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"Behindertenfeindlichkeit darf nicht salonfähig werden" - Gastbeitrag von Julia Probst zum Fall Hartung

"Behindertenfeindlichkeit darf nicht salonfähig werden" - Gastbeitrag von Julia Probst zum Fall Hartung

Sachsens AfD-Vize und Landtagskandidat Thomas Hartung spricht Menschen mit Trisomie 21 die Fähigkeit ab, den Beruf eines Lehrers ausüben zu können.

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Julia Probst

Quelle: Martin Förster

Seine extrem behindertenfeindliche Äußerung auf seiner Facebookseite empört Menschen aus ganz Deutschland: „Was sagt uns das: Sei nur blöd genug, reise in der Welt herum, die Dummen wenden sich schon ganz allein dir zu. Er kam im andalusischen Malaga zur Welt mit Down Syndrom. Jetzt will er Lehrer werden. Wo soll das hinführen, wenn es als normal gezeigt wird?“

Angehängt war ein Artikel über den Spanier Pablo Pineda vom 21.März 2009. Pablo Pineda ist kein Einzelfall eines Menschen, der mit einem Down Syndrom einen Universitätsabschluss schafft und als Lehrer tätig ist. Er ist vielmehr der Wegbereiter gewesen, der die Betondecke für Menschen mit Trisomie 21 durchbrochen hat. Und ich hoffe, dass ihm noch viele andere nachfolgen werden. Es gibt neben ihm weitere Leuchttürme: In den USA bekam Karen Gaffney den Ehrendoktortitel einer Universität überreicht. Bekannt wurde sie unter anderem durch die Goldmedaillen bei den Special Olympics und der Gründung der „Karen Gaffney Foundation“.

Ihr Geld verdient sie unter anderem als Motivationsrednerin. Motiviert ist auch AfD-Vize Hartung. Vom Gegenwind seines Beitrags befeuert, legte er auf Facebook trotzig noch eine Schippe oben drauf: „Ich stelle fest: ich spreche einem Menschen mit Trisomie 21 die Befähigung ab, in Deutschland den Hochschulberuf eines Lehrers zu ergreifen, und gebe kund, dass ich als Nichtbehinderter von einem solchen nicht unterrichtet werden möchte.“An dieser Stelle möchte ich Herrn Hartung zum wiederholten Male mitteilen, dass es in Deutschland bereits seit Jahren einen Lehrer mit Trisomie 21 an der Montessori- Schule in Starnberg gibt, welcher Englisch unterrichtet. Tobias Wolf machte seinen High-School-Abschluss in den USA und ist außerdem Autor für das Magazin „Ohrenkuss“ für und mit Menschen mit Trisomie 21. Es würde mich nicht wundern, wenn dessen Englischkenntnisse weit über den Englischkenntnissen von Herrn Hartung liegen würden. Die Schüler jedenfalls lieben seinen Unterricht.

Als Pädagoge sollte Herr Hartung wissen, dass gerade Kinder von Inklusion, egal welcher Art, profitieren.Es gibt weitere Beispiele, die Herrn Hartungs Einschätzung widerlegen. In Italien beendete kürzlich Guisi Spagno, eine Studentin mit Trisomie 21, ihr Studium an der Universität von Palermo. Seit fast einem Jahr gibt es mit Ángela Covadonga Bachiller Guerr in Spanien eine Stadträtin mit Trisomie 21! Was sagt uns das? Menschen mit Behinderung können genau die gleichen Abschlüsse und die gleichen Positionen wie Nichtbehinderte erreichen und Nichtbehinderten Wissen vermitteln mit entsprechender Förderung und gelebter Inklusion.Mich würde es freuen, wenn man künftig z.b. Rollstuhlfahrer und andere Menschen mit Behinderungen, aber auch mehr Menschen mit Migrationshintergrund im Lehrerberuf sieht. Das Ziel der UN-Behindertenrechtskonvention ist, dass Inklusion so normal wird, dass wir gar nicht mehr darüber sprechen, weil wir es uns gar nicht mehr anders vorstellen können.

Menschen mit Behinderungen sind so verschieden wie Nichtbehinderte auch. Eine Welt voller Ausgrenzung und ohne Erfahrungen durch die Inklusion wird uns in paar Jahren entsetzlich grau vorkommen. Das alles kann sich Herr Hartung nicht vorstellen. Ich wurde auf Facebook von ihm angesprochen aufgrund meines Kommentars: „Sie sind also der Meinung, dass Menschen mit Behinderungen keine Lehrer sein dürfen, weil diese in Ihren Augen keine Vorbildfunktion haben können? Ihre so tolle Argumentation könnte man auch auf Menschen mit Migrationshintergrund übertragen. Oder ausdrücklich auf Schwarze.“

Daraufhin teilte er mir mit, dass er wenig Sympathie empfinde für Leute meines Schlages und erläuterte mir noch weiterhin folgendes: „Ein Lehrer mit der Mehrfachbehinderung „Down-Syndrom“ in Deutschland wäre, selbst wenn er, was sehr fraglich ist, einen pädagogischen Hochschulabschluss  erlangte, wegen artikulatorischer Defizite, vor allem aber wegen der längeren Zeit, die er zur Vermittlung von Inhalten benötigt, nicht in der Lage, sein vom Schulamt aufgegebenes Pensum zu bewältigen. Ein Sportlehrer ist auch nicht unbedingt befähigt, bei einem belletristischen Verlag als Lektor eines Fußballromans zu arbeiten.“  

Herr Hartung hat  wie viele andere in der AfD offenbar ein ganz großes Problem mit Menschen mit Behinderungen, denn ich bin seit meiner Geburt gehörlos. Und auch ich hatte im August 2013  in Berlin ein behindertenfeindliches Erlebnis mit der AfD. Ich saß mit meinen gehörlosen Freunden im Garten zur Straße hin und wir unterhielten uns in Gebärdensprache. In dem Moment liefen Flyerverteiler der AfD an uns vorbei und meinten mit abfälligen Blick auf uns: „So was hätten wir früher ja vergast.“   Ein weiteres Problem an dieser Stelle ist die scheinbare, aber nicht totale Distanz der AfD zu der behindertenfeindlichen Haltung des Herrn Hartung, wenn man sich die Pressemitteilung von AfD-Sachsen-Chefin Frauke Petry ansieht. Auf Facebook hat sie ihn nämlich mit den Worten kritisierte:   „Thomas – wann ist endlich Schluss mit dieser Diskussion??? Gib einfach zu, dass Du verbal total danebengehauen hast. Ich dachte, wir hatten das geklärt!!!!!“

Aha. Laut Frauke Petry hat Thomas Hartung verbal danebengehauen, aber inhaltlich lag er richtig?! Die AfD lässt mich mit ihrer Haltung an eine ganz dunkle braune Zeit in Deutschland denken, wo Menschen mit Behinderungen als minderwertig und unproduktiv angesehen wurden.

Das ist nicht mein Deutschland. Mein Deutschland ist vielfältig, bunt und inklusiv.

Ich begrüße es sehr, dass die TU Dresden sich deutlichst von den Äußerungen von Herrn Hartung distanziert hat und die Prüfung der Konsequenzen eingeleitet hat.   An dieser Stelle kann man Herrn Hartung ein paar Fähigkeiten absprechen: Die Fähigkeit  überhaupt weiterhin als freier Dozent für Journalismus und Medienproduktion an der TU Dresden und anderen Hochschulen tätig sein zu können, wenn er nicht mal die simplen Grundlagen des Journalismus aus dem Effeff beherrscht und recherchieren kann, wie die Realität wirklich aussieht.

Die Realität ist nämlich: Behindertenfeindlichkeit, Rassismus und andere Arten von Diskriminierungen stehen keiner Gesellschaft gut zu Gesicht. Lasst uns die Gesellschaft hin zur Inklusion ändern mit den Worten von Pablo Pineda: »Für mich gibt es zwei Konzepte: Das Konzept der Angst und das Konzept der Liebe. Und wenn wir bis jetzt mit dem Konzept der Angst gelebt haben, wird es Zeit, dieses zu verlassen.« (Pablo Pineda Ferrer)

Bei Menschen mit Down-Syndrom ist das Chromosom 21 dreifach anstatt wie üblich zweifach, in jeder Zelle vorhanden, weswegen der medizinische Begriff auch Trisomie 21 lautet. Betroffene sind so unterschiedlich wie alle anderen Menschen auch – bei einigen kann/können die körperlichen Ausprägungen stärker sein, auch kann die Intelligenz deutlich eingeschränkt sein – muss aber nicht!

Julia Probst ist Bloggerin und setzt sich seit Jahren für mehr Akzeptanz für Behinderte ein. Für die Ausgabe vom 18.5.2012 war sie DNN-Gastchefredakteurin.

Julia Probst

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