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Am Neumarkt droht der Supergau

Am Neumarkt droht der Supergau

"Wir überlegen, ob wir die Bauarbeiten einstellen", erklärte gestern Investor Michael Kimmerle, der am Neumarkt das Quartier VII/2 bebaut. "Dann steht dort die nächsten fünf Jahre eine Bauruine, auf der Gras wächst.

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Die Kräne hinter dem "Kulti" drehen sich noch im Quartier VII/2 von Investor Michael Kimmerle. Rechts neben dem Kulturpalast ist die Baugrube für Quartier VI.

Quelle: Jürgen-Michael Schulter

" Baywobau-Geschäftsführer Berndt Dietze erklärte auf Anfrage der DNN: "So können wir nicht bauen. Dieses Grundstück hat für uns an Wert verloren." Dietze meint das Quartier VII/1, für das die Baywobau vom Stadtrat den Zuschlag erhalten hat. Der Kaufvertrag wurde aber noch nicht vollzogen. Möglich, dass Dietze von seinen Plänen Abstand nimmt.

Dresden droht am Neumarkt der städtebauliche Supergau: Die Landesdirektion Sachsen (LDS) hat jetzt entschieden, dass Fensterfronten an Wohnungen Richtung Kulturpalast vollverglast sein müssen (DNN berichteten). Die Behörde bestätigte damit die Auffassung der Landeshauptstadt Dresden, die in der Baugenehmigung für Kimmerle die Vollverglasung festgeschrieben hatte. Das soll die Bewohner vor dem Lärm schützen, der vom Kulturpalast ausgeht. Für die Bauherren ist die Auflage eine Katastrophe: Wer zieht in eine Wohnung, in der sich Fenster nicht öffnen lassen und der Fensterputzer mit dem Hubwagen kommen muss?

"Das ist ein unglaublicher Schildbürgerstreich", schüttelt Kimmerle den Kopf. Das Neumarkt-Quartier VII/2 hat er als seine Lebensaufgabe verstanden und Herzblut in das Vorhaben investiert. "Es ist mir unbegreiflich, wieso man mir solche Steine in den Weg legt." Von Baubürgermeister Jörn Marx (CDU) sei er tief enttäuscht: "Er hätte mir die Fenster öffnen können. Aber dafür fehlte ihm der Mut. Es gibt keine Bereitschaft, gemeinsam nach Lösungen zu suchen."

Kimmerle will gegen den Bescheid der LDS vor dem Verwaltungsgericht klagen. Er bereitet aber auch eine Schadensersatzklage gegen die Landeshauptstadt vor, kündigte er an. "Meine Nutzungskonzeption für Quartier VII/2 ist Bestandteil des notariellen Kaufvertrages für das Grundstück. Da ist eindeutig festgehalten: Es entstehen auch Wohnungen." Die schwer zu vermarkten wären, sollte es bei Vollverglasung bleiben. "Dafür wird die Stadt zahlen müssen", so Kimmerle, der betont: "Ich bin auf erhöhte Schallschutzanforderungen hingewiesen worden, richtig. Aber von Festverglasung war nie die Rede."

Dietze sprach von einer "ganz schlimmen Entscheidung". Es gebe Fallbeispiele aus anderen deutschen Städten, wie ein Lärmschutzproblem in beiderseitigem Einvernehmen gelöst werden könne. In Dresden aber entstehe der Eindruck, die Verwaltung sei froh, wenn sie der Stadt schaden könne. Besonders das Umweltamt habe auf die Bremse getreten, statt nach Lösungen für die Investoren zu suchen. "In Hamburg ist es auch möglich, Kompromisse zu finden. Da gibt es ein 'Hamburger Model'. Warum nicht in Dresden?", fragt Dietze.

Vollverglasung sei nur bei Büros möglich, aber Büros brauche am Neumarkt kein Mensch. "Wir sind doch froh darüber, dass Wohnungsbau in der Innenstadt läuft. Aber das funktioniert nur dann, wenn in der Verwaltung der Wille besteht, nach aufwendigen Lösungen zu suchen."

Mit Sorge dürfte Stadtkämmerer Hartmut Vorjohann (CDU) die Entwicklungen beobachten. Er hat die Erlöse aus den Grundstücksverkäufen am Neumarkt im Haushalt verplant und müsste ein Loch von 18 Millionen Euro stopfen, wenn die Kaufpreise für die Quartiere VII/1 und VII/2 sowie für Quartier VI nicht fließen. Auch für das Projekt des Unternehmens USD im Quartier VI würde die Auflage "Vollverglasung" gelten, weil auch hier Wohnungen entstehen sollen. USD-Sprecher Ulf Mehner erklärte auf DNN-Anfrage: "Aktuell möchten wir uns nicht äußern."

Holger Zastrow, Vorsitzender der Stadtratsfraktion FDP / Freie Bürger, nannte die Haltung von Stadt und LDS eine "Behördenposse". "Beide sorgen dafür, dass ein Knast luftiger ist als die hochwertigen Wohnungen am Neumarkt." Mietern die Möglichkeit zu nehmen, ihre Fenster zu öffnen, sei überzogen, unrealistisch und bevormundend.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.02.2015

Thomas Baumann-Hartwig

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