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Arbeitsleben trotz Handicap - Obwohl Lothar Marquard geistig behindert ist, arbeitet er auf dem Striesener Friedhof

Arbeitsleben trotz Handicap - Obwohl Lothar Marquard geistig behindert ist, arbeitet er auf dem Striesener Friedhof

Obwohl seit Jahren viel über Inklusion gesprochen wird, haben es behinderte Menschen in unserem Land noch immer sehr schwer. An eine reguläre Arbeit außerhalb der geschützten Mauern von Behindertenwerkstätten ist meistens nicht zu denken.

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Der Striesener Friedhof ist das zweite Zuhause von Lothar Marquard.

Quelle: Norbert Neumann

Dass es auch anders geht, beweist die Geschichte von Lothar Marquard. Seit 1968 hat der geistig Behinderte als Hilfsarbeiter auf dem Striesener Friedhof gearbeitet und kommt so auf mittlerweile 46 Arbeitsjahre. Morgen geht diese Zeit zu Ende. Lothar Marquard feiert seinen 65. Geburtstag und scheidet wie jeder andere auch aus dem Arbeitsleben aus.

"Nach all den Jahren wird es nicht nur für ihn, sondern auch für uns eine Umstellung werden", sagt der stellvertretende Friedhofsmeister Gernot Großer. Lothar Marquard habe ihm und seinen Kollegen gezeigt, dass es wichtigere Dinge im Leben gebe als Geld und Reichtümer. "Man schätzt die eigene Gesundheit mehr", sagt Großer.

Begeistert hat Marquard seine Arbeitskollegen stets aufs Neue mit seiner guten Laune. "Er war immer gut drauf und hat mit seinem Lachen alle angesteckt", denkt Friedhofsgärtner Holger Kunz an zahlreiche fröhliche Momente zurück. Überzeugend war Marquard, der sich nach einer frühkindlichen Hirnschädigung nicht mehr geistig weiterentwickelte, aber nicht nur als Persönlichkeit, sondern auch wegen seiner gewissenhaften Arbeitsweise. Drei Mal pro Woche machte er sich zuletzt auf den Weg und leerte die Abfallkörbe des Friedhofes. Bis 2003 hat er das sogar jeden Tag gemacht und brauchte dabei niemanden, der ihn auf Schritt und Tritt kontrollierte. "Trotz seiner Behinderung hat Lothar Marquard immer selbstständig gearbeitet", bestätigt Gernot Großer. Wichtig war das für den Behinderten nicht nur, um seinen Tag sinnvoll zu gestalten, sondern darüber hinaus, weil er in eine Gemeinschaft eingebunden war und seine Arbeit anerkannt wurde.

Auch Lothar Marquards Betreuerin Thea Henke, die sich für ihn seit 15 Jahren um alle rechtlichen und finanziellen Angelegenheiten kümmert, empfindet die Arbeitsstelle als Glücksfall. "Das findet man nicht oft, dass jemand mit einer Behinderung als vollwertiges Mitglied aufgenommen wird", so Henke. Zu schätzen wusste Marquard dies besonders, als er 1996 eine schwere Lebenskrise hatte. Nachdem 1982 bereits seine Mutter gestorben war, schied 1996 auch sein Vater aus dem Leben. "Das war für ihn eine harte Zeit, weil der Vater eine wichtige Bezugsperson für ihn war. Er kam hier zum Beispiel manchmal vorbei und hat seinem Sohn etwas gebracht oder die Haare geschnitten", erinnert sich Großer.

Seine Arbeit als Hilfsarbeiter hatte Marquard ebenfalls dem Engagement seines Vaters zu verdanken. "Aus Erzählungen weiß ich, dass er es war, der 1968 den damaligen Friedhofsmeister angesprochen hat und fragte, ob es Arbeit für seinen Sohn gibt", sagt Großer. Nur so war es möglich, dass Lothar Marquard etwas führen konnte, was man, falls es das überhaupt gibt, als "normales" Leben bezeichnen kann. Die Paralleluniversen von Sondereinrichtungen für Menschen mit Handicap blieben ihm erspart.

Idealerweise sollte dies immer so sein. Zumindest besagt das die UN-Behindertenrechtskonvention, die Deutschland 2009 unterzeichnet hat. In Artikel 24 fordert sie unter anderem, "Menschen mit Behinderung ohne Diskriminierung und gleichberechtigt mit anderen einen Zugang zu allgemeiner Hochschulbildung, Berufsausbildung, Erwachsenenbildung und lebenslangem Lernen" zu ermöglichen. Die Realität sieht entgegen hochtrabender Sonntagsreden häufig anders aus. Auch aus diesem Grund möchte der Friedhof Striesen mit gutem Beispiel vorangehen und die Stelle von Lothar Marquard wieder mit einem Behinderten besetzen. "Es ist noch nichts entschieden, aber möglicherweise stellen wir erneut jemanden ein, der zwar ein Handicap hat, aber dennoch selbstständig arbeiten kann", sagt Großer. Lothar Marquard freut sich indes auf die Rente. Jetzt hat er genügend Zeit, um ausgiebig Akkordeon zu spielen, Edgar Wallace-Bücher zu lesen oder Olsenbande-Filme zu gucken. Alle diese Dinge bereiten ihm große Freude. Ersetzen können sie die Arbeit auf dem Friedhof aber nicht. Denn nur sie gab seinem Leben Sinn und Struktur. Resigniert ist der Senior trotzdem nicht. "Es war eine schöne Zeit, aber was soll's", sagt er und lacht über das ganze Gesicht.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.07.2014

Hönigschmid, Stephan

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