Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Auf Augenhöhe mit den Tafelgästen

Andreas Schönherr, Chef der Dresdner Tafel Auf Augenhöhe mit den Tafelgästen

Seit Mai 2015 ist Andreas Schönherr Vorsitzender der Dresdner Tafel. Wie bereits seine Vorgängerin Edith Franke macht er das ehrenamtlich. Als der 40-Jährige die äußerst umstrittene einstige Tafel-Chefin ablöste, hat er ein schweres Erbe angetreten – hohe Schulden, schlechtes Klima unter den Mitarbeitern.

Seit Mai 2015 ist Andreas Schönherr Vorsitzender der Dresdner Tafel.

Quelle: Anja Schneider

Dresden. Seit Mai 2015 ist Andreas Schönherr Vorsitzender der Dresdner Tafel. Wie bereits seine Vorgängerin Edith Franke macht er das ehrenamtlich. Als der 40-Jährige die äußerst umstrittene einstige Tafel-Chefin ablöste, hat er ein schweres Erbe angetreten – hohe Schulden, schlechtes Klima unter den Mitarbeitern. Doch mittlerweile ist der gemeinnützige Verein, der günstig Lebensmittel an Bedürftige ausgibt, wieder in gutem Fahrwasser.

Wie haben Sie die Dresdner Tafel vorgefunden vor einem reichlichen Jahr?

Sie hatte über längere Zeit 8000 Euro Verlust im Monat gemacht, war am Ende bei 80  000 Euro Außenständen. Die Tafel war pleite. Wir haben in kürzester Zeit ganz viel ändern müssen aufgrund der Insolvenzlage.

Haben Sie noch Kontakt zu Edith Franke?

Nein. Sie hat mit der Dresdner Tafel gebrochen und ganz besonders mit meiner Person. Sie hat die Tafel lange Jahre sehr präsidial und direktiv geführt. Ihr eine Einsicht abzuringen, war nicht möglich. Es gab mit dem Neubeginn eine erste Sitzung, an der alle Tafelmitarbeiter teilnehmen und sich äußern durften. Da hatte sie keine Argumente. Sie hat dann ihr Büro geräumt und ist seitdem nicht mehr hier gewesen.

Was hat sich geändert seit dem Neubeginn?

Früher mussten die Tafelkunden länger anstehen und wurden von den ehrenamtlichen Mitarbeitern bevormundet. Es gab sogar Charaktere unter den Tafelmitarbeiterin, die jetzt nicht mehr kommen, weil sie den Status, Lebensmittel zuteilen zu dürfen, verloren haben. Es gab vier Stationen, an denen die Tafelmitarbeiter entsprechend der Anzahl der Erwachsenen und Kinder im Haushalt das Obst und Gemüse, Backwaren, Molkereiwaren und zusätzliche Produkte wie kleine abgepackte Mengen Waschpulver zugeteilt haben. Die Tafelkunden mussten rollkofferweise alles Zugeteilte nehmen und hatten Angst Wünsche zu äußern, um sich nicht in Misskredit zu bringen. Mehrfach haben mir Tafelkunden berichtet, dass sie früher zu Hause sehr viel weggeworfen haben. Unabhängig von der Menge der zugeteilten Ware wurde eine pauschale Betriebskostenbeteiligung erhoben: 3,10 Euro musste die erste erwachsene Person im Haushalt zahlen, 1,50 Euro die zweite und 50 Cent die Kinder – auch wenn das Angebot mal sehr knapp war wie zwischen Januar und April jedes Jahres.

Und heute?

Wir haben das Ladenprinzip eingeführt und Einkaufswägen besorgt. Die Tafelkunden nehmen die Lebensmittel jetzt selbst. An unserem Hauptstandort in der Zwickauer Straße 32 öffnen wir täglich zwei unserer Lagerhallen für die Tafelgäste. Deshalb können jetzt viermal so viele Personen gleichzeitig in das Gebäude. Es wird parallel gezählt und kassiert, und wir können mehr Lebensmittel an mehr Familien abgeben. Die kommen jetzt gern, weil ihre Kinder nicht so lange warten müssen. Die Betriebskostenbeteiligung wird äquivalent zur Warenmenge erhoben. Eine Schale Erdbeeren beispielsweise, die im Handel 3,69 Euro gekostet hat, gibt es dann bei uns für 20 Cent. Auch fünf Mandarinen, fünf Apfelsinen und ebensoviele Tomaten kosten jeweils 20 Cent oder vier Becher Joghurt. Wir haben mehr als 2500 neue Tafelgäste gewonnen, darunter auch viele Flüchtlinge und Studierende.

Wer kauft bei Ihnen ein?

Tafelkunde kann werden, wer bis zu 1200 Euro im Monat zur Verfügung hat. Für jede weitere Person im Haushalt steigt die Einkommensobergrenze um 300 Euro. Ältere Menschen kommen meist mehrmals in der Woche, kaufen dafür aber sehr wenig – nur etwa für knapp zwei Euro. Andere machen einmal in der Woche einen Großeinkauf für bis zu 20 Euro.

Und jetzt sind Sie im Plus?

Ja, bei 25  000 Euro laufenden Kosten pro Monat. Unsere Fahrzeuge verursachen hohe Wartungs- und Reparaturkosten, weil wir mit ihnen täglich nahezu alle Lebensmittelmärkte anfahren und sie bis unters Dach schwer beladen.

Wieviele Mitarbeiter hat die Dresdner Tafel?

Drei hauptamtliche und 180 ehrenamtliche Mitarbeiter. Die Ehrenamtlichen arbeiten an mindestens einem Tag pro Woche mindestens fünf Stunden. 60 von ihnen sind zwischen drei und sechs Tagen für die Tafel im Einsatz.

Was machen sie genau?

Das ist unterschiedlich. Wir haben 17 ehrenamtliche Fahrer und Beifahrer. Sie sind mit insgesamt acht Fahrzeugen von Montag bis Sonnabend zwischen 7 und 16 Uhr in Dresden unterwegs und bringen aus fast allen Lebensmittelmärkten der Stadt Ware in unser Lager an der Zwickauer Straße. Dort brauchen wir sehr viele Leute, die das Obst und Gemüse für die elf Ausgabestellen sortieren. Sie nehmen jedes Gemüse und jede Frucht in die Hand und schauen nach, ob alles noch gut sind, portionieren Backwaren und sortieren Kühlwaren nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum und zulässigen Überschreitungswerten. Vier bis sechs Mitarbeiter werden pro Tafelausgabestelle benötigt. Im Schnitt 60 Tonnen Waren pro Woche bekommen wir von den Märkten.

Wieviele Bedürftige nutzen das Angebot?

Zu uns kommen pro Woche etwa 3800 Tafelkunden.

Reicht das Angebot?

Ja, immer. In Dresden gibt es acht Mal so viele Lebensmittelmärkte wie im bundesweiten Durchschnitt. Wir fahren zwischen 400 und 600 Lebensmittelmärkte ab. Wenn bestimmte Früchte oder Gemüsesorten wenig vorhanden sind, dann limitieren wir die Mitnahme. Das gilt auch für Wurst, Käse und Süßwaren, damit so viele Leute wie möglich etwas bekommen.

Hat die Dresdner Tafel auch sonntags geöffnet?

Sonntag ist Familientag. Da geben wir an der Zwickauer Straße ab 15 Uhr alles Gemüse, Obst und die Backwaren der vergangenen Woche kostenlos an mehr als 100 Besucher. Darunter sind viele Flüchtlingsfamilien und junge Menschen aus dem Foodsharing-Netzwerk. Wir kochen gemeinsam ab 11 Uhr, und ab 15 Uhr gibt es ein Büfett mit kalten und warmen Speisen. Dort haben sich zuletzt mehr als 70 Personen bedienen können.

Wie lang sind die Schlangen, die sich jeden Tag an den Tafelausgabeläden bilden?

Wir sind froh darüber, dass sie kürzer geworden sind. Die längste Schlange bildet sich hier an der „Zwickauer“. Um die 70 Leute warten sonnabends hier. In Prohlis ist es ähnlich. Die Flüchtlinge stehen oft schon seit 7 Uhr da, 15 Uhr öffnet unser Tafelladen.

Stimmt es, dass es sonnabends an der Zwickauer Straße zwei Schlangen gibt  –  eine für Einheimische und eine für Flüchtlinge?

Ja, das funktioniert inzwischen ganz gut nach dem Reißverschlussprinzip. Ich war anfangs darüber auch alles andere als glücklich. Aber das Problem ist, dass sonnabends viele Flüchtlingsfamilien mit ihren Kindern kommen. Die Flüchtlingsfamilien brauchen wesentlich länger durch den Laden, bis sie fertig sind. Darüber haben sich die Einheimischen beschwert. Durch die Zweischlangen-Taktik schützen wir die Flüchtlingsfamilien vor vehementen Beschwerden.

Wie sind Sie selbst zur Dresdner Tafel gekommen?

Ich bin eine Aussteigernatur. Ich habe fast zehn Jahre bei AMD/Global Foundries gearbeitet, dann eine gemeinnützige Firma gegründet und mich in den Räumen der Dresdner Tafel an der Zwickauer Straße eingemietet. Ich bin schon vorher mit erwerbslosen Menschen in Berührung gekommen, habe sie zum Beispiel aufs Jobcenter begleitet. Als Betreuer habe ich auch das Angebot der Dresdner Tafel in Anspruch genommen bzw. anderen vermittelt. Dann bin ich gefragt worden, ob ich nicht die Dresdner Tafel leiten will.

Wovon leben Sie?

Ich lebe nahezu geldfrei – ich kann bis zu 450 Euro im Monat für Bekleidung und Essen ausgeben. Das reicht mir völlig aus. Ich lebe auf demselben Einkommensniveau wie Bezieher staatlicher Leistungen nach dem SGB, also auf Augenhöhe mit ihnen. Seit 2011 wohne ich mit 20 Leuten in einer WG.

Gab es religiöse Gründe für den Ausstieg?

Nein, gar nicht. Ich bin wohlsituiert katholisch aufgewachsen. Irgendwann habe ich mich entscheiden müssen: Will ich glauben, oder will ich es nicht. Ich habe mich dagegen entschieden und meine eigene humanistische Philosophie, nach der ich mich richte.

Von Katrin Richter

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.