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Zuhause bei Unternehmer Wilhelm Zörgiebel: Über Ägypten und Zittau nach Dresden

Zuhause bei Unternehmer Wilhelm Zörgiebel: Über Ägypten und Zittau nach Dresden

Das Jahr 1977 hat Renate und Wilhelm Zörgiebel zueinander gebracht. Und sie dann auch nach Dresden geführt. Allerdings über den kleinen Umweg Ägypten.

Von MICHAEL ERNST

Was daraufhin mit jährlichen Besuchen begann, hat längst zu einem neuen Zuhause geführt. Seit gut zwei Jahrzehnten fühlen sich Zörgiebels als Dresdner. Doch ihr schönes Haus steht in Radebeul mit garantiertem Fernblick auf Elbtal und Landeshauptstadt, auf Weinberge, Spitzhaus und weit ins Elbsandsteingebirge hinein.

Tatsächlich erzählt Wilhelm Zörgiebel, wenn er von seinen ursprünglichen Dresden-Erlebnissen spricht, zuerst von diesem Jahr mit der Schnapszahl. Eine Urlaubsreise führte das damals noch junge und kinderlose Paar nach Ägypten, wo es einen Freund kennengelernt hat, der von einer Stadt namens Zittau berichtete. "Das hörte sich für mich damals an wie kurz hinterm Ural", erinnert sich Wilhelm Zörgiebel heute, "und dieser Freund fuhr da jedes Jahr hin. Also wollten wir unbedingt auch einmal mit." Seit diesem Jahr 1977 verbrachten sie zu Weihnachten oder um den Jahreswechsel herum stets ein paar gemeinsame Tage bei einem Zittauer Zahnarzt und einer Pfarrersfamilie. "Dass wir dann 1982 unseren ältesten Sohn in Zittau haben taufen lassen, dürfte eine echte Besonderheit sein, die ganz bestimmt nicht viele Westdeutsche erlebten." Nicht viele? Welcher Bundesbürger ist schon in der DDR getauft worden! Inzwischen lebt auch dieser Sohn mit seiner Familie in Dresden, ebenso dessen jüngerer Bruder. Dass sie gemeinsam mit ihren Frauen und Kindern sowie mit der jüngeren, noch unverheirateten Schwester über Weihnachten die Zörgiebelsche Villa in Radebeul mit Leben gefüllt haben, ist selbstverständliche Familientradition.

An solchen Relikten halten Zörgiebels sehr gerne fest. Das schafft einen Ruhepol in ihrem ansonsten reichlich bewegten Leben. Gleich nach den Feiertagen sind sie zum Skifahren aufgebrochen. Eine kleine Auszeit vor dem zu erwartenden Ansturm des neues Jahres, das Herausforderungen und einen "großen Aufbruch" bereithält.

Vor 20 Jahren war daran noch längst nicht zu denken. Damals hatte die familiäre Verbundenheit der Zörgiebels mit den Zittauer Freunden aber bereits die Basis gelegt für das, was im Jahr 1989 mit der so genannten Wende kam: "Ich habe noch in den letzten Dezembertagen nach dem Mauerfall für mich entschieden, dass ich in den Osten will." Das hat in München, wo Wilhelm Zörgiebel seinerzeit am Beginn einer traumhaften Karriere stand, kein Mensch verstanden, erinnert er sich. "Ich wollte nicht länger in diesen verknöcherten Unternehmensstrukturen bleiben - ich wollte den Umbruch!"

Symbiose aus Kunst und Wirtschaft

Den hat er bekommen und zu spüren gekriegt. Zwei Jahre als pendelnder Vertreter zwischen Ost und West, in seinem Fall also zwischen Nord und Süd, nämlich den neuen Bundesländern und Bayern, bis ihm dieses Hin und Her zu viel gewesen ist. Gemeinsam mit drei Freunden entschied er: "Wir kaufen eine Firma!" Nach zähem Ringen mit der Treuhand erwarb das Quartett die Deutschen Werkstätten Hellerau, eine "Symbiose aus Kunst und Wirtschaft", wie es der waghalsige Unternehmer von einst auch heute noch sieht. Innovation wurde bei ihm und seinen Kompagnons stets ganz groß geschrieben, also setzte man - allem Widerstand zum Trotz - auf höchst exklusive Qualität statt auf Massenmöbel. Heute produziert die Firma am Stadtrand von Dresden Ausstattungen für Villen und Yachten. Das macht sie rentabel und sichert Arbeitsplätze. Auf das fachliche Knowhow der Hellerauer Mitarbeiter lässt Zörgiebel nichts kommen. Sechs Jahre nach dieser Neugründung konnten auch die einst zu den Werkstätten gehörenden Grundstücke von der Treuhand zurückgekauft und saniert werden, eine neue Herausforderung für den bekennenden Innovator. Die 16-Stunden-Tage jener Zeit sind es ihm wert gewesen, resümiert er, denn daraus hervor gingen effiziente Firmen wie Biotype, Qualitype und Priotype. Deren Kernthemen sind Onkologie auf hochtechnologischer Basis, molekulargenetische Diagnostik sowie Bio-Informatiksysteme von enormem praktischen Wert. Inzwischen kam mit Genolytic noch ein Bereich hinzu, der sich auf Vaterschaftstests spezialisiert hat. Vernetzungen mit dem Max Planck Institut, der Technischen Universität sowie nationalen und internationalen Institutionen haben sich daraus ergeben. Und wenn der Gründer Wilhelm Zörgiebel, der als Wirtschaftsingenieur eine profunde Basis vorweisen kann, die er mit einem Doktortitel auf dem Gebiet des Innovationsmanagements gekrönt hat, in der urgemütlichen Küche mit den drei erwachsenen Kindern beisammen sitzt, kreisen die Gespräche rasch um fachliche Themen. Die Söhne Timm und Felix haben Molekularbiologie und Biophysik studiert, Tochter Corinna absolviert gerade ihr Studium der Biotechnologie in München.

In dieser Küche bringt aber auch Renate Zörgiebel viele Menschen zusammen. Seit zwölf Jahren betreut sie ehrenamtlich eine Au-Pair-Vermittlung, hat inzwischen zahllose Jugendliche aus aller Welt mit deutschen Haushalten zusammengebracht. Wenn da einmal im Jahr gemeinsam Plätzchen gebacken werden, geht es naturgemäß vielsprachig zu. Dutzende Bleche mit duftendem Gebäck sind die Folge. Seit 1995 wohnen die Zörgiebels nun schon in diesem 1906 errichteten Haus. Ihre Dresdner Anfangsjahre - nach dem nervenaufreibenden Pendeln des Vaters - werden sie nie vergessen. Da kam die Familie auf dem Gelände der Deutschen Werkstätten unter, drei Kinder in einem Anwesen, wo inzwischen etwa 50 verschiedene Firmen mit nahezu 500 Beschäftigten ihren Sitz hatten. Auch diese Zeit wurde gemeistert, ebenso der 1993 gestartete Umbau des heutiges Wohnsitzes. Mit berechtigtem Stolz schaut das Ehepaar auf die nach eigenem Bekunden "schönste Buche von Radebeul", die direkt vorm Haus steht. Dieser Baum mag als ein Sinnbild stehen, denn als es einst an die Wohnungssuche ging, geriet dieses Grundstück in der Rosenstraße sehr rasch ins Blickfeld. "Von hier aus sind wir ganz rasch in die Stadt gekommen, wo unsere Kinder zur Schule gingen, von hier aus ist es ein Katzensprung nach Hellerau ins Büro, von hier aus ist der Weg zum Flughafen nicht weit und auch die Kulturstätten sind von hier aus bestens erreichbar."

Keine Probleme, sondern Aufgaben

Damit umreißt Wilhelm Zörgiebel ganz nonchalant seine hauptsächlichen Ambitionen. Denn neben Schul- und Arbeitsalltag spielt im Leben seiner durchweg musischen Familie die Kultur eine ganz große Rolle. Dass und wie sehr er die bildenden Künste fördert, widerspiegelt sich in sämtlichen Räumen des Hauses. Namhafte Künstler wie Werner Schellenberg, Colin Ardley sowie Ekkehard und Reiner Tischendorf haben ihre Ateliers in den historischen Räumen der Deutschen Werkstätten. Wilhelm Zörgiebel ist durch diese Kontakte auf den Geschmack gekommen. Neben Arbeiten von Karl-Heinz Adler, Herrmann Glöckner und Ernst Hassebrauk hängen zahlreiche Werke der von ihm unterstützten Künstler an den Wänden.

Viele weitere Schätze kann er momentan jedoch gar nicht präsentieren. Die lagern im Keller. Denn das Haus wird gerade umgebaut, die oberen Etagen sind eine einzige Baustelle. Nachdem die bisherigen Mieter ausgezogen sind und auch die eigenen Kinder nur noch zu Besuch kommen, sollen mehrere Räume umgenutzt werden. Endlich Platz für eine großzügige Sauna, schon bald der Blick aus einer neuen Badewanne zum Spitzhaus, nicht länger muss die Modelleisenbahn ihr Dasein im Dunklen fristen.

Bei einer Führung durch die drei Etagen ist dem Ehepaar die Vorfreude anzumerken: "Wir wollen das umgebaute Haus richtig genießen!" Wieder und wieder bleibt der Hausherr vor einer Grafik, einem Gemälde oder einer Plastik stehen und hat eine kleine Geschichte zu jedem Kunstwerk parat. Mit leichtem Bedauern blickt er auf sein Klavier, das er selbst viel zu wenig genutzt hat in all den arbeitsreichen Jahren. Inzwischen widmet er sich der Musik lieber als Besucher von Staatskapelle und Philharmonie, man trifft ihn und seine Frau regelmäßig beim Moritzburg Festival, bei den Dresdner Musikfestspielen sowie bei Jazzkonzerten. Seit mehr als fünf Jahren ist er im Beirat des Staatsschauspiels, als Forsythe- und Tanzfan gehört er dem Förderkreis des Festspielhauses Hellerau an. Auch da ist er ganz Unternehmer und bringt sich ein, knüpft sinnvolle Netzwerke, sieht sich als Vermittler ohne viel Aufhebens davon zu machen.

Ob Hausumbau, Firmenleitung oder Kulturförderung - Wilhelm Zörgiebel stellt sich den Herausforderungen mit der Gelassenheit eines Connaisseurs. Es klingt wie ein Lebensmotto, wenn er am Küchentisch sagt: "Wir haben keine Probleme, wir haben Aufgaben."

Eine Reihe besonders schöner Aufgaben steht für das Neue Jahr an: Nach dem Ende der Bauarbeiten dürfen endlich wieder alle Kunstwerke ausgepackt und an ihre Stelle gehängt werden. Und dann stehen zwei 60. Geburtstage in einem gewiss perfekten Haus an, denn Renate und Wilhelm Zörgiebel sind beide im selben Jahr geboren. Übrigens hat auch ihre Heirat 1981 mit dem symbolträchtigen Jahr 1977 zu tun. Sie waren damals gemeinsam zur Hochzeit von Freunden eingeladen. Von Dresden und Radebeul werden sie damals noch nicht mal geträumt haben. Inzwischen haben sie dort ein schönes Zuhause gefunden.

Wilhelm Zörgiebel

Unternehmer

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.01.2013

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