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"Arbeit mit der Vergangenheit ist endlos"

"Arbeit mit der Vergangenheit ist endlos"

Daniel Libeskind: Nein. Wir leben alle in einer Welt. Es geht nicht darum, dass sich Provinzen mit Verweis auf Architektur abgrenzen. Dieses Museum ist eine globale Arbeit.

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Der Stararchitekt Daniel Liebeskind hat das neue Militärhistorische Museum in Dresden entworfen. Mit dem Keil, den er durch das historische Gebäude getrieben hat, möchte er Vergangenheit und Zukunft versöhnen.

Quelle: Dietrich Flechtner

Frage: Herr Libeskind, ist die deutsche Architektur in einer Depression, dass Sie auf ausländische Architekten zurückgreifen muss?

Es ist nicht wichtig, wo man herkommt. Und nebenbei: Ich wurde ganz in der Nähe geboren.

Verraten Sie wo?

In Polen, Lodz, nicht weit von der Grenze und nicht weit von Dresden.

Das Denken in Nationen-Kategorien ist also überholt, weil wir jetzt in einer globalen Welt leben?

Nein. Natürlich haben wir Nationen. Doch Kunst, Architektur und Kultur überwinden nationale Grenzen und verbinden die Menschen. Das Museum ist ein gutes Beispiel. Denn militärhistorische Geschichte ist für jeden wichtig, weil eben nicht nur eine Nation an Krieg beteiligt ist.

Deutsche Architekten mögen eckige Quader und gerade Linien. Sie hingegen arbeiten mit bizarren Formen...

Ich denke, es ist falsch zu sagen, dass die Deutschen gerade und ich ungewöhnliche Formen liebe. Die Frage ist vielmehr: Wie wird Architektur mit Ideen und Emotionen verbunden.

Wenn Sie an der Spitze des Keils stehen und über Dresden sehen, was fühlen Sie da?

Dieser Ort löst einen Komplex an Emotionen aus, weil Sie gleichzeitig auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schauen. Ich denke darüber nach, wie diese schöne Stadt zu einem Ort wurde, der für den Horror des Krieges steht. Und wie die Zerstörung sich umgekehrt wieder zurückverwandelt hat in Schönheit. Die Geschichte dieser Stadt ist nicht nur einfach eine Fußnote. Sie ist fundamental für die Zukunft und sie ist fundamental für das was wir sehen, wenn wir aus dem Fenster schauen. Der Keil gibt nicht nur einen Panorama-Blick frei, sondern macht mit auf eine Zeit aufmerksam, in der Dresden 1945 zerstört wurde.

Sie sind jüdisch. Waren Sie skeptisch ein Militärmuseum für die Nation zu bauen, die Millionen Juden getötet hat?

Nein. Nie. Ich hatte nie auch nur einen Zweifel. Deutschland ist ein Land, das eine sehr schwierige Geschichte verhandeln muss. Diese Vergangenheit kann man sich weder aussuchen noch ungeschehen machen. Man muss versuchen aus ihr zu lernen, um eine bessere Zukunft zu gestalten. Das Militärmuseum kann einen Teil dazu beitragen.

Warum kann ein Militärmuseum uns etwas über Frieden sagen?

Nehmen Sie die Militärmuseen in England und Frankreich. Sie unterscheiden sich sehr stark von diesem Museum. Hier geht es nicht nur um Waffen und Dokumente. Hier geht es darum, Gewalt philosophisch zu hinterfragen, eine emotionale Verbindung herzustellen und zu verstehen, welche Kraft Gewalt und Kriege organisieren lässt. Kurzum: Es geht nicht nur um die Hardware, sondern um die Menschen. Und das ist das Besondere in diesem Museum.

Seit 1945 sind 66 Jahre vergangen. Wie lange soll sie noch gehen, die Auseinandersetzung mit dem Krieg und dem Nationalsozialismus?

Sie endet nie. Die Arbeit mit der Vergangenheit ist endlos und wird immer wieder neu verhandelt. Das ist ein sehr wichtiger Prozess. Und wir dürfen nicht vergessen, dass inzwischen eine neue Generation lebt. Sie versteht auch die Geschichte neu. Doch: Man muss auch über die Vergangenheit herauswachsen. Das hat Dresden mit der Rekonstruktion vieler historischer Gebäude getan - auch mit diesem Museum.

Warum haben Sie diesen Keil aus Glas, Stahl und Beton durch das historische Gebäude getrieben?

Der Keil soll unterbrechen. Gleichzeitig öffnet er das undurchsichtige Militärgebäude, was sich immer hinter verschlossenen Türen befunden hat. Er markiert eine fundamentale Störung dessen, was ein militärhistorisches Museum bis jetzt war. Man kann es als Transformation des neoklassizistischen Gebäudes sehen, von seiner autoritären Vergangenheit hin zu einer demokratischen offenen Zukunft. Der Keil offeriert einen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Doch ich habe nicht nur den Keil gebaut (lacht), sondern auch das alte Gebäude wiederhergestellt. Es war wirklich sehr zerfallen, die Front komplett zerstört.

Wie ist die Idee gekommen? Sind Sie aufgewacht mit einem Geistesblitz?

Nein. Ich denke nicht so. Nein. Man muss mit dem Ort in Berührung kommen, die Stadt kennenlernen, nicht nur das Sichtbare, auch die unsichtbaren Seiten. Ich habe Victor Klemperer gelesen, die Bilder der Gemäldegalerie gesehen, mich mit der Geschichte der Könige und der Menschen vertraut gemacht. Wenn Sie dies erreicht haben, das Sichtbare und das Unsichtbare, dann beginnen Sie eine Idee zu entwickeln, wie Sie diese Erfahrung präsentieren können.

Wie viel Zeit haben Sie in Dresden verbracht?

Viel Zeit, sehr viel Zeit. Hier zu arbeiten bedeutet in einem Kontext großer Architektur zu wirken. Mit dem Museum hat die Stadt jetzt etwas Zeitgenössisches, das nicht nur eine Rekonstruktion der Vergangenheit ist, sondern eine richtige Konstruktion für die Zukunft.

Und Sie haben dieses erste zeitgenössische Gebäude gebaut.

Ich hoffe es wird nicht das letzte sein.

Daniel Libeskind ist der Architekt, der das Militärhistorische Museum entworfen hat. Schon vor seiner heutigen Eröffnung sind die Bilder des Keils, der sich in das historische Gebäude rammt, um die Welt gegangen. Katrin Tominski sprach mit dem Architekten über Emotionen, Gewalt und Vergangenheit.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.10.2011

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