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Aufbruch mit Landnahme - Gemeinde im Neubaugebiet: Vor 20 Jahren wurde in Dresden-Gorbitz die Philippuskirche errichtet

Aufbruch mit Landnahme - Gemeinde im Neubaugebiet: Vor 20 Jahren wurde in Dresden-Gorbitz die Philippuskirche errichtet

Die Geschichte der Philippuskirche in Dresden-Gorbitz begann zum Johannestag im Juni 1989 mit einem aufmüpfigen, urbiblischen Akt: mit einer "Landnahme". Die alten Israeliten hatten das einst getan, wie im Alten Testament berichtet wird.

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Pfarrer Thomas Böttrich im Gemeindezentrum der evangelisch-lutherischen Philippuskirchgemeinde.

Quelle: Dietrich Flechtner

Unter ihrem Anführer Josua hatten sie den Jordan überschritten und das Gelobte Land besiedelt. Die evangelischen Christen von Gorbitz veranstalteten ein Gemeindefest im Freien und stellten einen Bauwagen auf ein Grundstück, das ihnen die Stadt nach einem Tausch zugebilligt hatte. Die Kinder griffen zu Pinsel und Farbe, bemalten den Bauwagen mit Sonne, Bäumen, Häusern, Tieren und Menschen und schrieben auf die Seitenwand: "Hier entsteht ein Gemeindezentrum der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde Neugorbitz".

Seit 1981 war hier am Westhang ein riesiges Neubaugebiet aus Wohnblocks des Typs WBS 70 entstanden. 15 000 Wohnungen für mehr als 40 000 Bewohner. Eine Kirche war in den Plänen nicht vorgesehen. Doch 1982 war Pfarrer Johannes Böhme durch das Plattenbauviertel gezogen, hatte an den Wohnungstüren geklingelt und so eine Kirchgemeinde gesammelt. Die kam bald in dieser, bald in jener Kirche in benachbarten Stadtteilen zu Gottesdiensten zusammen. In der Woche trafen sich Mitglieder zu Hauskreisen in Wohnungen. "Ein klein wenig fühlten wir uns wie Abraham", erinnert sich Pfarrer Böhme. "Wir hatten alle unseren bisherigen Wohnbereich verlassen, bezogen eine neue Wohnung. Als Gemeinde aber hatten wir keinen Raum und lange Zeit weder einen Platz noch genügend Geld, um ein Haus bauen zu können." Sie verstanden sich als "Gemeinde unterwegs".

Dieses Motto gaben sie Ulf Zimmermann als Grundgedanken für den Bauplan vor. Eine Kirche hatte der aus Freiberg stammende Architekt noch nie entworfen. Nach etwa zwei Jahren Bauzeit war das Gemeindezentrum im Sommer 1992 fertig - vor 20 Jahren. Das Jubiläum feiert die Gemeinde an diesem Sonnabend und Sonntag, 2. und 3. Juni.

Architektonisch gestaltet finden Besucher das Konzept vom Unterwegssein der Gemeinde, wenn sie das Foyer vom Leutewitzer Ring her betreten: Sofort schaut man durch die Glastür an der Rückseite wieder hinaus - auf das Forum, eine kleine, wie ein Amphitheater gestaltete Bühne im Hof. Große Fenster schaffen Offenheit nach allen Seiten. Um die Verbindung nach außen zu betonen, hat der Architekt die Innenwände mit den gleichen rötlichen Klinkern verkleidet. Das freilich lässt die Räume ein wenig dunkel erscheinen. Besonders den Kirchsaal, in den man links vom Foyer gelangt. Gedämpft fällt Licht durch schmale Buntglasfenster, in denen Blautöne dominieren. Die hohe Holzdecke steigt schräg hinauf, an ein Zelt erinnernd.

An mehreren Stellen sind Ständer mit Mikrofonen aufgestellt. Reicht der Saal mit seinen 250 Sitzplätzen mal nicht, zu Heilig Abend oder zur Konfirmation, wird alles ins Foyer auf Videoleinwand übertragen. Techniker Gottfried Schlemmer sorgt dafür. Jeden Gottesdienst brennt er auf CDs. "Die bringen wir Kranken, die nicht kommen können", erzählt er.

Überall im Gemeindezentrum findet man kleinere und größere Räume. Kreise und Gruppen treffen sich hier zu Bibelgesprächen oder zum Musizieren. Im Vergleich mit anderen Gemeinden sind es viele. Ein Erbe jener Aufbruchszeit der Achtziger, das sich erhalten hat. Etwa 150 Leute engagieren sich ehrenamtlich. Die Bücher in der Bibliothek des Gemeindezentrums indes warten heute vergeblich auf Leser. Anfang der 1990er Jahre waren sie, viele aus dem Westen, heiß begehrt. Inzwischen nutzen Leser die Stadtteilbibliothek.

Im Raum für die Kinder stehen nur noch wenige der kleinen Stühle um den Tisch. "1992 gab es etwa 300 Kinder in der Gemeinde", sagt Pfarrer Böttrich. Verglichen damit nehmen sich die Kindergruppen heute winzig aus. "In Gorbitz leben nur noch wenige Familien mit Kindern. Viele junge Leute wohnen hier nur für wenige Jahre während ihrer Ausbildung. Die Fluktuation ist groß, auch in unserer Gemeinde." Die Abwanderung aus dem Viertel, die 1990 begann, bekam auch die Gemeinde zu spüren: Von rund 3000 Mitgliedern damals schrumpfte sie auf jetzt knapp 2300.

2006 ist Pfarrer Böttrichs Frau Kornelia noch einmal aufgebrochen. "Wir hatten in unserer Kartei etwa hundert Mitglieder gefunden, die Spätaussiedler aus Russland und der Russischen Föderation sind, aber nie im Gemeindezentrum auftauchten." Sie hat sie alle besucht und eingeladen. Jetzt treffen sie sich regelmäßig, etwa zum Deutschunterricht. Einer von ihnen, ein ehemaliger Lehrer, wollte aus Dankbarkeit auch etwas geben. Mittlerweile erteilt er Russischunterricht für die Einheimischen.

Gemeindezentrum : einer der letzten Bauten des Programms "Kirchen für neue Städte", 1978 zwischen SED-Generalsekretär Erich Honecker und ranghohen Vertretern der evangelischen Kirche in der DDR vereinbart; 1990-1992 errichtet für 4,83 Mio. D-Mark (Mittel von Bundesregierung und EKD, Landeskirche und Spenden, Stadt und Kirchgemeinde

Gemeindefest : 20 Jahre Gemeindezentrum, 30 Jahre Gemeindearbeit; Sonnabend, 2. Juni, zur "Nacht der Kirchen", ab 18 Uhr Andacht, Musik, 20 Uhr Podium mit Erbauern des Gemeindezentrums, 21.30 Uhr Konzert mit "Sahnic"; Sonntag, 3. Juni, 9.30 Uhr Festgottesdienst, Kirchenkaffee, Mittagessen, 13 Uhr Theateraufführung "Kunigunde"

Kontakt : Dresden-Gorbitz, Leutewitzer Ring 75, Tel. 0351 / 4112141; E-Mail kg.dresden_gorbitz@evlks.de, Internet www.philippus-dresden.de; Gemeinde seit 2006 mit Cossebaude, Briesnitz, Cotta Teil des Kirchspiels Dresden West

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.06.2012

Tomas Gärtner

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