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Anarchie in der Jugendherberge: Zöglinge der Freien Alternativschule bestimmen selbst, was wichtig ist

Anarchie in der Jugendherberge: Zöglinge der Freien Alternativschule bestimmen selbst, was wichtig ist

Es ist der Traum eines jeden 13-Jährigen: Wochenlang mit Freunden zusammen hausen und keine Eltern weit und breit. Keiner bestimmt, was es zu Essen gibt, keiner kontrolliert, ob um 23 Uhr das Schlafzimmerlicht ausgeschaltet ist.

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Gemeinsames Kochen spart Geld: Das haben auch Solina, Naemi, Mili und Till (v.l.) schnell gelernt.

Quelle: Christian Juppe

Und ganz sicher drückt einem niemand ausgerechnet dann den Staubsauger in die Hand, wenn man gerade mitten in einem spannenden Computerspiel steckt. Stattdessen: ausgedehnte Filmabende, Quatsch machen und selbst bestimmen, was gerade wichtig ist. Freiheit pur.

Viele Eltern würden angesichts eines solchen Szenarios erst einmal die Hände über dem Kopf zusammen schlagen. In der Freien Alternativschule Dresden (FAS) ist die jugendliche Anarchie indes ein gewolltes Experiment. Sechs Wochen lang leben dort die Schüler der 8. Klasse gemeinsam in einem Dresdner Hostel und sind fast komplett auf sich allein gestellt: morgens aufstehen, rechtzeitig zur Schule kommen, kochen, abwaschen und putzen. Niemand da, der den pubertierenden Zöglingen Dampf macht.

Ein bunter Haufen an 13- und 14-Jährigen erfuhr dieses "leichte Leben" in den vergangenen Wochen in der Dresdner Neustadt. "Frei sein", so fasst Yannic, einer der insgesamt 17 beteiligten Schüler, das Abenteuer zusammen. Wie die anderen musste auch er mit einem wöchentlichen Budget von 20 Euro für Frühstück und Abendessen über die Runden kommen.

Wie, war dabei jedem selbst überlassen. Viele legten zusammen und kauften gemeinsam ein: etwa das Fünfer-Zimmer von Till. "Das hat super geklappt", sagt der 14-Jährige. "Wir konnten sogar 150 Euro ansparen." Beim Kochen halfen alle mit, zum Beispiel wenn es selbst gemachte Pizza gab. Die ungewohnte Verantwortung über das Geld scheint aber auch pragmatisch zu machen: Am Ende habe es abends häufig einfach nur Toast oder Müsli gegeben, erzählt Till. Als Ausgleich konnte man es sich dann auch mal gönnen, richtig Essen zu gehen.

Regeln gab es im Hostel trotzdem: Die Schüler mussten jeden Tag pünktlich zum Unterrichtsbeginn im Klassenzimmer sitzen und abends ab acht Uhr in der Herberge sein. Das Internet war - ebenso wie Alkohol - verboten. Zudem gewährleistete ein Lehrer, der in einem eigenen Raum übernachtete, ein Mindestmaß an Kontrolle.

"Natürlich muss man mit dem einen oder der anderen mal reden, sich in der Gruppe mehr zu beteiligen", sagt Lehrerin Alexandra Zels. Und wenn die Gespräche nicht helfen, werden Störenfriede durchaus nach Hause geschickt "Aber eigentlich gibt's da ganz wenig Querelen." Denn die Schüler würden auch untereinander gut auf sich achtgeben: Wer nicht aus dem Bett kommt, wird von den Altersgenossen geweckt.

Zels ist nicht nur Lehrerin, sondern auch Mutter eines älteren FAS-Schülers. Die 46-Jährige spricht also aus eigener Erfahrung, wenn sie das Projekt lobt. "Mein Sohn hat damals in den sechs Wochen einen riesigen Schritt in seiner Entwicklung gemacht", sagt sie. Das Erlebnis, ganz auf sich alleine gestellt den Alltag meistern zu können, stärke die Kinder. "Das sind dann ganz schön selbstbewusste Jugendliche, wenn sie wieder nach Hause kommen."

Die Schule bot das Projekt in diesem Jahr bereits zum vierten Mal an, insgesamt 17 Pennäler machten mit. Ausgangspunkt war der Wunsch, den Schülern in der 8. Klasse - also mitten in der schwierigen Pubertätszeit - parallel zum normalen Unterricht neue Herausforderungen zu stellen. "Hier im Hostel können sich die Jugendlichen ausprobieren", sagt Zels. "Wir bieten ihnen dafür einen geschützten Raum, den es so zu Hause nicht gibt." Das passt ins Konzept, denn die FAS will nach der 10. Klasse in erster Linie junge Menschen entlassen, die sozial kompetent sowie selbstständig denken und handeln können.

Dass im Hostel alles so gut klappte, hat wohl auch damit zu tun, dass sich die Schüler bereits lange kennen. Seit dem ersten Schultag besuchen die meisten die gleiche Klasse an der FAS. Die Einheitsschule umfasst das gesamte Leistungsspektrum von Grund- bis Mittelschule: von der 1. bis zur 10. Klasse. "In den vergangenen Wochen haben wir uns alle aber noch besser kennengelernt", sagt Freya. Die 14-Jährige ist fast erstaunt: "Es gab kaum Konflikte oder Zickereien."

Trotz der tollen Zeit in der Jugendherberge freuten sich viele der Schüler wieder aufs Zuhause - auf die Geschwister und die Haustiere. "Kann schon anstrengend sein, ständig auf so einem großen Haufen zusammen zu hocken", meint Marlen. Und nach den Ferien wartet sowieso schon der nächste Höhepunkt: Dann reist die Klasse nämlich für drei Wochen nach England.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.02.2014

Philipp Nowotny

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