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Amazon steht wegen unbezahlter Praktika von Arbeitslosen am Pranger

Amazon steht wegen unbezahlter Praktika von Arbeitslosen am Pranger

Der Versandhändler Amazon testet Arbeitslose erst zwei Wochen lang, bevor er sie einstellt. Bis dahin erhalten sie keinen Lohn, sondern weiterhin Geld vom Staat.

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Versandzentrum in Leipzig: Amazon stockt die Belegschaft vor Weihnachten um Tausende auf.

Quelle: Andreas Döring

Dresden . Nordrhein-Westfalens Arbeitsministerium überprüft deshalb, ob diese Betriebspraktika legal sind. Die Bundesregierung spricht dagegen von einem bewährten Mittel, um Arbeitslose zu einen Job zu verhelfen. Union und FDP haben deshalb die maximal mögliche Dauer der Probe-Arbeit sogar noch verlängert.

Von Markus Werning

"Die Prüfung läuft", sagte ein Sprecher des NRW-Arbeitsministeriums gestern. Minister Guntram Schneider (SPD) wolle nicht glauben, dass Amazon legal Arbeitslose zwei Wochen lang einsetzen könne, und der Staat bezahle die Beschäftigten in dieser Zeit weiter. Arbeit ohne Gehalt dürfe es nicht geben und schon gar nicht von Behörden unterstützt werden.

Tatsächlich handelt es sich aber um ein Instrument der Arbeitsmarktpolitik, das 1997 bereits von der Bundesregierung eingeführt worden ist. Dahinter steckt der Gedanke: Wenn Arbeitslose in einem Unternehmen zunächst zur Probe anfangen können, steigen ihre Chancen, einen Job zu bekommen. Andernfalls würde der eine oder andere Bewerber vielleicht gar nicht erst von der Firma eingeladen. Die Eingliederungshilfe sei ein "gängiges und seit Jahren angewandtes, erfolgreiches Instrument der Arbeitsförderung", teilte das Bundesarbeitsministerium mit.

Die Gewerkschaft Verdi bezweifelt deshalb auch nicht, dass sich Amazon ans Gesetz hält. Sie stellt das Arbeitsmarktinstrument aber grundsätzlich infrage. Warum müsse ein Arbeitsloser erst für einige Tage getestet werden, wenn das Arbeitsrecht doch sowieso noch eine Probezeit vorsehe? In den vergangenen Jahren haben wahrscheinlich Millionen Arbeitslose für einige Tage zur Probe gearbeitet - allerdings nicht nur in einem Versandzentrum von Amazon, sondern in unzähligen Firmen. Denn allein 2010 machten nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) bundesweit fast 490 000 Arbeitslose ein Betriebspraktikum, davon in Sachsen mehr als 22 000. In diesem Jahr waren es im Freistaat bisher etwa 10 000 und in ganz Deutschland rund 330 000.

Wie viele Arbeitslose der Versandhändler jedes Jahr zunächst zur Probe antreten lässt, teilten die Arbeitsagenturen aus Datenschutzgründen nicht mit. Das Unternehmen nannte ebenfalls keine Zahlen. Aber 2011 könnten es bereits Hunderte gewesen sein, vielleicht auch Tausende: Amazon will die Belegschaft in Deutschland fürs Weihnachtsgeschäft um bis zu 10 000 Mitarbeiter aufstocken und stellt auch viele Arbeitslose ein. In Leipzig sucht das Unternehmen bis zu 2800 Saisonkräfte. Aber selbst wenn sie alle vorher ein Betriebspraktikum machen, wären noch mehr als 7000 arbeitslose Sachsen von anderen Unternehmen getestet worden. Amazon ist also kein Einzelfall.

Trotzdem steht in Nordrhein-Westfalen nur der Versandhändler am Pranger. Dort hat Amazon erst 2010 in Werne ein Logistikzentrum mit zunächst 800 Mitarbeitern eröffnet. Seit diesem Jahr wird es erweitert. Im September nahm Amazon außerdem in Rheinberg ein Versandzentrum in Betrieb. An beiden Standorten sucht die Firma fürs Weihnachtsgeschäft zusätzlich Tausende Saisonarbeiter - stellt in NRW also zum ersten Mal im großem Umfang ein.

In Sachsen ist das nichts Neues. In Leipzig arbeiten mehr als 1000 Menschen für das Unternehmen - plus Saisonarbeitskräfte. Das Versandzentrum wurde 2006 eröffnet. Seitdem nutzt Amazon auch Betriebspraktika. Einen Aufschrei gab es hier bisher nicht. Er lasse sich von der Arbeitsagentur informieren, sagte Sachsens Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP). Er gehe aber davon aus, dass die Eingliederungshilfe "mit Augenmaß" eingesetzt werde. Insgesamt habe sich das Arbeitsmarktinstrument bewährt.

Tatsächlich übernimmt Amazon offenbar mehr Arbeitslose nach der Testphase als andere Unternehmen. Nach DNN-Informationen liegt die Quote in Rheinberg bei 78 Prozent und in Werne bei 90 Prozent. Eine Zahl für Leipzig lag nicht vor. Schätzungen zufolge sind es zwischen 80 und 90 Prozent. Im Schnitt werden in Sachsen rund 75 Prozent der Arbeitslosen nach der Testphase von den Unternehmen übernommen. Bundesweit sind zwischen 48,6 und 72,2 Prozent nach sechs Monaten noch im Unternehmen.

Union und FDP sind mit der Eingliederungshilfe zufrieden. Ab 1. April 2012 werden deshalb Arbeitslose sogar bis zu sechs Wochen - statt bisher vier - in einem Unternehmen arbeiten können und weiterhin Geld vom Staat beziehen. Ein Bewerber habe bessere Chancen auf einen Job, wenn er sich "über einen längeren Zeitraum" einbringen könne, heißt es im Gesetzentwurf dazu. Er ist in der vergangenen Woche vom Bundestag angenommen worden. Vorher hatte auch der Bundesrat darüber beraten. In ihm sitzen die Länder. Auch NRW.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.11.2011

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