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AOK Plus bietet ab September ihren Versicherten Einblick in Arztabrechung

AOK Plus bietet ab September ihren Versicherten Einblick in Arztabrechung

In der Vergangenheit sind Mediziner wegen undurchsichtiger Leistungen und angeblicher Nähe zu Pharmakonzernen immer wieder in die Kritik geraten.

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Rolf Steinbronn, Chef der AOK Plus

Dresden . Seit Jahren fordern Experten mehr Transparenz im Gesundheitswesen. Die Krankenkasse AOK-Plus geht jetzt einen entscheidenden Schritt. Ab September können alle 2,7 Millionen Versicherten einsehen, welche Leistungen für sie abgerechnet wurden. Die DNN sprachen mit dem Vorstandsvorsitzenden Rolf Steinbronn über das neue Projekt, Privatisierungstendenzen und Probleme im Gesundheitswesen.

Frage: Herr Steinbronn, ab wann sollen alle Versicherten Patientenquittungen erhalten?

Rolf Steinbronn: Die Diskussion um mehr Transparenz im Gesundheitswesen gibt es schon lange. Mittlerweile hat die Informationstechnologie entscheidende Fortschritte gemacht. Die haben wir genutzt, um ein Informationsportal aufzubauen. Darüber können wir ab Herbst unseren Versicherten, die das wünschen, eine Patientenquittung bereitstellen.

Wie soll das funktionieren?

Der Versicherte loggt sich mit Kennwort und Passwort in sein persönliches Benutzerkonto ein. Dort findet er die Abrechnung von Leistungen, die er in Anspruch genommen hat: beispielsweise von behandelnden Ärzten, vom Krankenhaus, von Physiotherapeuten und der Apotheke. Allerdings geschieht dies mit einer zeitlichen Verzögerung, weil die Abrechnung erst am Quartalsende erfolgt. Bislang konnten nur Privatpatienten auf Rechnungen ihre abgerechneten Leistungen einsehen. Gesetzlich Versicherte mussten Quittungen ausdrücklich beim Arzt verlangen. Das wird jetzt anders.

Was erhoffen Sie sich davon?

Mehr Transparenz. Und dass die Menschen den Wert der Gesundheitsversorgung besser schätzen lernen. Immer wieder sind sie überrascht, wenn sie beispielsweise erfahren, dass die Geburt eines Frühgeborenen etwa 120 000 Euro kostet. Für viele gehört das Gesundheitswesen zur selbstverständlichen Grundausstattung. Doch es kostet Geld.

Patienten fühlen sich benachteiligt, Ärzte jammern, Krankenhäuser stehen vor der Insolvenz. Wo liegt der Fehler?

Gesundheit wird immer teurer. Unter anderem, weil Menschen immer älter werden, dann aber oft mehrere Krankheiten haben. Auch medizinischer Fortschritt kostet Geld: Medizingerätetechnik genauso wie Arzneimittel. Um davon zu profitieren, müssen wir bereit sein, sie auch zu bezahlen. Außerdem treibt ungesunde Lebensweise die Gesundheitskosten in die Höhe: Mangelnde Bewegung und falsche Ernährung begünstigen Volkskrankheiten wie Diabetes und Fettleibigkeit.

Geld für medizinischen Fortschritt - okay. Allerdings gehört die Pharmaindustrie zu den bestbezahlten Branchen in Deutschland. Bereichern sich die Pharmakonzerne an uns?

Die Frage ist nicht mit Ja oder Nein zu beantworten. Um Medizin zur Bekämpfung von Diabetes, Alzheimer oder Krebs zu entwickeln, muss geforscht werden. Pharmaforschung ist jedoch teuer. Der völlig freien Preisbildung durch die Hersteller von medikamenten hat das Arzneimittelneuordnungsgesetz seit einem Jahr zum Glück einen Riegel vorgeschoben. Dieses Gesetz verhindert, dass für sogenannte Nachahmerprodukte ungerechtfertigt viel Gewinn abgeschöpft wird - das ist schon mal ein Fortschritt. Außerdem haben wir durch Rabattverhandlungen mit Arzneimittelfirmen im vergangenen Jahr allein in Sachsen und Thüringen 80 Millionen Euro an Ausgaben gespart.

Kritik gibt es auch an den Fallpauschalen - dem Abrechnungssystem, das pro Patient und Diagnose bezahlt. Immer wieder werden Vorwürfe laut, dass zu viel operiert oder auch überbehandelt wird.

Das belegen unsere Zahlen auch: Mit der Einführung der Fallpauschale werden mehr Diagnosen gestellt. Der sogenannten Dokumentation der Krankheiten wird größere Bedeutung beigemessen. Die Deutschen sind sowohl Weltmeister bei Arztbesuchen als auch bei Operationen.

Der Krankenhaussektor ist von Priva- tisierung geprägt. Gerade erst hat der Freseniuskonzern - der nicht nur Krankenhausträger, sondern auch Produzent von Medizinprodukten ist - ankündigt, 53 Rhön-Kliniken übernehmen zu wollen. Für wie gefährlich halten Sie die Privatisierung?

Privatkliniken und auch große Ketten sind nicht von vornherein die Plattmacher. Angst vor Rosinenpickerei bei so einem Großkonzern habe ich nicht. Das kann er sich nicht leisten. Es wird Konzentrationsprozesse geben. Krankenhäuser in der Fläche werden sich zum Beispiel zu Portalkliniken entwickeln, die ihre Patienten zielgenau an Fachabteilungen überweisen. Und außerdem gibt es ja immer noch das Kartellamt, das auch auf diesem Gebiet die Konzentrationsprozesse überwacht.

Was empfehlen Sie den städtischen Krankenhäusern in Dresden Friedrichstadt und Neustadt?

Kommunale Krankenhäuser können genauso erfolgreich sein wie private, egal in welcher Trägerschaft. Ein gutes Beispiel ist hier das Krankenhaus St. Georg in Leipzig. Als Städtische GmbH hat es einen exzellenten Ruf und schreibt seit zehn Jahren schwarze Zahlen. Die Dresdner städtischen Krankenhäuser müssen von Stadtratsentscheidungen abgekoppelt werden. Ich habe nichts gegen den Stadtrat, doch medizinische Versorgung funktioniert nicht im Parteien-Format. Beweis dafür: in Leipzig ist seit 22 Jahren die SPD am Ruder. Die hatte dort nichts dagegen, dass das städtische Krankenhaus St. Georg in eine GmbH umgewandelt wurde. Die Dresdner SPD hatte in der Abstimmung zur Zukunft der kommunalen Krankenhäuser genau dagegen mobil gemacht.

Wie schätzen Sie die Aussichten für die Städtischen Krankenhäuser in Dresden ein?

Wie gesagt: Wichtig ist, die Krankenhäuser von politischen Entscheidungsstrukturen abzukoppeln. Zumindest gibt es jetzt eine einheitliche Leitung. Die Tendenz stimmt. Aber viel Zeit bleibt nicht mehr.

Die AOK Plus hat im letzten Jahr 354 Millionen Euro Überschuss erwirtschaftet und deswegen jetzt ihre Leistungen aufgestockt. Warum sparen Sie das Geld nicht für die Zeit knapper Kassen?

Wir heißen nicht nur Gesundheitskasse, sondern sind auch eine. Unsere neuen Zusatzleistungen beziehen sich zum größten Teil auf Prävention, besonders für Familien mit Kindern. Warum nicht Geld in die Prophylaxe stecken, wenn damit später Krankheiten und Kosten vermieden werden können? Krankheiten zu verhindern, ist doch immer noch die beste Strategie, um lange gesund zu bleiben.

Gespräch: Katrin Tominski

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