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Antiquariate richten sich auch in Dresden im Netzzeitalter neu aus

Antiquariate richten sich auch in Dresden im Netzzeitalter neu aus

Können Sie sich noch erinnern wie es damals war, als das Internet noch nicht erfunden war? Als man noch ins Antiquariat statt zum Amazon-Netzportal ging, um nach Büchern zu stöbern? An den Geruch von Papier zwischen den langen Regalreihen? Das Rascheln der Buchseiten? Den Triumph im Herzen und die Lese-Vorfreude im Kopf, wenn man - ein paar Mark ärmer - mit einem Stapel unterm Arm nach Hause eilte, im Bus schon die ersten Seiten verschlingend? DNN-Redakteur und eBuch-Freund Heiko Weckbrodt entsinnt sich noch gern daran - und hat sich anlässlich des heutiges Weltbuchtages mit dem Dresdner Antiquar Carsten Rybicki über das Geschäft mit alten Büchern im Internetzeitalter unterhalten.

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Ingenieur, Autodidakt, Antiquar: Carsten Rybicki hat sich mit dem Antiquariat in der Neustadt einen Traum erfüllt. Die Bücher, die er und sein Kollege hier verkaufen, sind größtenteils Sammlerstücke.

Quelle: Dietrich Flechtner

Eingequetscht zwischen Erotik-Geschäft und Pension, versucht der heimelige Laden nahe der Marienbrücke gar nicht erst so zu tun, als ob sich hier lesehungrige Massen durchwälzen könnten. Ein paar Schritte im Quadrat, ein rotgemusteter Teppich räkelt sich übers dunkle Parkett, die Regale an den Wänden vollgestopft mit goldbeschrifteten alten Schinken: Goethes Faust in Leder, Brehms Tierleben, das Kamasutra als Westentaschen-Ausgabe...

Das Antiquariat "Bachmann & Rybicki" sieht eher aus wie eine Wohnstube als eine Gebrauchtbuchhandlung. "Im Laden machen wir vielleicht 15 Prozent unserer Umsätze, das meiste verkaufen wir per Internet oder durch Direktkontakte", klärt Geschäfts-Teilhaber Rybicki auf. "Hier geht es um das Flair, hier wollen wir den Leuten vor allem die Schönheit alter Bücher vor Augen führen."

"Der Antiquariatshandel steht nicht am Untergang, sondern in einem Wandel", meint auch Björn Biester von der Antiquariats-AG im Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Der Trend gehe weg vom großen Ladengeschäft, hin zu Kleinstunternehmen, die sich in hohem Maße auf den internetvermittelten Versandhandel konzentrieren.

Rein quantitativ hat sich die antiquarische Szene in Dresden halbwegs stabil gehalten: Wie man alten Adressbüchern entnehmen kann, gab es hier um 1880 etwa sieben Antiquariate, 1934 fünf oder sechs und heute sind es etwa ebenso viel. Nicht eingerechnet sind hier die vielen Laien-"Antiquare", die gar kein eigenes Ladengeschäft haben, sondern von daheim aus nebenbei alte Bücher im Internet verticken. Gewandelt hat sich die Branche vor allem qualitativ: Wer heute Lektüre billig erstehen will, stöbert in den Gebraucht-Netzabteilungen von Amazon & Co., wer bibliophile Raritäten erstehen möchte, kennt die spezialisierten Internetportale, wo man die Marktpreise computergesteuert im Auge behalten und im rechten Schnäppchen-Moment zuschlagen kann.

Das frühere Gebrauchtbücher-Geschäft, also der Verkauf alter Bücher um des Lesens willen, ist im Präsenzhandel nahezu passé. Ähnlich wie "Bachmann & Rybicki" haben sich viele Antiquariate unter dem Druck des Internets auf Sammlerstücke verlegt: Auf "schöne" Bücher, die man sich ins wohlgeordnete Regal stellt, in denen man ab und wann um der nostalgischen Haptik Willen auch blättert, die man aber nicht unbedingt von vorn bis hinten verschlingt. Für manchen dieser Bände blättert man locker ein paar Tausend Euro hin. Und der größte Teil davon wiederum wird auch nicht unbedingt vor Ort, im gemütlichen Wohnzimmer verkauft, der eher als Anlaufpunkt für Kunden gedacht ist - neudeutsch würde man es wohl einen "Show Room" nennen -, sondern wird übers Internet vertickt, Museen, Bibliotheken und Archiven oder eben Sammlern direkt angeboten.

Bei Rybicki war es die "Leidenschaft zum Buch", die ihn mit Geschäftspartner Gregor Bachmann bewog, Ende 2011 ein Antiquariat zu eröffnen. Autodidaktisch eignete sich der Bauingenieur Grundkenntnisse in Buchrestaurierung an. Seitdem sitzt er oft in der Werkstatt daheim über alten Folianten, bezieht sie mit neuem Leder, repariert Pergamentseiten... "Für mich hat sich ein Traum erfüllt", sagt er. Seine Leidenschaft ist für ihn heute Berufung wie Beruf.

Er ist überzeugt: Auch in Zeiten von eBuch und Netzgesellschaft hat der Antiquar seinen Platz, wenn auch einen anderen als früher. "Alte Bücher werden von den Leuten zunehmend als Wertanlage gesehen, ähnlich wie Gemälde", sagt er - der Antiquar sei da der Mittler. "Klar muss ich irgendwie davon leben, aber reich wird man damit nicht", meint Rybicki. "Für mich ist das nicht nur ein Geschäft, sondern Spaß und Freude am Gesamtkunstwerk Buch."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.04.2013

Heiko Weckbrodt

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