strich haben daher mehrere große Supermarkt-Ketten begonnen, die lokalen Bäcker aus den Vorkassen-Bereichen herauszukomplimentieren, wie "Bärenhecke"-Genossenschaftschef Gerald Seifert berichtet. "Ich hoffe nur, die Leute kommen wieder zur Besinnung und würdigen wieder echte Qualitätsware", ärgert er sich.

Die Bäckermühle aus dem Müglitztal gehört zu jenen Betrieben, die auf die Herausforderung der Teiglings-Ketten mit dem Aufbau eines eigenen Filialnetzes geantwortet haben.

Stollenexport und kleinere Brötchen

Allein in Dresden ist die "Bärenhecke" mit elf Filialen vertreten. Auch hat die Genossenschaft ihr Produktportefeuille ständig ausgebaut, "Torten im Glas" und Kaffeespezialitäten ins Programm genommen, sich erfolgreich darum bemüht, dass Reisebusunternehmen regelmäßig Touristen zum Stammsitz an der Müglitz kutschieren.Ähnlich filialisiert hat sich die Bäckerei Wippler - "die haben den ganzen Elbhang als ihr Absatzgebiet erschlossen", meint Wirtschaftsbürgermeister Dirk Hilbert (FDP). Für viele Bäcker im Raum Dresden ist zudem der Stollenexport zu einem wichtigen wirtschaftlichen Standbein geworden. Denn im Spezialitäten-Versand können die Handwerker ein größeres Publikum erreichen und höhere Preise erzielen als im "Brot- und Brötchen"-Tagesgeschäft vor Ort. Andere haben ein breites Imbiss-Angebot aufgebaut, wieder andere sich auf exotische Backwaren spezialisiert. Und obgleich in diesem Punkt der Nachweis schwierig ist: Einige Bäcker tricksen anscheinend auch am Kunden, um ihre gestiegenen Kosten aufzufangen. Uns jedenfalls liegen Berichte von Dresdnern vor, laut denen manche Bäckerei ihre Brötchen Jahr für Jahr verkleinert - um den Preis stabil zu halten.

Schuften für 4,50 Euro die Stunde

Allerdings sind nicht alle in der Zunft überzeugt, dass der Auffächerungs-Kurs der richtige Weg ist. Der Dresdner Innungs-Obermeister Henry Mueller zum Beispiel kann seine Kollegen nur warnen, sich in den Vorkassen-Zonen der Supermärkte einen Preiskampf mit den Teiglings-Ketten zu liefern. "Wir sollten uns lieber die Frage stellen: Wo liegt unsere Kernkompetenz?", argumentiert er. "Die sehe ich bei Brot, Brötchen und Kuchen mit Qualität."

Ähnlich wie Hilbert setzt der Obermeister daher auf Aufklärung - den Dresdnern müsse klar gemacht werden, das Qualität eben auch ihren Preis hat. Image-Kampagnen, Filialisierung, Export und breiteres Angebot sind indes nur eine Seite der Medaille: "Viele Bäcker versuchen, ihr unternehmerisches Risiko auf ihre Angestellten abzuwälzen", kritisiert NGG-Gewerkschafter Heinrich. "Denen wäre es am liebsten, ihre Leute per Umsatzbeteiligung zu bezahlen." Und die Entlohnung in der Branche ist schon jetzt nicht üppig: Seit 2007 gibt es keinen gültigen Tarifvertrag mehr im Dresdner Bäckereigewerbe, alle Vorstöße der Gewerkschaften in diese Richtung blieben bisher erfolglos, wie Markus Schlimbach vom "Deutschen Gewerkschaftsbund" (DGB) in Dresden berichtet. Laut unseren Recherchen werden teils auch in namhaften Bäckereien Verkäuferinnen und manchmal sogar ausgelernte Gesellen mit Stundenlöhnen zwischen 4,50 und 6,10 Euro abgespeist. Nur zur Erinnerung: Die große Koalition in Berlin hat sich gerade erst auf einen deutschlandweiten Mindestlohn von 8,50 Euro verständigt.

Jugend verweicheiert

Mit diesem Stundensatz als Orientierung wollen auch die Gewerkschafter nun in neue Verhandlungen mit den Bäckern gehen - und sehen bei einigen Betrieben Gesprächsbereitschaft. Ein Grund dafür verortet Gewerkschaftler Heinrich im Nachwuchsproblem: "Backen ist eine anstrengende Arbeit. Man muss früh aufstehen, dazu haben immer weniger Jugendliche Lust", meint er. Innungs-Obermeister Mueller spricht gar von einer "Verweich-Eierung" der Jugend. Ein neuer Tarifvertrag mit höheren Löhnen könnte da für ein attraktiveres Berufsbild sorgen.

Tarifverhandlungen drehen sich im Kreis

Zudem hoffen die Innungsbetriebe, durch einheitliche Mindestlöhne via Tarifvertrag den ruinösen Preiskampf mit den Billiganbietern abwürgen zu können. Ja, dies würde zu höheren Brötchen-Preisen führen, bestätigt Obermeister Mueller. Er ist aber überzeugt, dass es genug Dresdner gibt, die dies in Kauf nehmen würden, um Arbeitsplätze vor Ort zu sichern.

Freilich funktioniert diese Idee nur, wenn alle mitmachen - und das ist nicht absehbar. Denn nur noch etwa zwei Drittel der Bäckereien sind Innungs-Mitglieder. Ein Tarifvertrag zwischen Gewerkschaften und Innung würde für diese Betriebe nur gelten, wenn das sächsische Wirtschaftsministerium diesen Kontrakt als "allgemeinverbindlich" erklärt. Die Innungsmeister wollen daher nur einen Tarifvertrag abschließen, wenn die Allgemeinverbindlichkeits-Erklärung sicher wäre, das Ministerium wird dies aber vor einem Tarif-Abschluss noch nicht einmal prüfen. Zudem sind Gewerkschaften wie Bäcker skeptisch, ob ein FDP-geführtes Wirtschaftsministerium solch eine Marktregulierung gutheißen wird. "Wir drehen uns im Moment etwas im Kreis", räumt NGG-Vertreter Heinrich ein.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.12.2013

Heiko Weckbrodt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
23.09.2017 - 18:36 Uhr

Der frühere deutsche Meister kann seine besten Chancen nicht nutzen und bleibt Tabellenletzter in der Landesklasse Ost.

mehr
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.