Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Google+
Absprung in ein Leben ohne Prügel - 400 Dresdnerinnen flüchten jährlich vor Gewalt

Absprung in ein Leben ohne Prügel - 400 Dresdnerinnen flüchten jährlich vor Gewalt

Norah* hatte gerade erst ihr Baby zur Welt gebracht, als die Beziehung zum Kindesvater in die Brüche ging. Die junge Mutter zog die Reißleine und trennte sich.

Voriger Artikel
Bombenfunde in Dresden: Bauträger sind für Suche verantwortlich
Nächster Artikel
"Das Maß war voll" - BI Sowjetischer Garnisonfriedhof trennt sich vom Volksbund und geht eigene Wege

Sylvia Belinda Müller von der D.I.K. hilft Opfern von häuslicher Gewalt.

Quelle: Christian Juppe

Dann begann der Albtraum. Erst schrieb ihr Ex noch Versöhnungsmails und SMS, doch schnell wurde der Ton rüder, es hagelte Beschimpfungen und schließlich Drohungen: "Ich bring euch um. Bald gibt es ein Blutbad." Norah stellte ihr Telefon ab, änderte Nummern und E-Mail-Adressen, doch der Terror hörte nicht auf. Nun lauerte der Ex vor ihrer Wohnung, mehrmals brannte es im Keller, wurden Sachen zerstört. In diesen Stunden größter Angst fand die Dresdnerin Hilfe bei der D.I.K in der Friedrichstadt. Hinter der Abkürzung verbirgt sich die "Dresdner Interventions- und Koordinierungsstelle zur Bekämpfung von häuslicher Gewalt. Dort nahm sich die Rechtsanwältin Anca Kübler der jungen Frau an.

Für Kübler war sofort klar, dass es sich hier um einen schlimmen Fall von Stalking handelt. Diese extreme Form der Nachstellung gilt in Deutschland als Straftat. "Wir haben gemeinsam einen Gewaltschutzantrag gefertigt." So konnte per Rechtsbeschluss erwirkt werden, dass sich der Mann Norah nicht mehr nähern darf. Der Spuk hatte endlich ein Ende.

Anca Kübler engagiert sich neben ihrem Anwaltsberuf ehrenamtlich für das Dresdner Frauenschutzhaus und dessen Anlaufstelle, die D.I.K. Laut einer Bundesstudie von 2004, die sehr umfangreich war und als repräsentativ gilt, wie die 39-Jährige betont, ist in Deutschland jede vierte Frau mindestens einmal in ihrem Leben von häuslicher Gewalt betroffen. Trotz öffentlich gepredigter Gleichberechtigung von Mann und Frau habe sich da nichts geändert. Es seien die alten Rollenbilder, die durchkommen und zum Machtgefälle führen, sagt Kübler. Häusliche Gewalt sei kein Randgruppenproblem, sondern ziehe sich durch alle Schichten. "Der Professor prügelt die Ehefrau, der Manager die Ärztin."

Schlagen, vergewaltigen, würgen, verbrennen, einsperren, demütigen, belästigen, kontrollieren - Gewalt hat viele Gesichter, weiß Silvia Belinda Müller, Initiatorin der Beratungsstelle, die nur zu oft ihre Klientinnen in der Traumaambulanz des Uniklinikums aufsucht. Seit der Existenz der Anlaufstelle im Jahre 2005 gibt es eine enge Zusammenarbeit mit der Polizei, die Opfer von häuslicher Gewalt bei der D.I.K. meldet. Im Schnitt kommen dreimal die Woche solche Faxe rein. "Wir nehmen dann von uns aus Kontakt auf. Denn die Betroffenen sind in der Krise so belastet, dass sie es oft nicht mehr zu uns schaffen", erklärt Müller. Viele Frauen kommen aber auch selbst. Im vergangenen Jahr wurden 389 Frauen in Not beraten, davon 144 durch die Polizei übermittelte Opfer. Aber auch 20 Männer haben 2012 Hilfe gesucht.

Die wenigsten schaffen diesen Schritt allerdings gleich nach dem ersten Gewaltübergriff. Erst wenn es völlig eskaliert - und versuchter Totschlag ist da laut Müller keine Seltenheit - wagen viele Frauen den Ausbruch. Zwei Sozialpädagoginnen in der D.I.K. stehen den Betroffenen dann zur Seite. Sie beraten zu rechtlichen Schritten, suchen gemeinsam nach neuen Lebensperspektiven und vermitteln an andere soziale Einrichtungen. In akuten Fällen finden bedrohte Frauen mit ihren Kindern Unterschlupf im Dresdner Frauenschutzhaus.

"32 Plätze haben wir dort", sagt Müller. "Und die Zimmer sind immer voll." Manche Gewaltopfer blieben eine Nacht, manche bis zu einem Vierteljahr. Je nachdem, wie schnell sie eine neue und vor allem sichere Bleibe finden. Zwischen 2000 und 2012 haben sich über 1300 Frauen mit 1200 Kindern im Dresdner Frauenschutzhaus vor ihren prügelnden Männern in Sicherheit gebracht. Aufgrund des schwierigen Wohnungsmarktes dehnen sich in jüngster Zeit einige Aufenthalte bis auf ein Dreivierteljahr aus. "Gerade kleiner günstiger Wohnraum ist in Dresden schwer zu bekommen", sagt Müller.

Sowohl das Frauenschutzhaus also auch die D.I.K. werden von der Stadt Dresden, dem Land Sachsen sowie von Spenden finanziert. Was das Beratungsangebot angeht, würde Müller gern mehr tun, scheitert aber an den fehlenden Mitteln. "Wir würden gern auch die Kinder adäquat beraten, die Zeugen von Gewalt zwischen ihren Eltern geworden sind", erklärt sie. Die Kinder stünden unter Schock und bräuchten unbedingt einen Ansprechpartner, um das Geschehene zu verarbeiten.

*verfremdetes Fallbeispiel

iD.I.K.: Fröbelstraße 55, Tel.: 0351/ 8 56 72 10, E-Mail: dik@fsh-dresden.de, www.fsh-dresden.de; 24-Stundennotruf des Frauenschutzhauses: 0351/28 17 78

Spendenkonto: Frauenschutzhaus Dres- den e.V., Konto-Nr. 791 550 700, BLZ 870 700 24, Deutsche Bank

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.12.2013

Arndt, Madeleine

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.