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Auszeit von Mama und Papa: Notdienst in Dresden nimmt viele Kleinkinder in Obhut

Auszeit von Mama und Papa: Notdienst in Dresden nimmt viele Kleinkinder in Obhut

Der Geburtenboom in Dresden hat seine Schattenseiten. Im Haus vom Kinder- und Jugendnotdienst des Dresdner Jugendamtes stranden immer mehr Babys und Kleinkinder, die auf Grund von extremen Krisensituationen von ihren Eltern getrennt werden mussten.

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Ein zweijähriges Kind lebt übergangsweise beim Kinder- und Jugendnotdienst.

Quelle: Carola Fritzsche

"Wir haben derzeit sehr viele Kleinkinder in der Inobhutnahme. In der familiären Bereitschaftsbetreuung für Kinder unter sechs Jahre sind alle 18 Plätze belegt", erklärt der Leiter des Kinder- und Jugendnotdienstes, Ralf Klawitter. 24 Kleinkinder sind derzeit wegen Kindeswohlgefährdung in Obhut genommen worden. Das heißt, sie sind vorübergehend in einem geschützten Lebensraum untergebracht, bis sich die Verhältnisse in der Familie wieder stabilisiert haben oder eine andere Betreuungsmöglichkeit gefunden ist.

Während 14 Sozialpädagogen die größeren Kinder und Jugendlichen im Haus des Kinder- und Jugendnotdienstes im Schichtsystem betreuen, kommen die Kleinsten in der Regel zu Pflegefamilien, wo sich ein und dieselbe Bezugsperson um sie kümmern kann. Zur Zeit sind aber auch Zweijährige im Haus untergebracht. Die hohe Zahl an Kleinkindern liegt laut Klawitter neben dem Geburtenboom in der Stadt unter anderem an der größer werdenden Drogenproblematik. So gibt es immer mehr junge Mütter, die von der synthetischen Droge Crystal abhängig sind und den Absprung nicht schaffen (DNN berichteten). Die Aufnahme von Kleinkindern geht dem Leiter des Kinder- und Jugendnotdienstes besonders nah. Während für die Größeren der kurzzeitige Abstand zu den Eltern oft eine Entlastung ist, ist die Trennung für Kleinkinder besonders schwer. "Zweijährige bekommen mit, dass etwas Gravierendes passiert, aber sie können es noch nicht verstehen", so Klawitter.

Im vergangenen Jahr wurden 498 Mädchen und Jungen aus den Familien genommen, wobei ein Viertel der Minderjährigen selbst um Asyl gesucht hatte. "Die Tendenz ist steigend", sagt Klawitter. Man habe bereits zum jetzigen Zeitpunkt mehr Inobhutnahmen als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Statistik führt als häufigste Gründe für eine Inobhutnahme die Überforderung der Eltern (39 Prozent) und Beziehungsstörungen (30 Prozent) an. Danach folgen Vernachlässigung (zwölf Prozent), Misshandlung (acht Prozent) und an letzter Stelle der sexuelle Missbrauch (vier Prozent). Wobei sich die Gründe auch überschneiden können.

Rund 1700 Mal wurde das Jugendamt 2012 über einen Verdacht auf Kindeswohlgefährdung informiert. 85 Prozent der Familien, zu denen das Amt eine Mitteilung erhielt, bekamen zu dem Zeitpunkt keine Hilfen zur Erziehung. Ein hoher Prozentsatz der Familien war dem Amt nicht mal bekannt. Daraus kann man laut Evelin Hipke-Schulz vom Dresdner Jugendamt ableiten, dass dieses Meldesystem einen wichtigen Zugang zum Jugendamt und damit zum Hilfesystem darstellt. "Es gibt eine gewisse Scheu, Leute von außen in die eigene Familie reinschauen zu lassen", sagt Hipke-Schulz. Dabei unternehme man in erster Linie alles, um das Kind in der Familie zu lassen. Lassen sich überlastete Familien frühzeitig helfen, kommt es somit gar nicht erst zur Eskalation. "Eine große Bedeutung kommt dabei den so genannten 'Frühen Hilfen' zu, also der Unterstützung von werdenden Eltern und Eltern mit Kindern bis zum dritten Lebensjahr, zum Beispiel durch Familienhebammen", so Hipke-Schulz.

Das Jugendamt sucht dringend Pflegefamilien, die sich für eine Bereitschaftsbetreuung entscheiden. Das ist keine leichte Aufgabe, schließlich muss man die Stärke haben, sich von dem Pflegekind auch wieder trennen zu können, und des Weiteren während der Betreuung den Kontakt mit den Eltern halten. "Und man braucht viel Kraft für die oft schwierigen Kinder", gibt Klawitter zu Bedenken.

Durchschnittlich bleiben die Kinder zwei Wochen in den schützenden Wänden des Notdienstes. Kleinkinder werden im Schnitt zwei Monate betreut, bevor die Verhältnisse so stabil sind, dass sie in ihre Familie können. Oft verlängern jedoch zähe Gerichtsentscheidungen den vorübergehenden Aufenthalt. So wohnen mittlerweile zwei Kinder schon ein Jahr lang im Kinderschutzhaus. "Das ist das längste, was ich bisher erlebt habe", sagt Ralf Klawitter.

Interessierte für die Bereitschaftspflege können sich rund um die Uhr beim Kinderschutznotruf unter Tel. 275 40 04 melden oder eine E-Mail an kinderschutz@dresden.de schreiben.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.07.2013

Arndt, Madeleine

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